Hallo! Eingeschlossene freuen sich, wenn Marcell Müller an der Aufzugtür auftaucht – denn dann sind sie wieder frei.

Marcell Müller befreit Menschen aus dem Aufzug

„Aufzug-Abstürze gibt’s nur im Film“

  • Moritz Homann
    vonMoritz Homann
    schließen

München - Für viele Menschen ist es eine Horror-Vorstellung: Plötzlich bleibt der Aufzug stecken, nichts geht mehr. Dann kommt es auf Einsatzkräfte wie Marcell Müller an: Für die Firma Securitas befreit er steckengebliebene Münchner. Ein Gespräch über Menschen im Morgenmantel, Aufzug-Chaos an Silvester und unrealistische Hollywood-Streifen.

Herr Müller, sind Sie schon mal im Aufzug steckengeblieben?

Müller: Ich selbst noch nie, nein.

Und, froh drüber?

Müller: Mir würde das gar nichts ausmachen. Ich weiß ja, wie das dann abläuft.

Was passiert denn, wenn ich im Aufzug den Notruf-Knopf drücke?

Müller: Den sollten Sie mehrere Sekunden drücken. Das ist eine Sicherung dagegen, dass Kinder draufdrücken oder man versehentlich drankommt.

Und dann meldet sich jemand am anderen Ende?

Müller: Da meldet sich jemand aus der Zentrale in Berlin. Der beruhigt Sie erstmal.

Sind da viele panisch, die eingeschlossen sind?

Müller: Kommt drauf an. Manche haben Platzangst und wollen sofort raus, weil sie nicht wissen, was jetzt passiert. Aber unsere Zentrale sagt gleich, dass jemand unterwegs ist. Die können auch immer wieder in den Aufzug reinsprechen.

Es ist also immer eine Stimme bei mir.

Die Zentrale in Berlin nimmt Notrufe entgegen.Müller: Genau. Das hilft schon, gerade wenn man alleine ist.

Die Zentrale in Berlin nimmt Notrufe entgegen.

Wie lange dauert es, bis Sie beim steckengebliebenen Aufzug ankommen?

Müller: Wenn wir absehen können, dass wir es nicht innerhalb von 20 Minuten schaffen, informieren wir die Feuerwehr. Die sind mit Martinshorn dann schneller. Wir brauchen so zwischen 20 und 30 Minuten.

Horrorgeschichten, dass Menschen stundenlang im Aufzug stecken, sowas passiert dann nur auf dem Land?

Müller: Eigentlich nur wenn es sehr weitläufig ist oder Schneechaos herrscht. Das hatten wir einmal. Da wussten wir gleich, dass es länger dauert. Darüber informieren wir aber denjenigen, der im Aufzug steckt. Die Kommunikation ist da sehr wichtig.

Wenn Sie ankommen, sprechen Sie erstmal den Eingeschlossenen an. Wie beruhigen Sie ihn?

Müller: Es ist schon verdammt viel Wert, wenn derjenige weiß, es ist jetzt ein Techniker da. Dann sage ich meistens, es dauert jetzt nur noch fünf bis sieben Minuten, bis Sie wieder frei sind. Die Leute reagieren in der Regel sehr erleichtert. Manche halten auch ein Schwätzchen.

Was erzählen die?

Müller: Einmal ist frühmorgens eine ältere Dame im Morgenmantel im Lift steckengeblieben, die nur die Zeitung holen wollte. Die hat das aber mit Humor genommen.

Sind nicht auch viele genervt?

Müller: Ja, gerade wenn sie vom Einkaufen kommen und vollbeladen mit Tüten in den 14. Stock müssen. Aber das ist ja nachvollziehbar.

Hatten Sie auch mal so einen richtig vollen Aufzug, der steckengeblieben ist?

Müller: Vor einem halben Jahr hatte ich mal einen völlig überladenen Aufzug. Aber nicht mit Menschen, sondern mit Baumaterial. Arbeiter nutzen den gerne mal als Lastenaufzug.

Wie läuft die Evakuierung ab, wenn ein Aufzug zwischen zwei Stockwerken hängenbleibt?

