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Der Mann mit dem Schlapphut ist verstummt: Simon Schott, Pianist im Hotel „Vier Jahreszeiten“, in seinem Element.

Barpianisten-Legende Simon Schott ist tot

München - Er war Autor, Barpianisten-Legende und der Kummerkasten der Stars: Simon Schott ist am Samstag im Alter von 92 Jahren gestorben. Fast 30 Jahre lang saß Schott im Hotel „Vier Jahreszeiten“ am Flügel.

Wenn man brav war und ihn nicht als „lebende Legende“ bezeichnete, dann verriet Simon Schott, warum er im schummrigen Licht der Bar immer einen Schlapphut trägt. Die Antwort war simpel: „Wegen der Klimaanlage. Ich muss höllisch aufpassen – in meinem Alter fängt man sich leicht was ein.“ Und das stand für ihn fest: „Wenn ich nicht spielen kann, dann bin ich bald tot.“ Am Samstag ist es passiert. Der Barpianist Simon Schott ist mit 92 Jahren an einer Lungenentzündung gestorben.

Fast 30 Jahre saß Schott im Hotel „Vier Jahreszeiten“ am Flügel, und er war schon eine lebende Legende, als er dort anfing. Er hatte im Paris der Nachkriegszeit für die größten Stars gespielt, für Rita Hayworth und Humphrey Bogart. Coco Chanel engagierte ihn sogar für Privat-Partys.

Nach Paris hatte es den Münchner als Wehrmachtssoldat verschlagen, als welcher er außergewöhnlichen Mut bewies. Aber das mit der Tapferkeit müsse man nicht überbewerten, sagte der Bescheidene stets. „Die Flugblätter im Zweiten Weltkrieg waren ein ausgemachter Blödsinn. Ich hatte Glück!“ Dennoch: Wenn man als junger deutscher Soldat im Sommer 1944 auf einem Motorrad in der Normandie herumfährt und die Amerikaner landen wenige Kilometer entfernt, wenn man dabei an der deutschen Front Flugblätter verteilt mit dem Inhalt: „Kameraden, haltet nicht mehr den Kopf für diesen Geisteskranken hin, macht Euch aus dem Staub!“ – dann kann man das schon heldenhaft finden.

Den Häschern der Gestapo entkam Schott im Gewirr von Paris. Fortan spielte er in „Harry’s New York Bar“, wo sich die Weltstars jener Jahre trafen. Er kannte sie alle, von Jean-Paul Sartre über John Steinbeck bis Ernest Hemingway. „Coco Chanel war eine phantastische Frau!“, schwärmte er. Und erwähnte beiläufig, dass Humphrey Bogart seinen Film „Casablanca“ „gar nicht so gerne mochte. Von mir hat er sich nie ,As time goes by‘ gewünscht. Er wollte ,I like Manhattan‘ – da kam er her.“ Schott war Kummerkasten für die Stars: „Alle Menschen haben die gleiche Menge an Problemen. In Bars entspannen sie sich und erzählen. Man betrachtet mich als Freund, das gehört zu meinem Beruf.“

Der Freund im Hintergrund war er bis zuletzt. Jeden Abend außer sonntags fuhr er von Forstenried, wo er bei seinem Sohn Roger wohnte, ins „Vier Jahreszeiten“. Dort spielte er zur „tea-time“ von 17 bis 20 Uhr auswendig einen von 2000 Songs aus seinem Repertoire, webte einen Klangteppich, der sich nie in den Vordergrund drängte. Doch wenn er fehlte, fragen die Gäste nach ihm. Das taten sie auch letzte Woche. Da hatte sich Schott, schon länger lungenleidend, etwas eingefangen. Am Samstag in den frühen Morgenstunden ist er für immer verstummt.

Mit wem man auch spricht, die Antwort lautet: „Er fehlt.“ Ausnahmslos jeder im Haus habe ihn lieb gehabt, sagt Carolin Grove, die Sprecherin des „Vier Jahreszeiten“. Er selbst liebte Kinder, der „Simon Schott Kinder- und Jugendpreis“ wurde jährlich zur Förderung junger Talente verliehen. Außerdem hat Schott mit Leidenschaft geschrieben, dutzende Romane, Krimis, und sogar eine Autobiografie.

Sohn Roger sagt: „Er hat sich bis zum Schluss vor allem darum Sorgen gemacht, dass er nicht zur Arbeit kann. Aber er musste nicht leiden.“ So ist es vielleicht nicht so schlimm, wenn Simon Schotts heimlicher Wunsch letztlich doch nicht in Erfüllung gegangen ist: „Ich möchte mal am Flügel sterben“, hatte er stets gesagt. „Am besten beim As-Dur-Akkord.“

Johannes Löhr

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