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Ein Leben im Dienst des Humoristen: Gunter Fette sitzt mit einer Karl-Valentin-Marionette am Schreibtisch seiner Kanzlei.

Warum liebt München den Humoristen nicht?

Seit 45 Jahren kämpft dieser Anwalt für Karl Valentin

  • Johannes Löhr
    vonJohannes Löhr
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München - Anwalt Gunter Fette kämpft seit 1970 für das Werk des Humoristen Karl Valentin. Er hadert damit, dass München seinen berühmten Sohn nicht liebt. Lesen Sie das Interview.

Kaum einer kennt Karl Valentin besser als Gunter Fette. Der 73-Jährige hat noch von der Tochter des berühmten Münchner Humoristen den Auftrag bekommen, dessen Nachlass zu regeln. Heute muss Fette, zu dessen Mandanten auch Curd Jürgens, Lieselotte Pulver und Maria Schell gehörten, gegen Internet-Piraterie kämpfen. Er kann nicht nachvollziehen, dass Valentin in der Heimat nicht so recht liebgehabt wird – und er könnte sich maßlos darüber aufregen, dass man Heino den „Karl-Valentin-Orden“ verliehen hat.

Herr Fette, als Nachlassverwalter von Karl Valentin mahnen Sie laufend Menschen wegen Urheberrechtsverletzungen ab. Ein ziemlich humorloser Job – wie passt das zu dem großen Humoristen Valentin?

Gunter Fette: Das muss ich gleich richtigstellen. Ich habe meinen Job nie als humorlos betrachtet – ganz im Gegenteil. Ich wäre nie Anwalt geworden, um für die Deutsche Bank oder Siemens zu arbeiten. Ich wollte von Anfang an nur in den künstlerischen Bereich: Film, Theater, Bücher. Und Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen sind auch nicht humorlos, sondern eine Notwendigkeit gegen die Missachtung künstlerischer Leistungen und auch aus Respekt gegenüber den Urhebern geboten.

Sie haben schon als junger Anwalt Stars wie Curd Jürgens oder Maria Schell vertreten. Wie kam’s dazu?

Fette: Ich habe mich schon während der Referendarzeit in Richtung Urheberrecht bewegt. Dann hatte ich Glück, dass ich als junger Anwalt bei Gustav Brugger eine Anstellung fand, der damals, also 1970, wohl einer der renommiertesten Filmanwälte in München war. Er hat mich auch gleich bei seinen berühmten Mandanten eingesetzt.

Wie war es, dem großen Curd Jürgens gegenüberzutreten?

Fette: Ich werde meinen ersten Besuch bei ihm im Bayerischen Hof nie vergessen. Es war ein glühend heißer August-Tag. Er lag da in seiner Suite auf dem Sofa, nur mit einem Slip bekleidet. Da stand ich nun vor ihm mit schlotternden Knien. Und er: „Jetzt trinken wir beide erst mal einen“, und mit dem nackten Fuß zog er den Bar-Wagen zu sich. Von dem Moment an war jede Befangenheit vom Tisch – zwischen uns herrschte Herzlichkeit und Vertrauen, das war wunderbar. Er war völlig anders als das Bild, das in der Öffentlichkeit von ihm kursierte. Er war schon auch ein Renaissance-Fürst – aber demütig gegenüber dem unendlichen Glück, das ihm das Leben beschert hat. Er hatte keine Starallüren.

Wie sind Sie dann zu dem Valentin-Experten geworden, der Sie sind?

Fette: Ich war gerade neu in der Kanzlei, als ein großer Pappkarton voll ungeordnetem Papier auf meinem Schreibtisch stand. Brugger sagte: Da ist der Karl-Valentin-Nachlass drin, den sollen wir jetzt verwalten – und das machen Sie! Ich kannte Valentin damals zugegebenermaßen kaum.

Wer hatte sich vorher um das Erbe gekümmert?

