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Einmal Ticket vorzeigen, bitteschön! Busfahrer Reiner Wratsch kontrolliert Merkur-Redakteurin Carina Lechner vor der Reise nach Zürich.

Testreise von München nach Zürich

Besser Bus oder Bahn? Ein Vergleich

  • Carina Zimniok
    vonCarina Zimniok
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München - Fernbus-Reisen werden immer beliebter. Von München aus fahren täglich 160 Busse von 30 Anbietern Ziele in ganz Europa an. Doch wie gut ist die Art zu Reisen? Wir haben Bus und Bahn auf der Strecke München – Zürich verglichen. Hin ging’s mit „Mein Fernbus“, dem Marktführer. Zurück mit dem Zug.

Das Angebot

Wer an einem Montag von München nach Zürich reisen möchte, wählt bei „Mein Fernbus“ aus neun direkten Verbindungen. Der erste fährt um 7 Uhr, der letzte um 21.30 Uhr. Die kürzeste Fahrzeit beträgt 3:45, die längste 4:40 Stunden. Das Angebot der Deutschen Bahn in dieselbe Richtung ist viel größer: Vom Morgengrauen (3.25 Uhr) bis tief in der Nacht (23.40 Uhr) stehen dem Fahrgast 45 Verbindungen zur Verfügung – nur fünf davon sind direkt. Bei den anderen muss der Reisende umsteigen, ein- bis siebenmal(!). Die kürzeste Reisedauer beträgt 4:08, die längste 10:45 Stunden. Der schnellste Direktzug fährt 4:11 Stunden. In umgekehrter Richtung, von Zürich nach München, gibt es genauso viele Angebote der Bahn, von „MeinFernbus“ acht.

Der Preis

Die meisten Fahrten mit „MeinFernbus“ von München nach Zürich kosten 15 Euro, die Verbindungen um 18 und 19 Uhr sind mit 24,50 Euro etwas teurer. Das sind jedoch Sparpreise, die erstens nur für eine Internet-Buchung gelten und zweitens nur begrenzt verfügbar sind. Für unseren Test hatten wir Glück – wir reservierten sechs Tage vor der Reise. Insgesamt gibt es sechs Preisstufen, der Normalpreis liegt bei 38 Euro. Wer sich ganz kurzfristig für eine Reise entscheidet und im Netz nicht mehr buchen kann, zahlt bar beim Fahrer – vorausgesetzt, ein Platz ist frei. Die Fahrkarte kostet dann immer 38 Euro. Tickets gibt es auch in Reisebüros (bundesweit 3600), die fünf Euro Gebühr draufschlagen.

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Die Preisspanne bei der Deutschen Bahn für die Reise (egal in welche Richtung) liegt zwischen 61,90 und 122 Euro. Beim günstigsten Tarif steigt der Fahrgast drei Mal um und ist – über Nacht – 9:53 Stunden unterwegs. Die teuersten Verbindungen sind mit über sechs Stunden Fahrzeit und mindestens drei Umstiegen weder schnell noch komfortabel. Der Direktzug kostet 76,80 Euro. Für manche Züge gibt es Sparpreise (ab 49 Euro) – allerdings nur für eine begrenzte Zahl von Plätzen. Für unseren Test haben wir nach der Ankunft mit dem Bus am Züricher Hauptbahnhof ein Ticket für die nächstmögliche Verbindung zurück nach München gekauft. Preis: 79 Euro, zuzüglich 8 Euro „Auftragspauschale international“.

Der Bahnhof

Der Busbahnhof ZOB liegt eine S-Bahnstation vom Hauptbahnhof entfernt an der Hackerbrücke. Für Schwerbepackte gibt es Aufzüge. Über dem Abfahrtsterminal kann der Fahrgast in einem kleinen Einkaufszentrum seinen Reisebedarf decken. Wer warten muss, kann sich die Zeit in dem hübschen Café vertreiben. In welchen Bus man steigen muss, wird auf Schildern über der jeweiligen Parkbucht angezeigt. In Zürich kommt der Bus im „Carpark Sihlquai“ an. Das ist ein Parkplatz etwa drei Gehminuten vom Hauptbahnhof entfernt.