Müller: Da melde ich mich immer über die obere Etage. Denn unten kann es gefährlich werden. Wenn die Steckengebliebenen da rausklettern wollen, fallen sie womöglich in den Aufzugschacht. Ich beruhige die Menschen dann und sage ihnen, dass ich den Aufzug jetzt ins nächste Stockwerk ablasse oder rauffahre.

Wollen da viele gleich rausklettern?

Viele Schlüssel für viele verschiedene Aufzug-Typen.Müller: Ja, die Gefahr besteht, dass Menschen rausspringen wollen. Das muss ich dann verhindern. Rausklettern muss niemand, ich kann den Aufzug immer wieder auf Stockwerkshöhe bringen.

Viele Schlüssel für viele verschiedene Aufzug-Typen.

Haben da nicht viele Angst, dass der Aufzug plötzlich runterkracht?

Müller: Nein, sowas kann gar nicht passieren. Es gibt sogenannte Schwerkraftbremsen. Das sind Krallen, die in die Seile greifen, falls sich der Aufzug doch lösen sollte. Viele haben natürlich trotzdem die Horrorvorstellung aus Film und Fernsehen. Das gibt’s im echten Leben nicht.

Welche Personen haben am meisten Angst, wenn sie im Lift steckenbleiben?

Müller: Das kommt auf die Natur des Menschen an. Ältere Leute, bei denen man von Panik ausgeht, sind völlig entspannt. An Silvester hatte ich mal drei Leute im Aufzug, weit nach null Uhr, da war’s dann geradezu lustig.

Stecken an Silvester viele Menschen im Aufzug fest?

Müller: Zu der Zeit fahren ja sehr viele rauf und runter. Da kann es schon passieren, dass die Elektronik irgendwann den Geist aufgibt. Da gibt es an Silvester schon einen Höhepunkt. Ansonsten gibt es über den Tag verteilt fünf Hochzeiten, zu denen viele Aufzüge steckenbleiben. Frühmorgens, wenn die Menschen zur Arbeit gehen. Um zehn, wenn die Rentner einkaufen gehen. Mittags zum Mittagessen, da bleiben viele Büroaufzüge stecken. Der Feierabendverkehr nach der Arbeit. Und dann noch zwischen acht und zehn abends, wenn Menschen zum Essen oder ins Kino gehen.

Wie geht’s bei Ihnen weiter, wenn die Person aus dem Aufzug befreit ist?

Müller: Ich lege den Aufzug dann still und melde das an die Notrufzentrale. In den nächsten ein bis zwei Tagen kommt dann ein Techniker von der Aufzugfirma und repariert den Lift.

Üben Sie so eine Evakuierung eigentlich? Gibt’s da so eine Art Testaufzug?

Müller: Nein. Es gibt eine Aufzugsschulung vom TÜV. Aber danach geht es gleich an die Praxis. Am Anfang fährt man zu zweit los, und der Teamleiter hilft einem bei Aufzügen, die man noch nicht so kennt.

Wird Ihre Arbeit irgendwann überflüssig, wenn Aufzüge ohne Ausfälle funktionieren?

Müller: Technik kann immer ausfallen. Eventuelle Notfälle kann man nie ausschließen. Außerdem gibt es ein Gesetz, das besagt, dass Aufzug-Betreiber haftbar sind. Ich habe quasi eine gesetzliche Jobgarantie.

Hat die Zahl der Steckenbleiber zugenommen? Es gibt gerade in einer Stadt wie München sicher immer mehr Aufzüge.

Müller: Tatsächlich haben die Ausfälle abgenommen. Die Aufzug-Technik ist ja heute doch zuverlässiger geworden. Es werden viele Häuser modernisiert, dann nimmt die Störanfälligkeit ab. Obwohl wir heute mehr Aufzüge betreuen als noch vor einigen Jahren.

Welche Rettungsaktion werden Sie nie vergessen?

Müller: Vor ein paar Jahren ist eine ältere Dame mit Rollstuhl im Aufzug steckengeblieben. Das Befreien war kein Problem, aber dann stand sie im Erdgeschoss und musste in die zweite Etage. Da habe ich ihr natürlich geholfen und sie hochgetragen, samt Rollstuhl.

Da waren Sie dann quasi der Aufzug.

Müller: Genau.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare