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Keine Ruhe: Urenkel Kurt Erber kämpft gegen das Vergessen.

Der bayerische Herkules

München - Der Steyrer Hans lupfte Steinbrocken, stemmte Ochsen, zerriss Hufeisen. Später wurde er sogar Wiesnwirt. Aber gerade läuft gewaltig was aus dem Ruder. Findet Kurt Erber, der Urenkel. Er sagt: Die Welt ist dabei, den stärksten Bayern aller Zeiten zu vergessen. Geht natürlich gar nicht.

Sie nannten ihn Kraftmensch. Stärkster Mann der Welt. Urviech. Urgewalt.

Sie riefen ihn „Giesings Stolz“. In sein Zeugnis hat ihm der Lehrer geschrieben: „Sehr viele Fähigkeiten, verwendet sie aber hauptsächlich zum Bösen.“ In Paris hat er fünf lebende Jungfrauen gestemmt und im Deutsch-Französischen Krieg mit Kanonenkugeln jongliert. Mit dem bloßen Mittelfinger der rechten Hand konnte er einen 528 Pfund schweren Stein lupfen. Einmal hat er eine Pferdetrambahn samt deren Insassen aus dem Gleis gehoben.

Die Menschen hielten ihn für ein Wunder. Wahrscheinlich war er ein Wunder, er, der Metzgersohn Johann Baptist Steyrer, geboren in Allach im Juni 1849 und getauft vom Priester Gigl. Ein oberbayerisches Weltwunder. Größe: gerade mal 1,70 Meter, vielleicht ein paar Zentimeter mehr. Gewicht: gut 130 Kilo. Das sind sie, die Maße des Steyrer Hans, die Maße des bayerischen Herkules. Ein Mann, über den die Welt noch heute staunt. Allein sein gewaltiger Schnurrbart hatte sagenhafte Dimensionen. Die Münchner raunten damals: Der Steyrer Hans, der hat „a Oachkatzl gschnupft“.

Am 25. August 1906 stirbt er an Wassersucht, zu seiner Beerdigung auf dem Münchner Ostfriedhof kommen 1000 Menschen. Der Steyrer Hans war eine Ikone, ein Held seiner Zeit. Eine Sorte Mann, die heute nicht mehr geboren wird.

105 Jahre später sitzt ein Rentner mit blauem Hemd auf einer Blümchen-Couch in der Schusterstraße 12 in München. Kurt Erber ist der Urenkel des Steyrer Hans – und ein bisserl stinkig. Sein Uropa, sagt er, sei vergessen worden. München kümmert sich nicht um seinen stärksten Sohn. „Die Welt kennt ihn nicht mehr.“

Der Karl Valentin, der Monaco Franze, die Liesl Karlstadt, alle bekommen sie Ruhm und Denkmäler in der Landeshauptstadt. Der bayerische Herkules nicht, für Erber eine arg ungute Sache. Dabei wäre es seiner Meinung so einfach. „Der Steyrer Hans auf dem Viktualienmarkt – das wäre doch die Attraktion.“ Es gibt zwar eine Straße in Obermenzing, erzählt er, aber da hätten sich die Stadtoberen verschrieben. Sie heißt Steirerstraße. Dabei schreibe man seinen Uropa mit Ypsilon. Wisse man doch. Erber rutscht auf der Blümchen-Couch hin und her. „Mozart gibt’s doch auch bloß einmal“, schnaubt er. „Und Einstein ist auch nicht normal.“

Ungefähr in dieser Reihe sieht er seinen Vorfahren. Musikgenie, Physikgenie, dicht gefolgt vom bayerischen Kraftgenie. „Er hat’s eben hier gehabt“, sagt Erber und tippt auf seinen Oberarm.

Und wie er es da gehabt hat: Als Metzgergeselle trainiert der Steyrer Hans mit Schweinehälften, er stemmt Rinderhälften und halbe Ochsen. Sein Chef erkennt das Talent des Jungen. Er gibt ihm Kalbfleisch und gekochtes Kaninchenfleisch zu seinem mageren Lohn, auf dass die Muskeln noch schneller wachsen. So schreibt es der Autor und Bodybuilder Thorsten Moser in seinem gerade erschienenen Buch („Hans Steyrer – Bayerischer Herkules“) über den Urvater aller Kraftsportler. Mit 21 Jahren hängt der Hans die Schweinehälften endgültig an den Haken – und macht seine Kraft zu Geld. Er geht zum Zirkus, zerreißt Hufeisen, hebt Fässer, Kanonenrohre und gigantische Steinkolosse. Der Steyrer Hans wird zu einer Marke, zu einer Attraktion. Später geht er auf Europa-Tour. Ein französischer Reporter schreibt über ihn: „Er kann kein Wort französisch. Er ist einunddreißig Jahre alt und von mittlerer Größe und Korpulenz. Als alter Metzgergeselle war es vorgekommen, so hat er mir gesagt, dass er einen Ochsen mit einem einzigen Stockhieb erschlug.“

Der geschäftstüchtige Steyrer Hans nutzt seine Popularität auch für sein zweites Standbein: Er eröffnet eine Wirtschaft in der Lindwurmstraße in München – und nennt sie „Zum bayerischen Herkules“. Später schenkt er sein Kraftbier auch im „Tegernseer Garten“ in Giesing aus. Im Jahr 1879 geben sie ihm sogar ein Zelt auf der Wiesn, die Bude Nummer 11, vom Haupteingang aus links.

Eigentlich will er auf dem Oktoberfest auch seine Krafttaten vorführen, er will Steinbrocken und Hanteln heben, während seine Gäste ihre Mass trinken. Aber der Stadtmagistrat verbietet ihm seine Auftritte. Das ist nicht der einzige Ärger, den er sich bei seiner ersten Wiesn einhandelt.

Denn es ist so: Der Steyrer Hans erfindet schnell mal den Einzug der Wiesnwirte. Er lädt Bierfässer, seine Familie, die Schankburschen und die Kellnerinnen auf einen Vierspänner und sieben festlich geschmückte Zweispänner. Der Festzug macht sich von Giesing aus Richtung Theresienwiese auf, doch im Tal stoppt die Polizei die Kolonne. Der Amtsrichter verurteilt den Wirt später wegen „groben Unfugs“ und der „Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit“ zu einer Strafe von 100 Goldmark. Vor Gericht schimpft der Steyrer Hans: „Da hoaßt’s allawei, ma soi was doa. Und wenn ma nacha was duad, nacha konnst blecha, dass ois kracht.“ Im nächsten Jahr belädt der Mann mit dem Oachkatzl-Bart erneut seine Wagen mit Bier und Bedienungen, andere Wiesnwirte tun es ihm bald gleich.

Sein Urenkel Kurt Erber sitzt noch immer auf seiner Couch, er kramt in den Erinnerungsstücken an seinen Uropa, in den Bildern und den Medaillen vom Steyrer Hans. Erber sagt: „Er war ein Phänomen.“ Und: „Jedes Jahr übertragen sie den Einzug der Wiesnwirte im Fernsehen. Dort könnten sie ja mal ein einziges Wort über den Erfinder verlieren.“

Wär’ ihm so wichtig.

Stefan Sessler

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