Biedersteiner Keller: Neustart einer Legende

München - Der Keller des Studentenwohnheims Biederstein gehört zu den legendären Orten in München. Jetzt startet er in eine neue Ära. Mit einem Kunstwettbewerb haben aktuelle und ehemalige Bewohner dem in die Jahre gekommenen Gewölbe neues Leben eingehaucht.

Mit Sicherheit war das nicht leicht, so beherzt zur Tat zu schreiten. Unzählige Malereien und Schmierereien, die 50 Jahre Schwabinger Studentenfasching im Keller des Biederstein hinterlassen haben, sind bei der Generalsanierung des Wohnheims für immer hinter klinikweiß-gestrichenem Putz verschwunden. Doch statt dem verlorenen Erbe hinterherzutrauern, haben die Biedersteiner die Gelegenheit genutzt, um Neues auf den Weg zu bringen.

Bei einem von den Bewohnern selbst organisierten Kunstwettbewerb haben 14 junge Künstler die Kellerräume des Schwabinger Studentenwohnheims neu belebt. Rund einen Monat lang haben sie dort zwischen Bierflaschen und Pizzaschachteln geflext, gebohrt und gepinselt. Am Freitagabend wurde der neue Keller eingeweiht.

Zu sehen sind dort nun Kunstwerke, die zwar nicht mehr die Ursprünglichkeit und Spontaneität der alten „Höhlenmalereien“ haben, aber die Geschichte und Erfahrungen, die Generationen von Studenten in dem Keller gemacht haben, nicht minder intensiv aufnehmen.

Der angehende Kunstlehrer Oliver Winheim zum Beispiel hat ein Wandgemälde im Keller realisiert. „Für mich als alten Bewohner war das Pflicht, hier mitzumachen“, sagt er. „Es ist ein tolles Projekt. Auch weil es noch viel Platz lässt für Künftiges.“

Einen neuen Prozess im Keller anstoßen. Genau das war die Idee des Wettbewerbs. Die Biedersteiner wollen den Keller als Kulturstätte etablieren. Künftig sollen dort verschiedenste Veranstaltungen stattfinden. Am heutigen Dienstag feiert das neue Stück der hauseigenen Theatergruppe Premiere (weitere Aufführungen am 16. und 17. Februar).

Winheims Gemälde scheint die Architektur des Kellers aufzubrechen. Es sind nur Acrylfarben, direkt auf dem Putz. Aber es wirkt wie ein Fenster, das den Blick auf einen Raum hinter der Wand freigibt. Am Horizont geht die Sonne auf. „Hier gehen die Feste ja meist sehr lang“, sagt Winheim. „Da sollte es dann schon der Sonnenaufgang sein, den man durch ein Kellerfenster sieht.“ Für seine Arbeit wurde er mit dem zweiten Platz im Wettbewerb ausgezeichnet.

Während Winheim mit dem anbrechenden Morgen auf die Zukunft verweist, hat sich Melina Hennicker mit der Vergangenheit beschäftigt und den Wänden das Erbe der alten Bewohner mit ihrem Schriftzug „Michael 79 was here“ eingeprägt.

„Ich habe mir vom Studentenwerk eine Liste mit allen Bewohnern geben lassen“, erzählt die 26-Jährige, die an der Kunstakademie Bildhauerei studiert. Heraus kam: „Michael“ war der häufigste Name. 79 davon hat es im Biederstein schon gegeben. „Michael steht also exemplarisch für alle Menschen, die hier einmal gelebt haben.“ Verewigt hat sich dieser alte Biedersteiner mit einem „was here“, dem wohl kanonischsten aller Schmiersprüche. Melina Hennicker belegte gemeinsam mit dem Bauhaus-Absolventen René Landspersky, der Sitzbänke nach dem Vorbild der alten Trägersäulen im Keller gestaltet hat, den dritten Platz.

Den ersten Platz holte sich Ulrich Schröder, der einen Kellerraum in ein gigantisches Comic-Graffiti hüllte.

Die Generalsanierung des Kellers ist auch Symbol für einen tiefgreifenden Einschnitt, den die Studenten erfahren mussten: Im Zuge der Modernisierung des Wohnheims an der Biedersteiner Straße setzte das Studentenwerk auch innere Reformen um. Den Studenten wurde das Selbstbelegungsrecht gekündigt. Künftig dürfen sie nicht mehr selbst entscheiden, wer mit ihnen in dem Haus lebt. Eine Zäsur in der Geschichte des Wohnheims, das vielen als letzter Hort des alten Schwabinger Studentengeistes gilt. Doch mit dem Kunstwettbewerb haben die Biedersteiner den Grundstein dafür gelegt, dass dies trotz der Veränderungen so bleibt.

Dennis Mehmet Yücel

Noch bis zum 17. Februar kann man die Arbeiten tagsüber im Keller besichtigen. Das Wohnheim liegt an der Biedersteiner Straße 22 bis 30a. Karten für das Theaterstück per E-Mail an theaterprojekt-biederstein.de.

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