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Zehra Spindler in der ehemalige Druckerei

Kulturelle Zwischennutzung

Kreative Keimzelle für Freimann

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Puerto Giesing lässt grüßen: Aus der alten Druckerei Biering in Freimann wird bis mindestens Ende März der neue angesagte Brennpunkt der Jungen und Kreativen namens „BieBie“. Zwischennutzerin Zehra Spindler hat wieder zugeschlagen.

Jetzt muss wieder alles ganz schnell gehen. Zehra Spindler hat das Handy am Ohr, eine qualmende Kippe in der Hand. Das Planungsreferat hat zurückgerufen, Gott sei Dank. Ob der zuständige Sachbearbeiter zu sprechen sei, fragt sie. „Ich möchte eine Zwischennutzung anmelden. Nein, ich bin die Zwischennutzerin.“

Spindler, schwarze Haare, Jeans und Kapuzenpulli, steht im Erdgeschoss der Druckerei Biering an der Freisinger Landstraße, in ihrem neuen Büro. Aber was heißt schon Büro: Ein paar Plastikstühle stehen in dem großen Raum, ein Klapptisch mit Aschenbecher und Laptop. An der Glastür hängt ein Schild mit der Aufschrift „Kleinakzidenz“. Früher bedeutete das, dass hier Druckprodukte von Hand veredelt wurden, mit Banderolen oder Nähzeug. Jetzt denkt man eher an das englische Wort accident – Unfall. „Stimmt“, sagt Spindler und lacht. „Ich bin wie ein kleiner Unfall, der diesem Haus widerfährt, bevor es nicht mehr da ist.“

Denn die Druckerei Biering ist Geschichte, die Insolvenz zwang Eigentümer Ralf Biering zum Verkauf. 11 000 Quadratmeter werden gerade leergeräumt, die zwei urgewaltigen Druckmaschinen, die das Haus tagtäglich zum Vibrieren brachten, sind längst aus der großen Halle neben der „Kleinakzidenz“ geschafft worden. Natürlich könnte man so ein Haus auch einfach leer stehen lassen. Doch der neue Besitzer hat Zehra Spindler und ihr Team eingeladen, hier eine kulturelle Zwischennutzung zu versuchen. Sogar einen Namen dafür gibt es schon: Als Logo der Druckerei steht überall im Haus der Schriftzug „BieBie“. Spindler ist begeistert: „Geh’ ma ins BieBie – das klingt doch gut, oder?“

Mehrere riesige Industriesäle gibt es in dem 1979 errichteten Gebäude mit seinen vier Geschossen. Außerdem eine intakte Cafeteria im Keller. Die Räume sind sechseckig gebaut wie Waben in einem Bienenstock. Zehra Spindler führt durch das Haus und schüttelt in jedem zweiten Zimmer selbst ungläubig den Kopf: „Das ist so fett.“ Und zwar genau genommen mehr als doppelt so „fett“ wie Spindlers bislang größter Coup, „Puerto Giesing“. Etwa 5000 Quadratmeter bespielte sie 2010 im vormaligen Hertie an der Tegernseer Landstraße. Die Mischung aus Ateliers, Ausstellungen, Disko und Bürgerzentrum schlug ein wie eine Bombe. Das betuliche München rutschte in den Ranglisten mancher Kunst- und Lifestylemgazine plötzlich auf Platz 1 der angesagten Städte.

Spindlers Ruf eilte bis Berlin. Von dort ist Investor Jochen Unkelbach nach Freimann gekommen, seine Firma FMZ Wittlich hat die Druckerei Biering gekauft. „Wir haben gehört, was Frau Spindler gemacht hat, und wir finden das gut“, sagt er. In Berlin und anderen Städten arbeite der Immobilienvermarkter bereits erfolgreich mit der Kreativwirtschaft zusammen. Was aus der Druckerei einmal werde, sei noch nicht ganz klar, erklärt Unkelbach. „Im Erdgeschoss könnte es Einzelhandel geben, in den Obergeschossen Wohnungen. Aber ob wir das Gebäude entkernen oder abreißen, ist noch offen.“ Bis es so weit sei, gehe aber sicher noch Zeit ins Land. „Frau Spindler kann vorerst bis Ende März hier sein – und es gibt eine Option auf Verlängerung, schließlich wollen wir das Haus nicht leerstehen lassen.“ S

ogar Ralf Biering freut sich. „Es ist traurig um unseren Familienbetrieb“, sagt er. „Aber es ist schön, dass hier nach dem langsamen Tod, der so eine Insolvenz ist, noch einmal Leben reinkommt. Für mich ist das eine Art Trauerarbeit, für das Haus ein Kehraus – und für Freimann ein echter Gewinn.“ Der Meinung schließt sich Werner Lederer-Piloty (SPD), der Chef des örtlichen Bezirksausschusses (BA), an: „Kultur nach Freimann? Herzlich willkommen! Das kann das Viertel nur aufwerten.“ Er könne sich vorstellen, dass es im Haus Kooperationen mit anderen Freimanner Kultureinrichtungen wie dem um die Ecke liegenden Metropol-Theater oder der Mohr-Villa gebe. „Natürlich müsste man auf den Nachbarschafts-Schutz achten, sollte es hier Party- oder Club-Veranstaltungen geben“, betont Lederer-Piloty. „Aber die Freisinger Landstraße ist sehr befahren, und es gibt in der Umgebung nur wenig Wohnbebauung. Das dürfte kein großes Problem sein.“

Zehra Spindler winkt ab. „Das ist eh alles noch zu prüfen. Ich arbeite noch am Konzept.“ Aber weil es schnell gehen muss, hat sie schon etwa 15 Künstler ins Haus geholt – mietfrei. Platz für Künstler sei halt Mangelware in München, erklärt sie. Mit dabei sind einige alte Bekannte aus dem „Puerto Giesing“, und auch für den Chaos Computer Club, der schon an der Tegernseer Landstraße dabei war, hat sie ein Zimmer reserviert. Ein Tonstudio ist im Entstehen – und in einem Raum probt bereits Nikolaus Graf. Der Musiker hat ein DJ-Pult, einen Synthesizer und eine Elektro-Orgel mitgebracht. Jetzt schaut er sich in seinem Zimmer um: „Das ist eine richtige kreative Keimzelle.“ Genau, freut sich Spindler. „Das soll das BieBie auch für Freimann sein.“

von Johannes Löhr

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