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Hilfe beim Verstehen von Ämter-Briefen: Andreea Untaru, Leiterin von Schiller 25, und ihre Kollegen unterstützen Irena V.

Beratungsstelle "Schiller25"

Armutszuwanderer in München: Der Traum von Normalität

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München - Seitdem zahlreiche Flüchtlinge nach München kommen, ist es still geworden um die Armutszuwanderer, die während des Winters Obdach in der Bayernkaserne fanden. Doch nach wie vor versuchen viele in München einen Neuanfang – und kämpfen täglich ums Überleben. Wie die Beratungsstelle "Schiller 25" hilft.

Irena V. liebt ihre Heimat Slowenien. Doch eine Zukunft gab es dort für sie und ihren Mann nicht. Irena V. hat schon in vielen Berufen gearbeitet. Als Schneiderin, Verkäuferin, Krankenpflegerin – doch irgendwann fand sie trotzdem keine Arbeit mehr. „Bei mir zuhause wird das immer schwieriger“, sagt sie. Auch ihrem Mann erging es nicht besser. Eine Bekannte in München erzählte Irena V., dass sie hier Arbeit bekäme. Um fünf Uhr morgens kam Irena V. in München an, um 10 Uhr hatte sie einen Bewerbungstermin bei einer Reinigungsfirma, am gleichen Tag unterschrieb sie ihren ersten Vertrag.

Irena V. arbeitete, wohnte bei ihrer Bekannten und holte irgendwann ihren Mann nach. Auch er kam bei der Reinigungsfirma unter. Sie stellte dem Paar auch eine kleine Wohnung zur Verfügung. Mit ihrem Gehalt konnten sie ihre erwachsene Tochter unterstützen, die in Slowenien geblieben und auch arbeitslos ist. Alles schien gut, bis Irena V. nach eineinhalb Jahren plötzlich die Kündigung bekam – und kurz darauf ihr Mann. Mit dem Job verloren sie ihre Wohnung – und standen plötzlich auf der Straße. „Die erste Nacht haben wir in der U-Bahn geschlafen“, erzählt Irena V. Dann erzählte ihnen jemand von „Schiller25“.

Die Beratungsstelle des Evangelischen Hilfswerks im Bahnhofsviertel ist seit Ende 2013 zentrale Anlaufstelle für Armutszuwanderer aus EU-Ländern, die keinen Anspruch auf staatliche Hilfe haben. Im Winter organisiert die Einrichtung zudem die Einweisungen in die Kälteschutz-Räume. Das Angebot wird rege genutzt, in dem Raum herrscht schon am frühen Morgen Betrieb. Acht Mitarbeiter kümmern sich derzeit um die Menschen, die vor allem aus Rumänien oder Bulgarien kommen. Sie sollen klären, ob und welche Perspektiven sie hier haben, was sie brauchen. Es geht um Deutschkurse, Bewerbungen, „aber auch um viele andere Themen von der Krankheit bis zur Wohnungslosigkeit“, sagt Einrichtungsleiterin Andreea Untaru. Allein in diesem Winter betreute sie mit ihrem Team rund 1400 Alleinstehende und Paare – fast 80 Prozent mehr als noch im Jahr zuvor.

Für Irena V. und ihren Mann war die Einrichtung „unsere Rettung“, sagt sie und ihre Augen beginnen zu glänzen, „Wir standen vor dem Nichts und haben kurzzeitig überlegt, aufzugeben“. Über Schiller 25 bekamen sie Gutscheine für Essen, Schlafplätze in Notunterkünften, die Berater halfen, einen Antrag auf Arbeitslosengeld zu stellen, auf das die 49-Jährige nach eineinalb Jahren Arbeit Anspruch hat. Es ging bergauf. Das Ehepaar bekam ein gemeinsames Notquartier der Stadt. Zudem hat Irena V. für ihren Mann im Internet eine Stelle bei einem Sicherheitsdienst aufgetan – die er auch bekam. „Wir wollen doch nur ganz normal hier leben und arbeiten“, formuliert Irena V. ihre Wünsche.

Ein Wunsch, den Radu M. nur zu gut nachvollziehen kann. Auch er wünscht sich nichts mehr als Normalität. Vor acht Monaten war er aus Rumänien nach München gekommen auf der Suche nach Arbeit und einem Neuanfang. Innerhalb kürzester Zeit waren seine Frau, sein Bruder und seine Mutter gestorben. Die Haare des 48-Jährigen waren vor Kummer plötzlich grau geworden. Eine Freundin erzählte ihm von München, und dass es dort Arbeit gebe. Die gibt es auch – gerade bei Reinigungsdiensten oder im Baugewerbe werden ausländische Kräfte gerne genommen – oft aber zu Bedingungen, die kein Deutscher akzeptieren würde. Auch Radu M. hatte – wie er anfangs dachte – Glück. Immer wieder wurde er auf Baustellen geholt. Man sprach ihn im Bahnhofsviertel an, ob er Arbeit suche, versprach ihm einen festen Vertrag – doch immer blieb es bei Versprechungen.

