Zum letzten Mal: John Demjanjuk gestern auf dem Weg zum Gerichtssaal.

Der Angeklagte schwieg bis zuletzt

München - 93 Tage lang verhandelte das Landgericht München II, um herauszufinden, ob John Demjanjuk den Nazis beim Töten half. Jetzt verkündeten die Richter ihr Urteil: Der 91-Jährige ist schuldig der Beihilfe zum Mord an 28 060 Juden.

Es war die letzte Chance für John Demjanjuk (91). Die letzte Chance, zu berichten. Von den Gräueltaten der Nazis. Von seinem Beitrag zur Vernichtungsmaschinerie im Lager Sobibor. Doch als der Vorsitzende Richter Ralph Alt dem Angeklagten gegen halb elf Uhr das letzte Wort erteilt, da murmelt Demjanjuk etwas und schüttelt den Kopf. „Nein“, übersetzt die Dolmetscherin. Er schweigt. Bis zuletzt. Dabei hatten die Hinterbliebenen der Ermordeten so sehr auf seine Worte gewartet.

So muss das Landgericht München II ein Urteil fällen, ohne je den Angeklagten selbst gehört zu haben. Doch es reicht den Richtern, was sie in 93 Prozesstagen, seit November 2009, gehört und gesehen haben - all die Zeugen, Historiker und tausende Seiten Dokumente. Sie erklären Demjanjuk für schuldig der 16-fachen Beihilfe zum Mord. Als Wachmann in Sobibor, als von den Nazis rekrutierter, sogenannter „Trawniki“, habe er dabei geholfen, mindestens 28 060 Menschen zu ermorden, die in 16 Transporten ins Lager gekarrt, gequält und getötet wurden. Die Strafe: fünf Jahre Haft.

Dieser Mann forderte die Freilassung Demjanjuks.

Zu Beginn seiner zweieinhalbstündigen Urteilsbegründung stellt Ralph Alt klar, dass das Gericht nicht die Aufgabe hatte, deutsche oder europäische Geschichte aufzuarbeiten. Es habe sich hier um einen Schwurgerichtsprozess gehandelt, wie ihn das Gericht jede Woche, jedes Jahr führt. „Es steht nicht das deutsche Volk vor Gericht, sondern ein Mann“, betont Alt. Und dieser Mann sei „schichtweise als Wachmann an den wesentlichen Stationen des Vernichtungsprozesses beteiligt“ gewesen. Das Gericht ist überzeugt davon, dass er von März bis September 1943 als Trawniki arbeitete. Es gibt zum Beispiel einen Dienstausweis mit Bild und Unterschrift. Isoliert betrachtet könne der Ausweis zwar nicht seine Zugehörigkeit belegen. Doch es gehe um die Zusammenschau aller Beweisstücke. „Wenn man alle Dokumente zusammenfügt, passen sie in ein Puzzle.“

Jules Schelvis: „Ich finde das Urteil okay.“

Das Gericht ist sich bewusst, dass sich Demjanjuk „nicht freiwillig in seine Situation gebracht hat“. Die Trawnikis wurden von den Nazis aus Kriegsgefangenenlagern rekrutiert. Doch: „Eine Flucht aus Sobibor war möglich“, betont Alt. Das würden andere Fluchten belegen.
Es ist still und stickig im Saal, als Ralph Alt das Grauen schildert - die Schläge, das Sterben in den Gaskammern, das Herausbrechen der Goldzähne. Als er die Namen der ermordeten Eltern und Geschwister der Nebenkläger verliest, fließen stumme Tränen. Frauen umarmen sich, weinen wortlos.

Die Vernichtungsmaschinerie Sobibor: Hier hat Demjanjuk 1943 als Helfer der Nazis gearbeitet.

Demjanjuk ist den ganzen Prozess über stumm geblieben. Das ist es, was die Nebenkläger wütend macht. „Er wollte nicht sprechen“, sagt Jules Schelvis (90), „er hat sein Recht verloren, etwas zu sagen. Er wollte nicht.“ Auch Robert Fransman (70) ist enttäuscht von Demjanjuks Sprachlosigkeit. „Es war ihm damals wurscht, es ist ihm heute wurscht“, sagt er. „Er hat gewählt, sein Leben mit einer Lüge zu leben.“ Er habe dafür bezahlt. Das Urteil sei „die letzte Bezahlung“. Auch Fransman weinte im Gerichtssaal. Es seien Tränen der Trauer gewesen - und Tränen der Erleichterung. „Es ist vorbei.“
Der große Prozess ist vorbei. Doch zu Ende ist der Fall noch nicht. Verteidiger Ulrich Busch kündigte an, Revision einzulegen. Bis zu einer endgültigen Entscheidung bleibt John Demjanjuk ein freier Mann. Das Gericht hat den Haftbefehl nach zwei Jahren Untersuchungshaft aufgehoben, weil keine Fluchtgefahr besteht. Nun will sich die ukrainische Gemeinde in München um den staatenlosen Mann kümmern.

von Nina Gut

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