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Robert Goetz im Garten seines Einfamilienhauses in der Gartenstadt Harlaching.

Problem der Nachverdichtung

Anwohner sorgen sich um Gartenstädte

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München - Weil Wohnraum knapp ist, muss in München nachverdichtet werden. Vor allem Bewohner der Gartenstädte fürchten, dabei Lebensqualität zu verlieren. Die Stadt will nun Verfahren prüfen, wie man die grünen Oasen besser schützen kann – den Anwohnern dauert das jedoch viel zu lange.

Robert Goetz steht im Garten seines Einfamilienhauses in der Gartenstadt Harlaching und schüttelt sorgenvoll den Kopf. „Ich bin entsetzt, wie sich unser Viertel in den letzten Jahren verändert hat“, sagt der Rentner. In seinem Garten ist die Welt auf den ersten Blick in Ordnung: Viele alte Bäume, zahlreiche Rosen und Sträucher. Dicht an der Grundstücksgrenze jedoch steht nun ein modernes zweistöckiges Mehrfamilienhaus mit Tiefgarage.

Ein ähnliches Bild zeigt sich in vielen Straßen der Harlachinger Gartenstadt. Mehrstöckige Neubauten, die oft bis an die Grundstücksgrenzen heranreichen, verdrängen die alten Einfamilienhäuser mit den großen Gärten. „Der Charakter unseres Viertels geht verloren“, sagt Goetz. „Und das ist einfach sehr schade.“

Gabriele Fritko, die schon seit 30 Jahren in Harlaching wohnt, geht sogar noch einen Schritt weiter: „Ich finde, Harlaching ist schon seit einiger Zeit keine Gartenstadt mehr“, stellt sie klar. „Viele der alten Bäume wurden gefällt und es gibt immer weniger Grün zwischen den Häusern.“ Die neuen Bewohner wollten einfach keine Gärten mehr, vermutet Fritko. „Eine Katastrophe für das Viertel.“

Seit Jahren kämpfen die Bewohner von Gartenstädten wie Harlaching, Trudering oder Ramersdorf gegen große Neubauten, die ihr Grün gefährden. Das Problem: In allen Gebieten ohne qualifizierten Bebauungsplan gilt der Paragraph 34 des Baugesetzbuches. Er erlaubt Neubauten, die sich „nach Art und Maß“ in die „Eigenart der näheren Umgebung“ einfügen. Eine sehr vage Formulierung – deshalb fürchtet die Stadt teure Prozesse, wenn sie das Baurecht verweigert.

Allerdings hat sich das Planungsreferat Gedanken darüber gemacht, wie man die Gartenstädte trotzdem schützen könnte. Dabei sollen vor allem sogenannte „Rahmenpläne“ geprüft werden. „Ziel ist es, bisher intakte Bereiche mit aufgelockerter Wohnbebauung im größeren Kontext zu beurteilen und zu schützen“, schreibt das Planungsreferat. Solche Rahmenpläne sind zwar rechtlich nicht verbindlich – durch sie kann die Politik aber festlegen, wie sich ein Viertel entwickeln soll.

Ein externes Planungsbüro soll, so die Idee des Planungsreferats, zunächst prüfen, ob solche Rahmenpläne für den Erhalt des Gartenstadt-Charakters sinnvoll sind. Dabei sollen konkret zwei Gebiete untersucht werden.

„Die Idee der Rahmenpläne ist nicht schlecht“, findet Andreas Dorsch von der Bürgerinitiative Gartenstadt Harlaching. Auch wenn so ein Rahmenplan rechtlich nicht relevant sei, biete er doch zumindest eine Argumentationsgrundlage gegenüber den Investoren. Aber: Das Ganze dauere viel zu lange. „Wenn man schon Rahmenpläne nur als Argumentationsgrundlage einführen will, muss das deutlich schneller gehen“, fordert Dorsch. „Der Verlust von Ortsbild und Lebensqualität schreitet schnell voran.“

Jetzt wurde das Thema wieder vertagt. Eigentlich sollte am gestrigen Mittwoch eine Entscheidung fallen – doch die CSU beantragte die Vertagung in den nächsten Planungsausschuss. „Das ist die wichtigste Vorlage, die wir heute haben“, sagte CSU-Stadtrat Walter Zöller. Auch für viele andere Stadträte sei das Thema von Bedeutung – sie sollen die Möglichkeit haben, sich ebenfalls damit zu beschäftigen.

Der Schutz der Gartenstädte ist der CSU eine Herzensangelegenheit. Es ist kein Geheimnis, dass in den grünen Oasen ein Großteil der CSU-Stammwähler zuhause ist. CSU-Bürgermeister Josef Schmid, der selbst aus Allach stammt, holte hier in der OB-Stichwahl 60 Prozent. Auch im Wahlkampf hatte sich Schmid für die Gartenstädte stark gemacht.

Jetzt will die CSU ihre Versprechen einlösen. „Wir müssen alle Instrumente ausprobieren“, so CSU-Stadtrat Zöller. Man sei sich ja im Stadtrat einig, dass sich die Gartenstädte nicht für Nachverdichtung eigneten. Über die Rahmenpläne wolle die Partei nun über die Sommerpause diskutieren und dann im Stadtrat eine breite Mehrheit erreichen.

Auch SPD-Planungssprecher Christian Amlong hält die Rahmenpläne für einen guten Mittelweg. „Man kann nicht über das ganze Stadtgebiet hinweg Bebauungspläne beschließen“, so Amlong. Die einzige Krux an den Rahmenplänen sei, dass noch nicht getestet wurde, wie stabil sie rechtlich sind.

Unter anderem deshalb fordern die Grünen noch mehr Schutz für die Gartenstädte – und greifen einen Wunsch der Bürgerinitiative auf. In einem Änderungsantrag verlangen sie, dass zusätzlich zu den Rahmenplänen auch einfache Bebauungspläne für zwei Testquartiere geprüft werden.

„Wir wollen rechtliche Sicherheit schaffen“, sagt Grüne-Stadträtin Sabine Nallinger. Einfache Bebauungspläne legen Baulinien und Baugrenzen fest, mit denen der grüne Charakter der Gartenstädte auch rechtlich verbindlich definiert werden könnte.

„Ein einfacher Bebauungsplan wäre für uns das Wünschenswerteste“, sagt auch Andreas Dorsch von der Bürgerinitiative. In vielen Gartenstadt-Gebieten gilt ein solcher Bebauungsplan bereits – allerdings mit Baulinien, die den grünen Charakter nicht bewahren. „Mehrere Straßen haben Baulinien vorne am Gehweg und machen einen Vorgarten unmöglich“, so Dorsch.

Von der Idee der Bebauungspläne hält CSU-Mann Zöller allerdings wenig: „Das kann das genaue Gegenteil bewirken“, sagt er. Man müsse dabei nämlich das momentan mögliche Baurecht fest im Bebauungsplan verankern – was Eigentümer vielleicht dazu veranlasse, ihre Immobilien auszubauen, obwohl sie daran bisher kein Interesse hatten.

So oder so: Die Anwohner wollen eine schnelle Lösung. Deshalb plant die Initiative kommende Woche eine Demo. Dabei sollen die Protestierenden in Harlaching an den größten Neubau-Sünden vorbeiziehen. Davon gibt es nach Meinung der Anwohner einige im Viertel – sie hoffen, dass es nicht noch mehr werden.

Moritz Homann und Constanze Drewlo

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