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Wenn ein Viertel des Gehalts auf die Kinderbetreuung entfällt, ist das kaum stemmbar. 

Alleinerziehende ist verärgert

Berechnung von Kita-Gebühren: „Das ist einfach nur ungerecht“

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Ärger um Kita-Gebühren: Eine Münchner Alleinerziehende verdient weit weniger als im Vorvorjahr. Weil aber ihr Gehalt von 2015 für die Berechnung gilt, muss sie den Höchstsatz für die Krippe ihres Sohnes zahlen.

München - Lina W. (Name geändert) könnte zufrieden sein. Die alleinerziehende Mutter hat nach der Elternzeit einen Job gefunden. Sie hat einen Krippenplatz für ihren 17 Monate alten Sohn in erreichbarer Nähe in der Lerchenau bekommen. Und: Sie hat Doris Scheinkönig (65), eine ältere Dame aus der Nachbarschaft, die sich um sie und ihren Sohn kümmert und als „Leihoma“ einspringt. Lina W. hat aber eins nicht: Verständnis dafür, dass sie den Höchstsatz von 421 Euro pro Monat für die Krippe zahlen soll, die ihr Sohn seit dem 1. November besucht. Obwohl sie nur 22 000 Euro im Jahr verdient.

Mehr als ein Viertel ihres Jahresgehalts geht so – wenn man das Geld für die Mahlzeiten in der Kita noch dazurechnet – momentan für die Betreuung ihres Sohnes drauf. „Das ist einfach zu viel für mich“, sagt die 35-Jährige.

Vor allem alleinerziehende Mütter werden dadurch benachteiligt

Um die Problematik zu verstehen, muss man die Gebührensatzung der Stadt München für Kitas kennen. Diese sieht eine Staffelung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit vor. Wer über mehr als 60 000 Euro Jahreseinkommen verfügt, zahlt für einen Ganztagsbetreuungsplatz in der Krippe den Höchstsatz: 421 Euro. Wer unter 15 000 Euro im Jahr hat, zahlt gar nichts. Wer, wie Lina W., zwischen 20 000 und 25 000 Euro zur Verfügung hat, zahlt 68 Euro im Monat. Eigentlich. Denn: „Für die Berechnung der Gebührenermäßigung werden die Einkünfte des Vorvorjahres zugrunde gelegt“, sagt Ulrich Lobinger, Sprecher des Bildungsreferats.

Eine Leihoma wie Doris Scheinkönig zu finden, ist schon schwer. Hohe-Kita-Gebühren belasten Eltern zusätzlich. 

„Im Grund eine gute Sache“, findet Leihoma Doris Scheinkönig. „Weil fast jeder den Einkommenssteuerbescheid vom Vorvorjahr hat, wird hier der Verwaltungsaufwand gering gehalten.“ Ein Problem ergebe sich aber, wenn wie im Fall von Lina W. das Einkommen zwei Jahre zuvor wesentlich höher war.

Lina W. arbeitete 2015 noch in einer sehr gut bezahlten Position. 63 000 Euro verdiente sie da. Nach diesem Gehalt wird nun die Kita-Gebühr berechnet. „Das ist doch einfach nur ungerecht“, schimpft Scheinkönig. „Hier werden vor allem alleinerziehende Mütter benachteiligt – für sie reduziert sich das Einkommen nach der Geburt eines Kindes ja sehr oft drastisch.“

Lina W. erhält den Rat: Umziehen in eine Wohnung für 700 Euro

Lina W. selbst ist ratlos. Sie hat mit dem Leiter der Kita der Diakonie gesprochen, der das bedauert, aber darauf verweist, dass seine Einrichtung nach der städtischen Satzung arbeite. Da könne er nichts machen. Lina W. hat Stiftungen angeschrieben, ob sie ihr nicht helfen können – und Absagen kassiert. Sie hat sich auch an die Stadt gewandt. „Wer die Gebühren nicht bezahlen kann, kann wirtschaftliche Jugendhilfe beantragen“, sagt Ulrich Lobinger vom Bildungsreferat. Lina W. hat sich im Sozialbürgerhaus, wo solche Anträge gestellt werden können, beraten lassen. „Dort hieß es, ich müsste mit meinem Kind in eine Wohnung, die höchstens 700 Euro kostet, umziehen. Wie soll ich die denn in München finden?“

Noch schwerer wiegt aber: Lina W. will nicht dem Staat auf der Tasche liegen. Würde die Stadt die Kita-Gebühren nach ihrem derzeitigen Einkommen berechnen, käme sie ja gut über die Runden. „Ich verstehe das nicht. Würde ich nicht arbeiten, bekäme ich alles bezahlt: Wohnung und Kita-Platz.“ Sie habe wirklich das Gefühl, dass „wer arbeitet, der Dumme ist“, sagt sie.

Menschen würden in solchen Situationen nicht allein gelassen - oder doch?

„Warum“, fragt sich Doris Scheinkönig, „gibt es denn keine Ausnahmeregelung?“ Bei der Gebührenstelle im Bildungsreferat sagte man ihr, diese sei heuer abgeschafft worden. Bisher konnten Eltern, deren Einkommen im Vergleich zum Vorvorjahr deutlich gesunken war, eine „Vergleichsberechnung“ beantragen – und bekamen die Gebührenermäßigung. Diese Möglichkeit ist aber mit der vom Stadtrat beschlossenen Änderung der Kita-Satzung im April 2017 weggefallen. „Für mich ist es ein großer Unterschied, ob ich einfach weniger Kita-Gebühren zahlen muss oder auf staatliche Hilfe angewiesen bin“, sagt Lina W.

Nur zwei Prozent der Eltern hätten das „verwaltungstechnisch aufwendige Angebot“ der Vergleichsberechnung in Anspruch genommen, hieß es damals aus dem Bildungsreferat. Heute gebe es anstatt zwei Verwaltungsverfahren in solchen Fällen nur noch eine Möglichkeit, eben den Antrag auf wirtschaftliche Jugendhilfe, sagt Ursula Oberhuber, ebenfalls Sprecherin des Bildungsreferats. „Menschen in solchen Notlagen werden auf jeden Fall nicht allein gelassen“, betont sie. Diesen Eindruck hat Lina W. nicht.

Lesen Sie auch: Der große Kita-Bauplan der Stadt:So schwierig ist die Suche nach neuen Standorten

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