Die Tickets

Wie bei der Bahn erhält man die Tickets für „MeinFernbus“ am bequemsten im Internet. Vor dem Einstieg will der Fahrer die ausgedruckte Fahrkarte oder die elektronische Buchungsbestätigung auf dem Handy sehen. Im Busbahnhof gibt es keinen allgemeinen Fahrkartenschalter, sondern drei Reisebüros. Die verkaufen jeweils Tickets für bestimmte Busanbieter, Tickets für „MeinFernbus“ gibt es hier nur bei TUI. Eine telefonische, gebührenpflichtige Beratung (14 Cent/Minute) rund um die Uhr bietet „MeinFernbus“ an, eine Buchung per Telefon aber nicht. Anders bei der Bahn. Allerdings braucht es dafür Geduld. Das Ergebnis eines Testanrufs (20 Cent/Anruf) am Nachmittag eines Werktags: Erst nach knapp 14 Minuten in Warteschleife meldet sich eine freundliche Mitarbeiterin. Wer sein Ticket am Telefon mit Kreditkarte oder am Bahnhof kauft, zahlt 5 Euro mehr als im Internet. Platz-Reservierungen kosten bei der Bahn extra, im Fernbus können keine bestimmten Plätze gebucht werden. Wer zuerst kommt, sitzt zuerst – etwa auf besonders begehrten Plätzen vorne im Doppeldecker.

Das Gepäck

Im Fernbus darf jeder Passagier zwei große Gepäckstücke und ein Handgepäck mitnehmen, die er aber selbst ein- und ausladen muss. Auf unserer Fahrt helfen kräftige Passagiere älteren Damen. Im Zug, so heißt es in den Allgemeinen Geschäftsbedingungen, ist neben Handgepäck nur ein „Stück Traglast“ erlaubt. Klingt logisch, schließlich muss der Fahrgast selbst schleppen. Bei drei Umstiegen – nervig. Wir reisen zum Glück nur mit Handgepäck.

Die Route

Für den Test wählen wir den Bus München – Zürich, Abfahrt 10 Uhr, Ankunft 14.40 Uhr. Über den Mittleren Ring geht es auf die Lindauer Autobahn A 96. Erster Stopp an der Raststätte Landsberg-Lechwiesen: Fahrertausch. Pausen, so sagt der Fahrer, gibt es nicht, aber vier Zwischenhalte in Friedrichshafen, Meersburg, Allmannsdorf, Konstanz. Dort steigen später Passagiere innerhalb weniger Minuten aus oder zu.

Nach dem Fahrerwechsel geht es bis Friedrichshafen ohne Unterbrechung weiter. Um 13 Uhr rollt der Bus auf die Fähre – jetzt geht es über den Bodensee nach Konstanz. 15 Minuten dauert die Überfahrt, die Fahrgäste können den Bus verlassen und Seeluft schnuppern. An Bord gibt es wie im Bus Toiletten und ein Bistro: Ein Cappucino mit Butterbreze kostet vier Euro. Wieder an Land, schaukelt der Bus erst über Land- und Bundesstraßen weiter, dann über die Autobahn ins Züricher Zentrum.

Zurück nach München geht es mit der nächstmöglichen Verbindung, die eine Mitarbeiterin der Schweizer Bundesbahn am Hauptbahnhof empfiehlt: Abfahrt 15.05 Uhr, dreimal Umsteigen in Tuttlingen, Sigmaringen und Ulm, Fahrzeit 5:06 Stunden. Den Direktzug haben wir um zwei Stunden verpasst, der nächste würde erst in drei Stunden gehen – und wäre nur 20 Minuten schneller als unsere Verbindung.

Die Passagiere

Nicht anders als in der Bahn ist die Reisegruppe im Bus bunt gemischt: die Wissenschaftlerin aus München, die zur Hochschule pendelt; die Rentner aus Friedrichshafen, die in den Türkei-Urlaub fliegen; der Mittvierziger aus dem Kosovo, der Verwandte in der Schweiz besucht; die Studentin auf Städtetrip.

