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Letzte Ruhe auf dem Waldfriedhof: Hier liegen die anonymen Gräber für Verstorbene, die das so wünschten. 

Schicksal einer Münchnerin

Anonyme Bestattungen: Trauer ohne Ort

München - Wer sich anonym bestatten lässt, tut das oft, um Angehörigen Kosten und Mühen zu ersparen. Experten raten aber, sich das genau zu überlegen, denn: Ein Ort zum Trauern ist für viele Angehörige wichtig. Gerade erlebt wieder eine Münchnerin, was es bedeutet, nicht zu wissen, wo ihre Mutter beigesetzt wird.

Erika Seifert (Namen geändert) ist fassungslos. Dass ihre Mutter Angelika mit 87 Jahren am Tag vor Heiligabend starb, erfährt sie am zweiten Weihnachtsfeiertag. Da liegt der Brief der Städtischen Bestattung im Briefkasten. Sie solle sich um die Bestattung ihrer Mutter kümmern, heißt es darin. Doch so weit kommt es nicht. Wenig später erreicht sie der Anruf eines Stadtmitarbeiters. Ihre Mutter habe verfügt, dass sie anonym bestattet werden wolle. Der gesetzliche Betreuer ihrer Mutter habe diese Verfügung eingereicht. Es sei alles geregelt. „Das geht doch nicht“, sagt Seifert. „Ich möchte doch wissen, wo meine Mutter beerdigt wird.“

Wie Seifert geht es Menschen immer wieder. 502 Münchner haben im Jahr 2015 festgelegt, dass sie anonym bestattet werden wollen. In der Landeshauptstadt bedeutet das, dass der Tote eingeäschert wird und die Urne auf einer Wiese im neuen Teil des Waldfriedhofs beigesetzt wird – ohne Feier, ohne Angehörige und meist früh am Morgen, wenn der Friedhof für Besucher noch geschlossen ist. Und: Kein Anhaltspunkt verrät, wo der Verstorbene seine letzte Ruhe gefunden hat. Mehr als 20 000 Urnen sind seit 1973 auf diese Weise bereits bestattet worden.

Der Grund dafür, dass Menschen diese Bestattungsform wählen, ist oft derselbe: Die Leute wollen niemandem zur Last fallen, wollen den Angehörigen Zeit, Geld oder das Überbrücken großer Entfernungen für die Grabpflege ersparen. „Namen- und grablos bestattet zu werden, sollte aber wohl bedacht sein“, warnt der Bestatter Karl Albert Denk, der seit Jahrzehnten im Raum München tätig ist. „Die Erfahrung hat gezeigt, dass es für Angehörige und Freunde wichtig ist, einen konkreten Ort zu haben, an dem Abschied und Trauer einen Platz haben“, heißt es bei Denk weiter. Auch die städtische Friedhofsverwaltung rät Münchnern, sich die Entscheidung gut zu überlegen. „Trauer braucht einen Ort“, heißt es von hier.

Genau darum geht es auch Erika Seifert. Es ist nicht in erster Linie der Schmerz, nicht bei der Beisetzung dabei sein zu können, sondern der fehlende Ort. „Ich will meine Mutter doch besuchen können“, sagt sie. Erfahrung mit verzweifelten Menschen, die den genauen Bestattungsort ihrer Angehörigen ausfindig machen wollen, hat die Friedhofsverwaltung zur Genüge. „Diese Menschen rufen in der Verwaltung an, gehen die Wiese im Waldfriedhof auf und ab, suchen mit Mitarbeitern an Ort und Stelle das Gespräch. Fast täglich ist dies der Fall“, hatte Friedhofschefin Kriemhild Pöllath Schwarz vor einiger Zeit einmal erzählt. Doch helfen können die Mitarbeiter den Suchenden nicht. „Anonym bedeutet, dass niemand erfährt, wo sich das konkrete Grab befindet“, sagt Alois Maderspacher, Sprecher im Gesundheitsreferat, dem die Friedhofsverwaltung angegliedert ist. Der letzte Wille des Verstorbenen muss respektiert werden.

Oft herrscht auch der Irrglaube vor, eine anonyme Bestattung sei die günstigste Art der Beisetzung. Zwar sind die Kosten für die Trauerfeier, die Einäscherung und die Bestattung in einem Urnengrab identisch. Doch bei den Grabgebühren geht es auch mit geringeren Kosten: Für ein anonymes Grab auf der Wiese am Waldfriedhof fallen einmalig 450 Euro an. Ein eigenes Urnen-Erdgrab ist dagegen schon für 25 Euro im Jahr zu haben, in zehn Jahren fallen also nur 250 Euro an. Und: Menschen, die sich eine Bestattung ihrer Angehörigen nicht leisten könne, hilft ohnehin das Sozialreferat.

Auch, wenn es nicht um den Preis einer Bestattung geht: Die Experten raten in jedem Fall dazu, die Entscheidung für eine anonyme Bestattung sorgfältig abzuwägen – „und sie vor allem mit den nächsten Angehörigen eingehend in Hinblick auf die damit verbundenen Konsequenzen zu besprechen“, wie Maderspacher betont.

Die Zahl der anonymen Bestattungen indes ist derzeit stabil. Seit 2010 bewegt sie sich zwischen 500 und 600 im Jahr. Der Hintergrund ist auch, dass in jenem Jahr die Friedhofssatzung der Landeshauptstadt geändert wurde. Seither muss der Wunsch nach einer anonymen Bestattung nicht nur mündlich überliefert, sondern schriftlich verfügt sein.

Angehörige, die Zweifel haben, ob der Wunsch nach einer anonymen Bestattung tatsächlich dem Wunsch des Verstorbenen entspricht, können zivilrechtlich dagegen vorgehen. Auch Seifert will von diesem Recht Gebrauch machen. Wer rechtzeitig die städtischen Friedhöfe informiere – solange die anonyme Beisetzung noch nicht erfolgt ist – müsse lediglich sein Verwandtschaftsverhältnis zum Verstorbenen belegen. „Dann wird die Beisetzung bis zur Klärung ausgesetzt“, sagt Maderspacher. Ein Erbschein müsse hierfür nicht vorliegen.

Caroline Wörmann

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