Trügerische Idylle: Der 165 Meter hohe Kühlturm des Kernkraftwerks Isar 2.

Atommüll: Stadtwerke kaufen sich frei

München - Der Bundestag hat beschlossen, dem Staat die Verantwortung für die Endlagerung des Atommülls zu übertragen, die Energiekonzerne dürfen sich freikaufen. Die Stadtwerke München begrüßen das neue Gesetz.

Sie müssen kommendes Jahr zwar 350 Millionen Euro für ihren 25-Prozent-Anteil am Kernkraftwerk Isar 2 bezahlen – doch das dürfte ein Klacks sein im Vergleich zu den tatsächlichen Kosten.

In der ersten Amtszeit von SPD-Oberbürgermeister Georg Kronawitter, 1972 bis 1978, fasste der Münchner Stadtrat den folgenschweren Beschluss, sich am Bau des Atomkraftwerks (AKW) Isar 2 bei Landshut zu 25 Prozent zu beteiligen. Atomenergie galt damals als sauber und günstig. Zwar gab es einen starken kernkraftkritischen Flügel innerhalb der Münchner SPD, doch die Mehrheit im Stadtrat wollte das eigene AKW unbedingt. 1988 wurde im Reaktor Isar 2 erstmals eine Kettenreaktion eingeleitet, seitdem brennt das Höllenfeuer.

Der Druckwasserreaktor zählt zu den leistungsstärksten der Welt. Lange Jahre verdienten die Stadtwerke München viel Geld mit ihrem Atomkraftwerk, doch inzwischen ist der Meiler zur größten Bedrohung für die Existenz des städtischen Unternehmens geworden. Der Rückbau und die Entsorgung des verstrahlten Kraftwerks wird Jahrzehnte dauern und Milliarden Euro kosten. Die Stadtwerke haben inzwischen 784 Millionen Euro an Rückstellungen für Isar 2 gebildet – was jedoch bei Weitem nicht reichen dürfte.

Gesetz nimmt dem Münchner Versorger seine größte Sorge ab 

Das vor zwei Wochen vom Bundestag beschlossene Gesetz zur Entsorgung des Atommülls nimmt dem Münchner Versorger nun seine größte Sorge ab: nämlich dauerhaft für die Entsorgung des Atommülls geradestehen zu müssen und daran pleite zu gehen. Noch immer ist kein Endlager für den Strahlenmüll gefunden worden, allein die Suche danach dürfte Jahrzehnte dauern und Milliarden kosten.

Die Bundesregierung hat nun einen Deal mit den AKW-Betreibern geschlossen. Sie zahlen 23,5 Milliarden Euro in einen Fonds ein, aus dem die Kosten für die Lagerung des Atommülls bezahlt werden. In diesen Atomfonds müssen die SWM 350 Millionen Euro legen. Sollte das Geld aus dem Fonds nicht ausreichen, muss der Steuerzahler einspringen, die Energiekonzerne sind dann nicht mehr verantwortlich. „Die SWM begrüßen, dass mit dem Fonds eine Lösung gefunden wurde, die Planungssicherheit für alle Beteiligten schafft, so auch für die SWM“, sagt Florian Bieberbach, Chef der Stadtwerke.

Das Gesetz zur Atommüllentsorgung wurde mit den Stimmen von Union, SPD und Grünen verabschiedet. Damit soll verhindert werden, dass AKW-Betreiber unter der Last der Entsorgungskosten pleite gehen und dann der Staat einspringen muss. Das muss er wahrscheinlich ohnehin in einigen Jahrzehnten, doch jetzt sammelt er zumindest noch 23,5 Milliarden Euro ein.

Lange Zeit bescherten die Atomkraftwerke den großen Energiekonzernen Eon, Vattenfall und Co. satte Gewinne. Ein abgeschriebenes Atomkraftwerk erwirtschaftet am Tag eine Million Euro Gewinn, hieß es. Doch diese Regel galt vor der Energiewende und dem Atomausstieg. Der Strompreis ist seit Jahren auf Talfahrt, zudem müssen die Energiekonzerne seit 2011 die so genannte Brennelementesteuer bezahlen. Sie bemisst sich nach dem Verbrauch von Kernbrennstoff. Pro Gramm werden 145 Euro fällig.

Ein Brennelement für Isar 2 wiegt je nach Ausfertigung zwischen 850 und 900 Kilogramm. Es enthält etwa 635 Kilogramm Kernbrennstoff Urandioxid UO2. Zuletzt wurden im Reaktor Isar 2 durchschnittlich 40 Brennstäbe pro Jahr verbraucht. Die Stadtwerke mussten für ihren 25-prozentigen Anteil am Atomkraftwerk rund 40 Millionen Euro an Brennelementesteuer bezahlen – pro Jahr. Hinzu kommen anteilig die Kosten für Wartung und Unterhalt des Reaktorgebäudes. 2015 machten die Stadtwerke einen Verlust mit ihrer Atombeteiligung. Heuer dürfte es nicht viel anders aussehen.

Die Stadtwerke können es verschmerzen. Dank frühzeitiger Investitionen in erneuerbare Energien haben sie sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den klassischen Atomkonzernen verschafft, die zu lange am konventionellen Geschäft festhielten. Das spiegelt auch der Börsenkurs. Die Eon-Aktie war im Januar 2011 148 Euro wert, gestern gab es dafür noch 6,60 Euro. Die Stadtwerke sind nicht börsennotiert, sondern eine Gesellschaft, die zu 100 Prozent München gehört.

Wie lange im Kernkraftwerk Isar 2 noch Strom erzeugt wird, steht noch nicht fest. Der ältere Geschwister-Reaktor Isar 1 wurde im Jahr 2011 abgeschaltet. Laut Gesetz muss Isar 2 spätestens am 31. Dezember 2022 vom Netz gehen. Es ist aber auch ein früheres Ende möglich, nämlich wenn die festgesetzte Maximalstrommenge erreicht wurde. Dass SWM und Mehrheitseigner Preussen-Elektra früher als vorgeschrieben aussteigen, ist aber unwahrscheinlich. Denn der Betrieb von Isar 2 wird wieder lukrativer. Die Brennelementesteuer läuft in vier Tagen aus und wird nicht verlängert. Ersparnis für die Stadtwerke: 40 Millionen pro Jahr. In Hinblick auf den teuren Rückbau des Meilers ein kleiner Trost.

Ulrich Lobinger

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