Der Komfort

Der Fernbus ist ein Doppeldecker. Die gut 40 Personen, die in München einsteigen, verteilen sich im ganzen Bus, jeder hat einen Zweiersitz für sich allein – was freilich Glück ist und von der Belegung abhängt. Die Beinfreiheit ist für einen 1,67 Meter großen Menschen sehr ordentlich, der Ausklapptisch groß genug, um darauf sein Pausenbrot oder ein Buch auszubreiten – aber zu klein für einen Laptop. Im unteren Stockwerk gibt es zwei Vierer-Sitzgruppen mit je einem Tisch dazwischen. Wer am Computer arbeiten will, sollte sich beim Einsteigen beeilen und sich einen dieser Plätze schnappen. Großer Pluspunkt: Im Bus gibt es kostenloses WLAN, also kabelfreies Internet. Das Einloggen funktioniert problemlos, die Verbindung ist jedoch nicht rasend schnell. Das WLAN ist vor allem jenseits der deutschen Grenze ein Vorteil – dort kann der Fahrgast weiter im Netz surfen, ohne teure Auslandstarife zu bezahlen.

Über jedem Platz gibt es eine Leselampe für Fahrten bei Nacht. Teppichboden und Sitze sind sauber. Die Bordtoilette ebenfalls, allerdings ist sie sehr, sehr klein und nur für schlanke Personen mit einem engen Wendekreis geeignet. Eine Notfall-Option. Kalte Getränke und Snacks verkauft der Busfahrer.

Der Komfort auf der Heimfahrt mit der Bahn variiert von Etappe zu Etappe. Im ersten Zug, einem Intercity, kommt auf der eineinhalbstündigen Fahrt einmal ein Mitarbeiter mit Service-Wagen vorbei, er verkauft uns einen Schwarztee im Pappbecher für 3,20 Euro. Der geräumige Sitz ist sauber, das ausklappbare Tischchen vom Kaffeebecher des Vorgängers verklebt. Die Toilette ist kein Wellness-Tempel, aber groß.

Vom baden-württembergischen Tuttlingen ins Nachbarstädtchen Sigmaringen fahren wir eine knappe Stunde mit einer Art S-Bahn, die zehnmal hält – entsprechend ruckelig und unkommod ist auch die Fahrt. Immerhin: Es gibt Steckdosen zum Aufladen, etwa von Handy-Akkus.

Im anschließenden Regionalexpress nach Ulm zieht es aus der Lüftungsanlage, wir wechseln das Abteil. Bordservice gibt es nicht. Die Leselampe ist zwar von jedem Fensterplatz aus zu bedienen, hängt aber so weit oben, dass das Lesen in der Dämmerung schwerfällt. Am bequemsten ist die letzte Fahrt von Ulm nach München im Eurocity. Bordbistro ist vorhanden, wird von uns aber nicht getestet, weil wir den weichen Sitz und die schnelle Fahrt mit nur drei Stopps genießen. Einziger Makel: Der Zug, der aus Frankfurt kommt und nach Linz will, hat schon einiges mitgemacht – Reisepläne liegen verstreut auf dem Boden, in unserem Sitznetz klemmt eine leere Limodose.

Die Ruhe

Im Fernbus sitzen die Fahrgäste näher beieinander als im Zug – das bringt die Anordnung der Sitze mit sich. Zudem sind die Lehnen niedriger als im Zug, schirmen deshalb weniger gut ab. Allerdings bleiben auf der Fahrt nach Zürich alle sitzen, niemand stromert durch den Bus, um sich die Zeit zu vertreiben (immerhin herrscht Anschnallpflicht). Zudem stört kein Kontrolleur. Die Durchsagen des Busfahrers vor den Zwischenstopps sind leise und kurz. Wer wie wir Glück hat, reist mit stillen Passagieren. Der Bus selbst schnurrt gedämpft vor sich hin.

Der Geräuschpegel in der Bahn hängt stark von der Art des Zuges ab. Vor allem der Regionalexpress zwischen Sigmaringen und Ulm ist sehr laut. In der Lokalbahn ab Tuttlingen sitzen Pendler im Feierabend, die Bekannte treffen und sich angeregt unterhalten. Die Automatenstimme scheppert vor jedem Halt – also zehnmal. Im schickeren Eurocity nerven die nett gemeinten, aber unnötigen Begrüßungen der Fahrgäste nach jedem Zwischenhalt.

