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Ein Anblick, der abschreckt: Immer mehr Obdachlose richten sich in den Filialen der Banken nächtlich ein.

Sind die Geldhäuser herzlos?

„Automatenraum ist nur für Kunden da!“ - Banken sperren Obdachlose aus

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    Sarah Brenner
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Immer mehr Obdachlose schlafen in Banken. Gerade in der eisigen Kälte ist der Vorraum mit den Automaten ein Zufluchtsort. Geldhäuser in München wollen nun härter dagegen vorgehen. 

München - Sobald die Läden in der Innenstadt schließen und die letzten Feierabendbiere ausgeschenkt sind, kommen die Armen aus ihren Verstecken hervor und richten sich ein für die Nacht. Vor allem im Winter, wenn die Temperaturen auf der Straße tödlich werden, zieht es viele ins Warme – seit einigen Jahren in die Automatenräume der Stadtsparkassen, die rund um die Uhr geöffnet haben. Und das ist ein Problem.

Passanten, die ihren Geldbeutel spätnachts noch einmal auffüllen wollen, klagen über beißenden Bier-, Schweiß- und Uringestank – den Geruch der Armut. Weil die Zustände in letzter Zeit immer extremer werden und zum Teil sogar die Kunden ausbleiben, wollen die Banken künftig härter durchgreifen.

Polizei ist machtlos

„Wir diskutieren bereits mit Polizei und Kreisverwaltungsreferat über neue Lösungen“, sagt Joachim Fröhler, Sprecher der Stadtsparkassen – die Automatenräume seien nur für Kunden da. Die Bemühungen von Stadt und Polizei aber seien bislang wirkungslos geblieben.

Die Videokameras etwa, die in den meisten Stadtsparkassen hängen und den Sicherheitsdienst alarmieren, sobald sich ein Obdachloser ein Schlaflager baut, packen das Problem nur oberflächlich an. Denn: Wer aus einer Filiale vertrieben wird, zieht in der Regel einfach nur ein paar Straßenecken weiter und richtet sich in einem anderen Automatenraum ein. Hinzu kommt, dass auch die Polizei erst einmal machtlos ist: „Wenn sich die Bank oder deren Kunden über Obdachlose beschweren, kommen wir natürlich“, berichtet ein Sprecher des Polizeipräsidiums, „von selbst dürfen wir auf Privatgrundstücken allerdings nicht eingreifen.“ Die Folge: Die Banken müssen selbst aktiv werden.

Die Stadtsparkasse am Gärtnerplatz hat bereits zugesperrt.

Christine Miedl von der Spardabank kennt das Problem: „Wir hatten in letzter Zeit mit extremer Verschmutzung zu kämpfen“, sagt sie. Nun soll klassische, laute Musik für geregelte Verhältnisse sorgen.
Und auch die Stadtsparkasse in der Isarvorstadt hat bereits drastische Schritte eingeleitet. Seit 26. Januar sind die Räumlichkeiten am Gärtnerplatz dicht. Dafür hat die Bank zwei Geldautomaten in die Außenfassade ihrer SB-Filiale einbauen lassen. Eine Möglichkeit zwar, mit Sicherheit aber keine flächendeckende Lösung. Denn mit der Schließung schließt die Stadtsparkasse nicht nur Obdachlose, sondern auch ihre Kundschaft aus. 

Das sagt der Armutsexperte

Berthold Troitsch leitet den Verein Kältebus.

Berthold Troitsch leitet den Verein Kältebus und weiß, warum Obdachlose lieber in Automatenräumen schlafen, als in eine soziale Einrichtung zu gehen. „Viele haben Gewalt und Diebstahl in den Unterkünften erlebt“, erklärt Troitsch. Andere seien selbst negativ aufgefallen und hätten Hausverbot. Wieder andere wüssten überhaupt nicht, wo ihnen geholfen wird. Das seien meistens die, die von außerhalb kommen. „Der klassische Obdachlose geht nicht in Banken“, erklärt Troitsch, „der Münchner sucht sich Orte, an denen er ungesehen ist. Diejenigen, die in Banken schlafen, sind häufig Armuts-Zuwanderer aus Osteuropa.“

Helfer schlagen Alarm: Die Zahl der Obdachlosen in München ist erschreckend hoch.

Das sagt ein Obdachloser

Lieber im Freien als in der Unterkunft.

