Das Original Kaulbachs hängt heute in der Gaststätte Münchner Haupt an der Zielstattstraße in Obersendling. Gebhardt

Bayerns erstes Pin-up-Girl

Münchens - Die Schützenliesl - genauer: Coletta Möritz - war Bayerns erstes Pin-up-Girl. Kaulbach malte die begehrte Frau auf ein 5 Meter großes Bild. Das Bild hängt noch in einer Wirtschaft.

Gerade im Zeitalter der schnelllebigen Leistungsgesellschaft scheinen Münchner Originale rar zu werden. Prägende Akteure des gesellschaftlichen Lebens waren seit jeher der Wirt, der Schankkellner und die Bedienungen. Allerdings hatten die „Biermädchen“ einen zweifelhaften Ruf. Sie waren häufig im Rotlichtmilieu anzutreffen.

Wie die Münchner Polizei im Jahr 1909 auflistet, waren von 2500 Prostituierten ein Viertel Biermädchen. Den Ruf ihrer Zunft verbesserte dann der Inbegriff der schönen Münchnerin: Coletta Möritz. Sie gilt heute noch als Münchens berühmteste Kellnerin. Über die Herkunft von Coletta Möritz gibt es verschiedene Versionen. Als Geburtsort wird das oberbayerische Aichach ebenso genannt wie die Ortschaft Ebenried bei Landau an der Isar.

Fest steht: Sie kommt 1860 zur Welt und erhält - als lediges Kind - ihren ausgefallenen Vornamen vom Ortsgeistlichen. Mit der Mutter zieht sie nach München, wo sie die Schule besuchen darf.

Im Alter von 17 Jahren arbeitet Coletta im Sterneckerbräu den Kellnerinnen als Wassermädchen zu und wird später selbst Kellnerin. Dieser Beruf bringt um 1900 einen harten Alltag mit sich: Die Frauen leben lediglich vom Trinkgeld, von dem sie auch noch Versicherungsbeiträge, Putzgeld, Bruchgeld und Toilettengeld an den Wirt abgeben müssen.

Im Sterneckerbräu, an dessen Standort die Sterneckerstraße im Tal erinnert, macht sich Coletta Möritz einen Namen. Dort gehen damals bedeutende Maler wie Lenbach, Spitzweg und Kaulbach ein und aus.

Als Kaulbach Coletta zum ersten Mal sieht, ist er hin und weg. Um alles in der Welt will er sie malen. Weil Kaulbachs Atelier jedoch in zweifelhaftem Ruf steht, verweigert ihm die 18-Jährige einen Besuch.

Darum malt er sie im Wirtshaus: Auf einem Bierfass tanzend verewigt Kaulbach den Schwarm der Münchner auf einer Fläche von fünf Metern in Öl. Später ziert dieses Bild bei einem Schützenfest auf der Theresienwiese ein Bierzelt. Beim Deutschen Bundesschießen 1901 dient das Modell Kaulbach als Vorlage zu seiner „Schützenliesl“ auf einer Schießscheibe.

Obwohl von vielen Männerherzen begehrt, bleibt Colettas Liebesleben frei von Skandalen. Nachdem sie innerhalb von knapp viereinhalb Jahren in neun verschiedenen Gastwirtschaften gearbeitet hat, heiratet sie den Schwabinger Wirt Franz Xaver Buchner und wird Wirtin des Weißen Rössls.

In 26 Jahren Ehe nimmt ihr Familienleben große Dimensionen an: Coletta bringt zwölf Kinder zur Welt. Im Alter von 50 Jahren wird sie Witwe und heiratet drei Jahre später einen Postbeamten. Auch ihn überlebt sie und verstirbt im hohen Alter von 93 Jahren in München.

In großen Formaten ziert Coletta Möritz als Urbild eines bajuwarischen Pin-up-Girls noch heute das Schützenfestzelt auf dem Münchner Oktoberfest. Auch bei bayerischen Schützen hat ihr Bild einen festen Platz.

Corinna Erhard

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