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CSU-Stadtrat Richard Quaas im Hauberrisser-Zimmer des Rathauses: Hier ist alles noch original.

Ausverkauf im neuen Rathaus? 

Die CSU kämpft für historische Rathaus-Möbel

München - Im Kunsthandel sind antike Möbel aus dem Neuen Rathaus aufgetaucht. Zwei CSU-Stadträte machen Alt-OB Christian Ude (SPD) für den „Ausverkauf“ der wertvollen Stücke verantwortlich.

„Wird Münchens Kulturerbe verschleudert?“ – diese Frage stellen die CSU-Stadträte Richard Quaas und Marian Offman in einer Anfrage an Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD). Wertvolle Möbel aus der Erstausstattung des Neuen Rathauses seien im Kunsthandel entdeckt worden. Die Stadträte fordern Aufklärung. „Wenn Einzelstücke auftauchen, kann man immer davon ausgehen, dass es auch eine Dunkelziffer gibt“, sagt Richard Quaas im Gespräch mit unserer Zeitung. Es gebe stets eine Zahl von Privatsammlern, die solche Stücke direkt für sich erwürben. „Deshalb ist es auch Sinn der Anfrage, herauszubekommen, welche Stücke verkauft worden sind, wie viele und zu welchem Zeitpunkt.“

Der Architekt des Rathauses entwarf auch gleich das Mobiliar

Entscheidendes Detail dabei: Wie das Neue Rathaus selbst, beruht auch sein Mobiliar auf Entwürfen des Architekten Georg von Hauberrisser. Dieser hat 1867 bis 1909 nicht nur das geschichtsträchtige Gebäude am Marienplatz errichtet, sondern auch gleich die Innenausstattung dazu entworfen. Bei den Gegenständen, die ihren Weg aus dem Rathaus in den freien Handel gefunden haben, handelt es sich also um neugotische Kunstwerke, die untrennbar mit der Geschichte Münchens verwoben sind.

Auf die Situation aufmerksam wurde Richard Quaas durch einen Hinweis des Kunsthistorikers Hans Ottomeyer. Von 1983 bis 1995 war er Konservator am Münchner Stadtmuseum und leitete dort die Fachabteilung Möbel. Als er auf die feilgebotenen Einzelstücke stieß, war Ottomeyer sofort klar, worum es sich handelte. „Mir wurden sehr qualitätsvolle Hauberrisser-Möbel vorgestellt, die jemand im Kunsthandel erworben hatte“, erzählt er. „Ich wurde gefragt, wo diese denn herkommen könnten. Da habe ich gesagt: ,Natürlich kommen die aus dem Rathaus.’“

Die Objekte seien nämlich keine Zufallsprodukte oder Serienfertigungen. „Sie wurden von einem Schreinermeister namens Wenzel Till gefertigt. Ganz aufwändig, mit Eisenbeschlägen von Kunstschlosser Kirsch. Das alles folgte Entwürfen von Architekt Hauberrisser selbst.“ Dass es sich tatsächlich um Stücke aus dem Rathaus handelt, und nicht etwa Exemplare aus anderen Schaffensphasen Hauberrissers, sieht Hans Ottomeyer den Möbeln an.

„Damals ging man davon aus, dass bei einem Gebäude das Innen und Außen zwingend zusammengehören“, erklärt er. „Es herrschte eine Vorstellung von Einheit, und dass ein Kunstwerk sich in allen seinen Einzelteilen zu entsprechen hätte.“ Sprich: Die Stühle und Schränke wurden eigens für das Neue Rathaus geschaffen, und harmonieren deshalb in ihrer äußeren Erscheinung mit dem Rest des Gebäudes.

„Da muss man sich generell die Frage stellen, warum auch das Landesamt für Denkmalschutz sich nie darum bemüht hat, die Möbel unter Verkaufsvorbehalt zu stellen“, sagt Richard Quaas. Wie die Möbel aus dem Rathaus verschwunden seien, wisse er nicht. Dies sei eine der Fragen, auf die er sich von OB Reiter eine Antwort erhoffe. Was das „Wann“ betrifft, hat Quaas allerdings schon eine Idee: „Es gibt Leute im Rathaus, die sagen, dass in der Ära Ude nicht viel Wert darauf gelegt worden sei, das ,alte Klump’ zu bewahren, und dass in dieser Zeit der Schwund relativ groß gewesen sei.“

Der Alt-OB weist die Vorwürfe zurück

Kein Wunder, dass sich die entsprechende Passage seiner Stadtratsanfrage wie direkte Kritik am ehemaligen SPD-Oberbürgermeister liest. Falls eine Liste existiere, auf der die Verkäufe der Möbel verzeichnet seien, wollen Quaas und Offman wissen: „Lassen sich daraus die Schlüsse ziehen, die im Kunsthandel kolportiert werden, dass der große ,Ausverkauf’ der Hauberrissermöbel nach dem Krieg erst so richtig in der Ära des Alt-OB Ude eingesetzt hat?“

Christian Ude weist den Vorwurf von sich. „Das ist unglaublich“, sagt er. „Herr Quaas weiß, dass die Hauberrisser-Möbel in den 70er Jahren ausrangiert und auf Flohmärkten verkauft wurden.“ Ein Gefühl für Denkmalpflege habe sich erst später entwickelt. Aus seiner eigenen Amtszeit wisse Christian Ude von keinem einzigen Verkauf.

Quaas geht davon aus, dass OB Reiter nun verfügen werde, dass die verbleibenden Objekte nicht verkauft werden dürfen und im Besitz der Stadt bleiben.

Marian Meidel

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