Fette: Bertl Böheim, Valentins Tochter – aber ihr wuchs das über den Kopf, und darum wandte sie sich an unsere Kanzlei. Der Umgang mit ihr war unkompliziert und auch menschlich sehr schön. Sie hatte noch was von Valentin. Sie bemerkte meine Unsicherheit, mein Bemühen, alles richtig zu machen – und hat mich immer auf die Schippe genommen. „Was haben Sie denn da wieder gemacht? Was soll das denn nun wieder?“ Ich kam in Erklärungsnot und sie lachte sich kaputt, weil ich wieder einmal auf sie hereingefallen war.

Wie verwaltet man so einen berühmten Nachlass?

Fette: Die Verwaltung betraf zum einen die Ausarbeitung von Verträgen zu neuen Verwertungen, die immer mehr zunahmen, dann aber auch die Beantwortung von vielen Anfragen zu Valentin. Da waren auch Kuriositäten dabei: „Wir sind die Freiwillige Feuerwehr, wir haben hundertjähriges Fahnenjubiläum und möchten zu diesem Anlass den ,Firmling‘ aufführen. Wir bitten um Zusendung des ,Firmlings‘ per Nachnahme“ – auf eine Postkarte geschrieben. Dann kam die Fernsehauswertung der alten Filme – das war mein erster großer Musterprozess.

Worum haben Sie da gestritten?

Fette: Die Filme hatte jemand gekauft und sie fürs Fernsehen weiter lizensiert. Der Bayerische Rundfunk hatte sie gesendet. Das war unberechtigt, weil es das Fernsehen zu Valentins Zeit noch nicht gab und er deshalb dafür noch keine Rechte übertragen haben konnte. Die Gegner waren hartnäckig, da ist mit harten Bandagen gekämpft worden – bis hin zu einer angeblichen Nazivergangenheit und besonderen Linientreue Valentins. Die Argumentation war abenteuerlich. Die Gerichte haben uns Recht gegeben – und wir haben die Fernsehauswertungsrechte für die Valentin-Erben gerettet, die auch viel Geld wert waren.

Und heute ist das Internet dazugekommen.

Fette: Genau. Da wird besonders oft ignoriert, dass für Valentin ein Urheberschutz gilt. Er wird einfach genutzt – Missbräuche am laufenden Band auf privaten Websites, auf gewerblichen Seiten, für Werbung.

Welcher Spruch wird im Internet am häufigsten illegal verwendet?

Fette: Das geht quer durch sein ganzes Repertoire, da Valentin ja praktisch für alle Lebenslagen einen treffenden Spruch hatte Ein anderer ganz schlimmer Fall: Die Münchner Plattenfirma Trikont hat eine Werkausgabe mit allen Original-Tondokumenten Valentins herausgebracht. Die wird jetzt im Internet zum Runterladen angeboten – absolut identisch und rechtswidrig. Da sitzt einer auf den Bahamas oder sonst wo, und wir kommen an den nicht ran. Früher hatten wir vielleicht drei Urheberrechtsverletzungen im Jahr. Heute sind es drei im Monat.

Und was ist Ihr Lieblings-Stück von Valentin?

Gunter Fette mit einer Valentin-Marionette.Fette: Das ist schwierig, da gibt’s zu viele. Aber das Theaterstück „Die Orchesterprobe“ liebe ich besonders. Dieser Irrwitz! Der Fechtkampf mit den Geigenbogen! Und der Dialog über einen Zufall, der keiner sein soll. Aber es gibt 413 Werke von Karl Valentin, und sie sind ganz überwiegend gut.

Gunter Fette mit einer Valentin-Marionette.
Wie lange gelten die Rechte noch?

Fette: Das ist bei Valentin wieder nicht ganz einfach. Eigentlich laufen die Rechte 70 Jahre nach dem Tod des Künstlers aus, das wäre in Valentins Fall 2018. Aber es gibt bei 25 Werken eine Miturheberschaft von Liesl Karlstadt. Da sind die bekanntesten Stücke dabei wie der „Firmling“, „Im Fotoatelier“ oder die „Orchesterprobe“. Da Liesl Karlstadt zwölf Jahre später gestorben ist, verlängert sich der Schutz in diesen Fällen um zwölf Jahre.

Und ab 2018?

Fette: Auch dann kann man mit Valentin nicht machen, was man will. Wir haben die Marke Karl Valentin eintragen lassen. Wir wollen das Andenken an ihn schützen, das Schlimmste verhindern. Es darf kein Bier oder Geschäft namens Karl Valentin ohne Genehmigung der Erben geben.

Wie viel verdienen die Erben mit den Rechten?

Fette: Auf jeden Fall hat Karl Valentin nach seinem Tod ein Mehrfaches dessen verdient, was er zu Lebzeiten eingenommen hat. Und zu Lebzeiten hat er sehr gut verdient. Er bekam für einen Film zu seinen besten Zeiten bis zu 12 000 Mark. Aber er hat seine Einnahmen gleich wieder in neue Projekte gesteckt und er ist arm gestorben. Später haben seine Werke den Nachkommen ein gutes Einkommen gebracht.

Sie und andere haben sich lautstark geärgert, als die Faschingsgesellschaft Narrhalla dem Schlagersänger Heino den Karl-Valentin-Orden verleiht. Warum?

Fette: Dieser Orden ist ein Stachel in meinem Fleisch. Begonnen hat das im Jahr 1972. Da hat Bertl Böheim manchmal noch Dinge im Alleingang gemacht. So hat sie wohl auch mal zwischen Tür und Angel diesen Karl-Valentin-Orden genehmigt. Die ersten Preisträger waren ja auch durchaus honorig. Aber dann fing irgendwann die Sauerei an.

Welche Sauerei?

Fette: Da wurden Politiker ausgezeichnet, die mit Valentin aber auch rein gar nichts zu tun hatten. Aber da war’s zu spät. Bei Heino ist uns dann der Kragen geplatzt. Dieser Preisträger ist eine Demütigung für Karl Valentin. Hier war offensichtlich, dass man nur einen Promi gebraucht hat, der für die Veranstaltung der Narrhalla den Saal füllt. Unsäglich. Die Narrhalla ist ein so humorloser Verein.

Kaum zu glauben: Lange Jahre schien Valentin der Münchner Öffentlichkeit ziemlich egal zu sein.

Fette: Es ist wirklich unbegreiflich. Als nach Valentins Tod seine Frau in Finanznot geriet, bot sie für 10.000 Mark seinen Nachlass, Manuskripte, Zeichnungen, Fotos und Filmentwürfe, der Stadt München zum Kauf an, doch die hatte kein Interesse. Der Kölner Theaterwissenschaftler Carl Niessen kaufte diesen Nachlass dann für 7000 Mark. München wollte nur Valentins Postkartensammlung – für ganze 70 Mark. Niessen verkaufte den erworbenen Valentin-Nachlass später an die Uni Köln – für einen höheren sechsstelligen Betrag.

Verwalten Sie auch den Kölner Valentin-Nachlass?

Fette: Nein, der ist schlicht verkauft. Die Sammlung liegt im Theaterwissenschaftlichen Institut Köln nur herum. Bis auf den heutigen Tag. Sie ist nicht katalogisiert, nicht aufgearbeitet. Wir wollten das veranlassen und die Kölner wären auch damit einverstanden gewesen, aber das Geld dafür sollten wir aufbringen. Das hätte ungefähr 50 000 Euro gekostet. Also habe ich mich hier in München auf die Suche gemacht, habe alle großen Stiftungen – von der Sparkasse, von der Augustiner-Brauerei, und so weiter – angeschrieben. Man hatte für Valentin keinen Cent übrig. Ich habe zum Teil nicht einmal eine Antwort gekriegt.