Es hat vier Grad unter Null – und Bernhard Lorenz (57) liegt mitten auf der Wiese. Seine Isomatte und sein Schlafsack werden langsam eingeschneit, doch Lorenz harrt aus. Neben der Wittelsbacherbrücke, mitten im Schneegestöber. Seit über 20 Jahren ist der ehemalige Kraftfahrer bereits odachlos. In die Notunterkünfte will er nicht gehen. „Ich mag die Menschen dort nicht. Dort wird viel geklaut und es gibt oft Streit. Manchmal endet das dann in Gewalt.“ Und die verabscheut Lorenz. „Ich kenne ein paar Leute, die abends auch in Banken Unterschlupf suchen, aber ich mache das nicht. Da wird man früher oder später sowieso verjagt. Ich bleibe lieber hier, da habe ich meine Ruhe.“ 

Lesen Sie auch: So überstehen Obdachlose den Winter unter der Wittelsbacherbrücke

Judith Kohnle

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Sparkasse setzt jetzt auf Sicherheitsdienst

Um die Filialen der Stadtsparkasse ging es gestern bei der Bilanz-Pressekonferenz des Instituts. Am 5. März werden zahlreiche Zweigstellen geschlossen – nur noch 58 statt bisher 75 Außenstellen bleiben übrig. „Weitere Schließungen stehen nicht mehr auf dem Programm. Mit diesem Konzept haben wir uns langfristig aufgestellt“, versichert Sparkassen-Boss Ralf Fleischer.

Die Zukunft soll auch bei der Sparkasse digital werden – seit gestern empfängt etwa der humanoide Roboter Monaco Pepper die Kunden in der Zentrale im Tal. Das Geschäft der Bank lief im abgelaufenen Jahr jedenfalls gut. Fleischer meldet einen Gewinn 41 Millionen Euro – und 3000 neue Kunden.

Auch die Sparkasse hat mit ungebetenem Besuch in ihren Geldautomaten- und SB-Räumen zu kämpfen. Das Institut stehe in engem Kontakt mit der Stadt und der Polizei, allerdings sei es nicht einfach mit der Situation umzugehen. „Wir möchten natürlich, dass unsere Kunden die SB-Einheiten jederzeit und ungestört nutzen können.“

Die Polizei habe der Bank aber wenig Hoffnung gemacht, dass sich die Situation kurzfristig entspannen könnte. „Wir haben einen Sicherheitsdienst engagiert“, sagt Sparkassen-Sprecher Joachim Fröhler zur tz. Die Polizei habe dazu geraten, die Übernachtungsgäste immer wieder des Raumes zu verweisen. Solche Störungen sprächen sich herum. „Mit dem Problem ist die Sparkasse ja auch nicht allein“, ist sich Fröhler bewusst. Hoteliers im Bahnhofsviertel hatten ebenfalls geklagt, dass Obdachlose häufig in den Zufahrten oder Fluchtwegen ihr Nachtlager aufschlagen. Eine wirkliche Handhabe fehlt: Anzeigen wegen Hausfriedensbruch seien bisher immer gescheitert. 

Mk.

Die Teestube „Komm“ in der Zenettistraße, ein wichtiger Anlaufpunkt für obdachlose Menschen, ist immer öfter überlastet. Jetzt kommt eine zweite - nur wo?

So können Sie Obdachlosen helfen

Man macht sich Gedanken – und man ist unsicher. Wer als Passant in der Stadt unterwegs ist, kommt immer wieder an Obdachlosen vorbei – unwissend, ob (und wenn ja welche) Hilfe nötig ist. Rat und Tat gibt’s bei mehreren Stellen – alle können Sie telefonisch erreichen. Hier können Sie anrufen:

Schiller-25, Schillerstraße 25, Telefon 089/54 59 41 40, täglich 13 bis 21 Uhr: zentrale Beratungsstelle für Obdachlose. Hier erhalten sie ihren Einweisungsschein für den Kälteschutz. Dieser dient auch als Fahrschein zur Bayernkaserne.

Teestube komm, Zenettistraße 32, Telefon 089/77 10 84, täglich 14 bis 20 Uhr: Hier bekommen Obdachlose heiße Getränke und können Wäsche waschen. Zudem steuert die Teestube die Streetworker, die zu Obdachlosen gehen und sie ins Kälteschutzprogramm vermitteln. Im Februar soll der Stadtrat über eine zweite Teestube beschließen.

Migrations- und Familienberatung FamAra, Rosenheimer Str. 125, Tel. 089/45 02 96 37, montags, mittwochs und freitags 9 bis 11 Uhr, montags bis freitags 11 bis 12 und 13 bis 16 Uhr: Winter-Anlaufstelle.

Kältebus, Telefon 089/200 04 59 30: Fährt bekannte Schlafstellen Obdachloser an, leistet Akuthilfe, versorgt die Menschen unter anderem mit Suppe, Wäsche und Decken.

Video: Zehn Fragen an einen Obdachlosen, die Sie schon immer stellen wollten

J. Schumann, S. Brenner, Mk.

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