Während des Gesprächs klingelt sein Handy: Ein Landsmann fragt ihn, ob er auf einer Baustelle arbeiten wolle. Radu M. lehnt ab. Der Mann habe ihn schon oft ausgenutzt. Er hole Männer, kassiere 15 Euro pro Stunde für die Arbeit – und gebe nur sieben oder acht davon an sie weiter. Radu M. ist die Schwarzarbeit leid. Und die ständige Angst vor Kontrollen. Eine hohe Strafe müsse er zahlen und er dürfe dann nicht mehr hier arbeiten, haben sie ihm erzählt, damit er sich nicht erwischen lässt. „Alles Unsinn“, klärt ihn Andreea Untaru auf. Die Strafen müssten die Firmen selbst zahlen, die Schwarzrbeiter beschäftigen.

Radu M. will jetzt erst einmal einen Deutschkurs machen. „Die Chancen sind dann einfach besser“, hofft er. Auch wenn das bedeutet, dass er in der Zwischenzeit nicht arbeiten kann. Mit allen Konsequenzen: kein Geld fürs Arbeiterwohnheim, – nachdem die Kälteschutzräume zu sind – Übernachten unter Brücken oder Treppen, Armenspeisung und Duschen im Kloster St. Bonifaz. „In Rumänien gibt es solche Hilfen gar nicht, das ist schon eine große Erleichterung“, sagt Radu M. und reibt seine kräftigen Hände aneinander. Vor allem Schiller 25 sei ein Lichtblick. „Seit ich hierher komme, ist mein Leben besser geworden“, sagt er und lächelt zum ersten Mal kurz. Die Mitarbeiter haben auch einen Arztbesuch organisiert, als seine Magenschmerzen einmal so schlimm wurden, dass er es fast nicht mehr aushielt. „Die vielen Sorgen...“, sagt Untaru.

„Ich will arbeiten. Nicht um reich zu werden. Um hier leben zu können“, sagt er. Er fühle sich wohl in München, habe schon viele Kontakte geknüpft. Zurück will er nur, wenn gar nichts klappt. „Die Leute haben eine unglaubliche Motivation und Kraft“, sagt Andreea Untaru. Auch wenn das Leben hier hart sei – zurück in die Heimat kehre kaum jemand. Untaru: „Dort gibt es noch weniger für sie als hier.“

Schlafsäcke gesucht: Für seine Klienten ist das Team von Schiller 25 immer auf der Suche nach gut erhaltenen Schlafsäcken. Sie können zu den Öffnungszeiten, derzeit von Montag bis Freitag, 9 bis 12 Uhr, sowie Montag, Dienstag und Donnerstag von 14 bis 17 Uhr direkt in der Schillerstraße 25 abgegeben werden.

Ausreichend Platz im Kälteschutz

Viele Armutszuwanderer nutzen im Winter die Kälteschutzräume. Die Stadt hatte diese 2012 eingerichtet, damit niemand auf der Straße erfriert. Um die Menschen nicht nur unterzubringen, sondern auch zu beraten und über ihre Perspektiven hier aufzuklären, entstand – für das ganze Jahr – „Schiller 25“, einige Zeit später legte das Evangelische Hilfswerk mit der Beratungsstelle für Familien und Alleinerziehende „FamAra“ nach – beide Einrichtungen werden von der Stadt gefördert.

Die Sorge vieler, das Angebot der Kälteschutzräume könnte immer mehr Armutszuwanderer nach München locken, hat sich mit einem Blick auf die Zahlen der Menschen im Kälteschutz als unbegründet herausgestellt. Ihre Zahl stieg im Vergleich zum Vorjahr wenn überhaupt nur minimal. In diesem Winter übernachteten 2918 Alleinstehende und Paare ohne Kinder zeitweise in den Kälteschutzräumen in der Bayernkaserne. Im Jahr zuvor waren es 2945. Dazu fanden 125 Mütter und Väter mit ihren Kindern eine Unterkunft (Vorjahr: 120). Insgesamt standen 822 Schlafplätze bereit. Maximal waren pro Nacht 474 davon belegt. Durchschnittlich kamen pro Nacht 332 Menschen. Elf Nächte wurde das Angebot im Schnitt genutzt.

Die meisten Menschen stammten wie schon die Jahre zuvor aus Rumänien (29 Prozent) und Bulgarien (24,5 Prozent). Die übrigen kamen unter anderem aus Deutschland, Italien, Ungarn und Polen. Insgesamt hatten die Kälteschutzräume in diesem Winter 152 Nächte geöffnet – von Anfang November bis Anfang April.

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