Sturm auf Tresore und Safes

Angst vor Einbrüchen: Was München alles bunkert

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München - Immer mehr Menschen wollen ihr Hab und Gut besonders sicher wissen. Wir haben uns umgehört: Was München alles bunkert.

Die Angst geht um: Immer mehr Deutsche mieten sich ein Schließfach bei einer Bank oder kaufen sich einen Tresor für das traute Heim. Deutschlandweit sind bei Geldinstituten rund 80 Prozent der Safes mittlerweile belegt – und die Nachfrage steigt, wie aktuell eine Umfrage des Handelsblatts ergab. 

Schließfächer bei Münchner Banken sind begehrt.

In München stellt sich die Situation mit teilweise 97 Prozent Auslastung bei den Geldinstituten noch dramatischer dar. Ein Grund sind unter anderem die Null- oder sogar drohenden Strafzinsen bei den Banken. Von zahlreichen Verbraucheranfragen zu Investitionen in Edelmetalle berichtet Sibylle Miller-Trach, Finanzjuristin bei der Verbraucherzentrale Bayern. „Viele Sparer befürchten Negativzinsen“, sagt sie. Doch wenn ein Teil des Vermögens etwa in Gold angelegt werde, müsse dies auch irgendwo verwahrt werden. So mancher entscheidet sich da für ein Schließfach oder einen Tresor. Weiterer Grund für einen Safe bei Geldinstituten oder daheim: die wachsende Angst vor Einbrüchen. In München sind es 3500 im Jahr. Also rund 300 Einbrüche im Monat, etwa zehn pro Tag. Wir haben uns bei Münchner Banken und einem Verkäufer für Privattresore umgehört – außerdem berichten drei Münchner, was sie in Schließfächern alles bunkern.

Leute sind verunsichert

„Vor allem Urkunden habe ich in meinem Schließfach bei der Bank verwahrt. Drei Jahre lang hatte ich das Fach, dann war mir die Mühe zu groß. Ich verstehe aber, wenn immer mehr Leute einen Safe wollen: Viele sind verunsichert, was in der Zukunft kommt.“ Gabriele von Ende (72), Malerin, Haar

Ständig diese Einbrüche

„Ich spiele schon mit dem Gedanken, mir irgendwann ein Schließfach zuzulegen. Zinsen auf die Konten gibt es eh so gut wie nicht mehr – und ständig höre ich von Einbrüchen. In so ein Schließfach kann jeder an Wichtigem packen, was er will – das ist auf alle Fälle praktisch.“ Christine Rauch, Ex-Sekretärin von Alt-OB Christian Ude, München

Wichtige Unterlagen

„Seit zehn Jahren habe ich ein Schließfach bei der Bank. Dort lagere ich wichtige Unterlagen. Das sind einerseits Dinge, die einen ideellen Wert für mich haben. Aber auch Sachen, die zuhause verlorengehen könnten, wie Verträge oder Sparbücher.“ Berthold Neizert (57), Physiker, München

Schließfächer ausgebucht

Sparkassen-Sprecher Joachim Fröhler nutzt selbst auch ein Schließfach.

Insgesamt 26 500 Schließfächer hat die Stadtsparkasse auf ihre 57 Stand­orte verteilt. Davon sind weniger als 1000 noch frei, fast 97 Prozent also belegt! „Seit ein paar Jahren ist die Nachfrage enorm gestiegen“, sagt Sprecher Joachim Fröhler. Die Stadtsparkasse vergibt Schließfächer nur an ihre Kunden. Jährliche Miete: ab 70 Euro. An manchen Standorten des Instituts gibt es bereits Wartelisten. Auch Fröhler selbst hat ein Schließfach. Dort verwahrt er Ersatzschlüssel und wichtige Dokumente. Mit dem Beginn der Finanzkrise hätten viele Vermögende einen Teil ihres Geldes in Gold angelegt – das nun in den Schließfächern lagere. Die Reaktion der Bank auf den Boom: Sie will in diesem Jahr noch mehr Schließfächer einrichten.

Einen Trend nach oben in Sachen Schließfächer verzeichnet seit eineinhalb Jahren auch die Commerzbank in ihren etwa 70 Filialen. Aktuell gebe es aber noch genügend Kapazitäten, so Sprecher Hans-Peter Rudolph. „Vielleicht nicht in jeder Filiale, aber dann müssen die Kunden notfalls in eine nächst gelegene ausweichen.“ Preislich liegen die Safes hier zwischen 89 und 449 Euro.

„Unsere Depots sind gut ausgelastet“, sagt auch Sprecherin Larissa Klaus von der Münchner Bank. Einen besonderen Anstieg der Nachfrage hätten sie aber in letzter Zeit nicht verzeichnen können. Auch bei der Hypo Vereinsbank gibt es laut einer Unternehmenssprecherin noch freie Schließfächer. Die Postbank dagegen etwa hat die Fächer gar nicht im Angebot.

Eine weitere Möglichkeit, diese Art von Safes – vor allem für die Lagerung von Edelmetallen – anzumieten, besteht etwa bei Goldhändlern wie Pro Aurum und Degussa. Bei Pro Aurum in München gibt es 422 Schließfächer – „doch momentan sind alle vergeben“, so Sprecher Benjamin Summa. „Wir sind derzeit dabei, unsere Schließfachanlage um über 200 Einzelschließfächer zu erweitern.“

Tresor-Branche boomt

Seit mehr als 35 Jahren im Tresor-Geschäft in München: Gerhard Werner.

Seit 1980 verkauft Gerhard Werner (61) Tresore an der Tegernseer Landstraße. „Wir haben zehnmal so viel Arbeit wie zu unseren Anfangszeiten.“ Eins habe sich geändert: Heute gebe es viel mehr Auswahl an Stahlschränken. „Die Leute vergleichen mehr.“ Früher seien Interessenten froh gewesen, überhaupt einen Safe gefunden zu haben. Heute böten auch beispielsweise Baumärkte die Sicherheitsschränke an. Doch wer bei Werners Geschäft „Dr. Heindl Tresore“ fündig wird, der bekommt Service zum Kauf dazu. Werners Angestellte transportieren den Neuerwerb etwa diskret bis in den Keller. Ein aktueller Trend, den Werner beobachtet: So manche Firma kaufe eine große Anzahl an Tresoren bei ihm ein. „Die geben sie Kunden gratis dazu, die Geld von der Bank holen und bei ihnen in Gold anlegen.“

Den Boom in der Tresorbranche kann auch Dietmar Schake bestätigen. Der Vertriebsleiter beim größten deutschen Tresorhersteller Burg-Wächter berichtet von 20 Prozent Zuwachs im vergangenen Geschäftsjahr. Als Gründe für den Anstieg nennt er die Einbruchszahlen in Deutschland, den Strafzins und die immer knapper werdenden Schließfächer bei Banken. Ab einem Preis von 500 Euro seien hochwertige Tresore zu haben, sagt der Experte. Die können die Eigentümer ganz in James-Bond-Manier mit dem Smartphone verbinden– oder per Fingerabdruck öffnen.

Ramona Weise, Sebastian Daiminger

Rubriklistenbild: © dpa

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