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Rosa R. (84) mit einem aktuellen Foto ihrer geliebten Schwester.

Betreuungsdrama im Altenheim

Ich darf meine Schwester nicht mehr sehen

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München - Weil Rosa R. ihrer 74 Jahre alten Schwester Hoffnung gemacht haben soll, wieder nach Hause zu können, erteilte deren Betreuerin ein Kontaktverbot  - der Beginn eines Betreuungsdramas.

Stellen Sie sich vor, Sie dürften einen geliebten Verwandten nicht mehr sehen. Gar nicht mehr. Die Mama, den Bruder oder die Schwester. Einfach so – von heut auf morgen. Undenkbar in unserem Land? Nein! Nicht, wenn es um das Betreungsrecht geht.

Der Fall von Rosa R. zeigt das auf dramatische Weise: Verzweifelt sitzt die 84-Jährige an ihrem Wohnzimmertisch und hält ein Bild ihrer Schwester hoch. „Ich darf Sieglinde im Heim nicht mehr besuchen“, sagt die Münchnerin mit Tränen in den Augen. „Nicht mal Geschenke darf ich für sie abgeben.“ Die Betreuerin der Schwester hat nämlich ein Kontaktverbot für Rosa ausgesprochen. Warum? Weil die immer wieder fragte, ob es nicht besser sei, ihre Schwester wieder in deren Wohnung zurückzuholen.

Die Familie vor 60 Jahren: Rosa (2. v. li.) kümmerte sich um Sieglinde (re.).

Knapp 12.000 Menschen in München haben einen gerichtlichen Betreuer. Also eine Person, die sich um alles kümmert, weil der Betroffene nicht mehr selbst dazu in der Lage ist (siehe unten). Meist sind Letztere pflegebedürftige Senioren. Wie eben auch im Fall Sieglinde. Die 73-Jährige lebt in einem Heim direkt am Englischen Garten, und da ihre ältere Schwester Rosa selbst krank ist und der Sohn tragischerweise bei einem Verkehrsunfall starb, wurde ihr vom Amtsgericht eine Berufsbetreuerin zugeteilt. Das ging auch eine Weile gut. „Bis ich immer wieder fragte, ob man Sieglinde nicht wieder in ihre Wohnung bringen könnte“, erzählt Rosa R. Der Schwester machte sie bei Besuchen immer wieder Hoffnung, dass sie vielleicht wieder nach Hause könne. Oder, wenn möglich, in ein Heim in ihrer Heimat, der Oberpfalz. „Es ging ja auch darum, ihr Mut zu machen.“

Doch die Betreuerin sieht das anders. Sie schickt der 84-Jährigen plötzlich einen Brief. Darin heißt es: „Ich bitte Sie, ab sofort sämtliche Besuche Ihrerseits zu unterlassen.“ Zudem erwecke Rosa bei ihrer Schwester „unrealistische Wünsche“. Das mache die Kranke unruhig. Es folgt ein Kontaktverbot.

Rosa R. darf auch das Heim-Gelände nicht mehr betreten

Eine 84-Jährige darf ihre Schwester nicht mehr sehen? Das „Mädchen“, um das sie sich ein Leben lang kümmerte. „Sieglinde war immer die Kleine in unserer Familie. Ich habe sie damals vor 60 Jahren mit nach München genommen – ihr einen Job gesucht“, erzählt Rosa R. „Und jetzt darf ich sie nicht einmal mehr anrufen.“ Das Heim habe ihr zudem mitgeteilt, dass sie wegen des Kontaktverbots das Gelände nicht mehr betreten darf. Was die Betreuerin zu dem Drama sagt? Die Antwort ist kurz: Man gebe keine Auskünfte über Betreuungsfälle – das müsse man auch nicht. Ein Anruf beim Amtsgericht bestätigt das: „Wenn es um Betreuungsrecht geht, gibt es keine Auskunftspflicht“, so eine Pressesprecherin. Heißt im Umkehrschluss: Der Betreuer kann theoretisch machen, was er will.

Ein Kontaktverbot auszusprechen, ist für Pflegekritiker Claus Fussek ein Unding. „Das gibt es nicht mal im Gefängnis. Man kann doch nicht Familien trennen, nur weil es mal Diskussionspunkte gibt. Das muss man mit Gesprächen lösen.“ Zudem hätten manche Betreuer bis zu 50 Menschen, um die sie sich kümmern. „Wie soll das gehen?“

Das Amtsgericht als entscheidende Instanz merkte übrigens an, dass Rosa R. ja jederzeit einen neuen Betreuer für ihre Schwester bestellen könne. „Das habe ich doch schon.“ Bisher ohne Ergebnis. Aber die große Schwester gibt nicht auf: „Ich wünsche mir so, dass ich meiner Sieglinde ein Weihnachtsgeschenk bringen darf.“ Armin Geier

Betreuungsrecht

Mit dem Betreuungsrecht wurde 1992 die „Entmündigung“ abgeschafft. Für rechtliche Betreuungen stehen in Deutschland 12.000 Berufsbetreuer, 800 Betreuungsvereine und hunderttausende Ehrenamtliche zur Verfügung. Viele von ihnen machen ihren Job gut, aber Fakt ist besonders bei den Berufsbetreuern: Je mehr „Patienten“ jemand hat, desto mehr Geld verdient er. Experten kritisieren: Wenn jemand 50 oder mehr Personen betreut (was bis zu 10.000 Euro brutto im Monat bringt), wird er kaum Zeit finden, diese auch regelmäßig zu besuchen und sich wirklich zu kümmern.

Apropos Senioren: In München werden zwei

Seniorenheime plattgemacht

- dafür baut der Münchenstift neu.

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