Das ist fast schon valentinesk, dass seine Heimatstadt ihn bis heute so gering schätzt.

Fette: Von Anfang an. Als in der DDR Valentin-Schallplatten veröffentlicht wurden, waren auf einen Schlag 200 000 Stück verkauft. Solche Stückzahlen wären bei uns nie denkbar gewesen. Valentins Anarchie wurde dort als Fluchtpunkt für all das genutzt, was man von obrigkeitswegen nicht durfte. Auch in den Theatern der DDR waren Valentins Stücke ständig und langfristig im Programm, sogar mit Gastspielen in der Sowjetunion und der Ukraine. In Portugal, Italien, Frankreich, Spanien wird Valentin häufig im Theater gespielt. Nur in Deutschland nicht. Und wenn, dann eher im preußischen Bereich. In München: kaum. Heute noch nicht. Valentin ist seit über 35 Jahren weder an den Kammerspielen noch am Residenztheater aufgeführt worden.

Woran liegt das?

Fette: Mir wurde immer gesagt: Man traut sich nicht an Valentin ran.

Aber warum?

Fette: Weil er das große bayerische Denkmal sei, weil man ihn nicht nachspielen könne. Natürlich kann man ihn nicht imitieren, keine Chance. Aber dass seine Texte selbst einen eigenen Wert haben, das beweist ja sein Riesenerfolg im Ausland, wo man Valentin als Figur ja nicht gesehen hat. Diesen über die eigene Darstellung durch Valentin und Karlstadt weit hinausgehenden literarischen Wert der Werke hat man bisher anscheinend nur im fremdsprachigen Ausland erkannt.

Nachdem Valentins Enkelin Anneliese Kühn vergangenes Jahr gestorben ist – was hat sich für Sie geändert?

Fette: Eigentlich gar nichts. Frau Kühn hat ja drei Kinder, die nun auch den Valentin-Nachlass geerbt haben. Die Verwaltung ist aber weiter mir übertragen, wie nun schon seit 45 Jahren und mittlerweile für die dritte Erbengeneration.

Hat es Streitigkeiten gegeben?

Fette: Nein, überhaupt nicht, es geht alles im besten Einvernehmen. Manchmal gibt es allerdings Erbengemeinschaften im künstlerischen Bereich mit großen Differenzen unter den Beteiligten: Die Brecht-Erben waren dafür ein Beispiel. Es gibt in meiner Branche übrigens einen Spruch: Künstlerwitwen gehören verbrannt – weil sie nur Unheil anrichten.

Wie geht es eigentlich Liselotte Pulver?

Fette: Sie erfreut sich ihres Lebens. Ich kenne sie mittlerweile seit 40 Jahren, ein Leben lang. Es war nicht immer ganz einfach mit ihr, sie ist manchmal etwas kompliziert, was ihre Entschlusskraft und Entscheidungsfreudigkeit anbelangt. Aber „sie hat immer eingehalten, was sie vorher nicht versprochen hat“, wie ich es oft formuliert habe.

Wie lange wollen Sie noch weitermachen?

Fette: Darauf kann ich keine Antwort geben. Es macht mir immer noch Spaß – auf Rechtsstreitigkeiten habe ich allerdings keine Lust mehr. Ich kümmere mich um die künstlerischen Nachlässe meiner verstorbenen Mandanten, die oft auch persönliche Freunde waren. Ich gebe CD-Editionen und Bücher heraus.

Glauben Sie, dass Sie und Valentin sich verstanden hätten?

Fette: Am Anfang hätten wir sicher unsere Konflikte gehabt. Von dem einen oder anderen hätte ich ihm auch abgeraten, wobei er wahrscheinlich nicht auf mich gehört hätte. Aber doch, ich glaube schon, dass wir gut miteinander ausgekommen wären. Es gibt Leute, die mir sagen: Gunter, manchmal red’st schon wie der Valentin.

Das Interview führte Johannes Löhr.

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