Größter Minus-Punkt ist die Umsteigerei. Durch die Verspätungen (siehe „Pünktlichkeit“) hetzen wir zweimal zum Anschlusszug, obwohl laut Reiseplan eigentlich neun beziehungsweise vier Minuten zum Umsteigen bleiben und die Bahnhöfe nicht riesig sind. Das Abfahrtsgleis erraten wir mit Glück – Durchsagen gibt es nicht, um nach den Fahrplänen zu schauen, ist keine Zeit. Nächstes Mal warten wir vielleicht doch lieber auf den Direktzug und verbringen unsere Zeit gemütlich in der Züricher Innenstadt als gehetzt auf Umsteigebahnhöfen.

Das Reiseerlebnis

Die Haltestellen des Fernbusses liegen alle im Ortszentrum: in Friedrichshafen zum Beispiel direkt am Bodensee. Die Abschnitte auf Landstraßen führen durch Urlaubsdörfer, im Lärmschutz-Tempo 30 vorbei an niedlichen Pensionen und Restaurants. Es gibt viel zu sehen von Orten, die man sonst nie zu Gesicht bekäme. Weil der Bus maximal 100 km/h fährt, haben wir genug Zeit, Weinberge und Apfel-Plantagen zu betrachten – und die Ortsschilder zu lesen. So wissen wir immer genau, wo wir gerade sind. Und die Fährfahrt über den Bodensee ist fast wie Urlaub. Das wirkt sich auf das Zeitgefühl aus: Die Fahrt vergeht insgesamt recht schnell.

Auch auf der Zugreise erhaschen wir überraschend schöne Blicke auf gewaltige Steinformationen im Schwäbischen und idyllisch grasende Schafherden vor herbstlichen Bäumen. Doch meistens wenden uns die Orte, durch die wir rauschen, den Rücken zu – die Zuggleise sind verständlicherweise verbannt hinter verschmierten Lärmschutzmauern, verbuschten Wällen und führen oft an hässlichen Industriegebieten vorbei. Zudem stresst die Umsteigerei auf ungemütlichen Bahnhöfen. Vier Züge in fünf Stunden – die Reise kommt uns länger vor, als sie tatsächlich ist.

Die Pünktlichkeit

Wie pünktlich der Bus ist, hängt freilich vom Verkehr ab. Bei unserer Testfahrt kommt „MeinFernbus“ trotz vieler roter Ampeln, kleinerer Baustellen, Tempo-30-Zonen, einer Umleitung in Friedrichshafen auf die Minute genau um 14.40 Uhr auf dem Parkplatz in Zürich an – so stand es auf dem Ticket.

Auch der Zug erreicht München fahrplanmäßig um 20.11 Uhr. Allerdings haben alle Einzelverbindungen Verspätung: Einmal stehen wir auf freiem Feld – erst nach sieben Minuten sagt der Fahrer durch, dass wir den Gegenzug passieren lassen müssen. Wir denken uns: Warum kam die Info denn nicht gleich? Vor jedem Umsteigen bangen wir um den Anschlusszug und sehen uns schon verlassen im abendlichen Sigmaringen stehen. Nützliche Durchsagen gibt es nur im Eurocity ab Ulm: Der Zugbegleiter verkündet vor jedem Stopp, dass die Passagiere alle Anschlusszüge erwischen. Nur wäre uns das gerade beim letzten Zug fast egal.

Das Fazit

Unser Testsieger ist der Fernbus. Fairerweise muss man sagen: Wir hätten theoretisch auf den Direktzug zurück warten und zudem durch eine Vorausbuchung Geld sparen können. Zudem hatten wir auf der Busfahrt nach Zürich sehr viel Glück: keine Überbelegung, keine nervigen Sitznachbarn und vor allem keinen Stau. Der ist freilich die Achillesferse der Busreise. Sicher haben wir uns dank umsichtiger Fahrweise und Anschnallgurt gefühlt, laut „Mein Fernbus“ gab es seit der Firmengründung Anfang 2011 keinen Unfall mit Personenschaden. Bauchschmerzen bereitet die Frage nach der Umweltverträglichkeit: Verpestet ein Bus die Luft nicht stärker als ein Zug? Es bleiben die Pluspunkte Zeit, Preis (!) und Reiseerlebnis.

Carina Lechner

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