1. Startseite
  2. Lokales
  3. München
  4. Stadt München

Als die Bayern ihren Biergarten retteten

Erstellt:

Kommentare

null
„Ja spinnt´s ihr denn? A mia woin an langa Biergartenabend!“ 25 000 Bayern demonstrieren am 12. Mai 1995 ihre Wut während der Biergarten-Revolution auf dem Marienplatz. © dpa

München - Wenn der sonst so griabige Bayer auf der Straße Rabatz macht, dann stimmt gewaltig was nicht. Dann muss es schon fast ums Bier gehen. So geschehen heute vor 20 Jahren, als die Biergarten-Revolution München erbeben ließ.

Wenn Ursula Seeböck-Forster an den Ort der größten Revolution ihres Lebens zurückkehrt, dann wird ihre Stimme lauter als sonst. Ihr sonst so freundliches Lächeln verschwindet. Die gebürtige Münchnerin wird dann sehr ernst. Die Frau mit dem Trachtenjanker und den blonden Haaren sitzt in der Waldwirtschaft in Pullach, die alle nur „Wawi“ nennen. Hier hat alles begonnen. Von hier aus nahm die Biergarten-Revolution ihren Lauf. 1995 war das. Seeböck-Forster war ganz vorne dabei – sie hat alle Politiker angeschrieben. Oberbürgermeister Ude, Landtagsabgeordnete, Bundestagsabgeordnete, Ministerpräsident Stoiber. Im Grunde hat jeder im Freistaat, der was zu sagen hatte, einen Brief von Seeböck-Forster bekommen. Sie hat die Menschen aufgefordert, doch bittschön bei dieser Revolution mitzumachen. Bei dieser bayerischen Revolution, bei der es um alles geht – nämlich um die Gemütlichkeit.

Denn es war so: Ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs hatte dem Bayern eineinhalb Stunden weniger Biergarten verordnet. Die „Wawi“, in der 2000 Leute sitzen können, sollte schon um 21.30 Uhr statt 23 Uhr schließen. Das hatten klagende Anwohner erreicht, denen das Biermassscheppern, das Gelächter und der Verkehrslärm zu laut war. Danach kochte die Volksseele. Der Freistaat brodelte wie schon lange nicht mehr.

Noch heute wird Seeböck-Forster, 60, ganz narrisch, wenn sie an den Gerichtsbeschluss denkt. Vor ihr steht eine Halbe Bier, die sie aber nicht anrührt, weil sie so viel zu erzählen hat. Weniger Biergarten, gerade im Sommer. „Wo es doch so lang hell ist“, sagt sie. Seeböck-Forster schüttelt den Kopf. Die Justiz wollte dem Bayern die Bettruhe vorschreiben. Herrschaftszeiten, gibt’s doch gar nicht.

Doch das gab es, damals im Schicksalsjahr 1995. Aber das Volk setzte sich zur Wehr. 25 000 Menschen aus allen Ecken des Freistaats standen heute vor 20 Jahren auf dem Marienplatz. Sie hatten selbstgemalte Plakate dabei. Darauf stand: „Ja, spinnt’s ihr denn?“ Oder: „A mia woin an langa Biergartenabend.“ Blasmusik spielte, Kuhglocken wurden vor lauter Protest geläutet. Und die Politik witterte die Chance zur größtmöglichen Volksnähe. „Jeder weiß vorher, wo er ein Haus baut oder eine Wohnung mietet“, rief der damalige CSU-Chef und Bundesfinanzminister Theo Waigel in die Menge. „Man kann auch nicht ein Grundstück am Bahndamm kaufen und dann den Zugverkehr verbieten lassen.“

Die Aufgebrachten zogen weiter zum Odeonsplatz, um dort dem Ministerpräsidenten Edmund Stoiber 80 000 Unterschriften zu überreichen. Die Forderung: Weg mit der Sperrstunde, länger Bier für alle! Es ging damals nicht nur um die Öffnungszeiten der „Wawi“. Es stand mehr auf dem Spiel. Klagen von Anwohnern hatte es auch in anderen Biergärten gegeben: in der Menterschwaige und im Hirschgarten. „Es wäre ein Dominoeffekt entstanden,“ sagt Seeböck-Forster. Die „Wawi“ hätte zum Präzedenzfall werden können. Aber es ist anders gekommen: Ministerpräsident Stoiber setzte sich an die Spitze der Revolution – ein genialer Coup. Schon kurz nach dem Volksauflauf auf dem Marienplatz verfasste die Staatsregierung die Bayerische Biergartenverordnung. Ein rechtlicher Kniff der Staatskanzlei. Darin hieß es: Sperrstunde 23 Uhr in allen traditionellen Biergärten. Auch dagegen gab es wieder Klagen, aber Stoibers Juristen flickten so lange nach, bis die Verordnung wasserdicht war. Ein gigantischer Erfolg für Ursula Seeböck-Forster und ihre Mitstreiter wie Revolutionsanführer Manfred Schauer, der sonst auf dem Oktoberfest Menschen in sein berühmtes Kuriositäten-Kabinett, den „Schichtl“, lockt.

Die Liberalitas Bavariae stand damals auf der Kippe, nichts weniger. Aber die Anwohner und die Richter hatten einen mächtigen Gegenspieler: den „Verein zur Erhaltung der Biergartentradition“. Ursula Seeböck-Forster ist heute die Präsidentin. Die PR-Unternehmerin organisiert jetzt keine Revolutionen mehr, sondern Ausflüge in Biergärten und Vereinsfahrten ins Ausland. „Heute“, sagt sie, „herrscht ein relativer Frieden.“ Der Schutz des Biergartens braucht keine außergewöhnlichen Mittel mehr.

Früher war das anders. Ganz schlimm war es Anfang der 1990er, da war die Sperrstunde schon mal in Gefahr. Bei einem Trauermarsch trugen die Biergartenfreunde kurzerhand die bayerische Gemütlichkeit zu Grabe. Zu trinken gab es nur schwarze Getränke. Dunkles statt Helles, Cola statt Limo. Revolution auf Bayerisch. Denn wenn es um das Schicksal des Biergartens geht, dann ist in Bayern alles möglich. Dann tragen sogar die Getränke schwarz.

Das alles weiß keiner besser als Alfons Schweiggert, 68, aus München-Aubing. Er ist Autor des Buches: „Ganz Bayern ist ein großer Biergarten: Interessantes und Heiteres rund um eine urbayerische Kultstätte“. Schweiggert sagt: „Der Biergarten ist ein Geschenk Gottes. Der Biergarten ist das Wohnzimmer der Bayern. Er ist ein Lebensgefühl.“ Er ist so ziemlich das Letzte, was man dem Bayern nehmen darf – und schon seit ewigen Zeiten ein Sehnsuchtsort.

Seine Erfolgsgeschichte beginnt so: Die ersten sogenannten „Bierkeller“ lassen sich auf die 1770er-Jahre zurückdatieren. Damals konnte nur in kalten Monaten gebraut werden, da für die perfekte Gärung des Bieres Temperaturen zwischen vier und acht Grad notwendig waren. Also richteten die Brauer in den Flussterrassen der Isar tiefe Bierkeller ein, in denen sie das Bier mithilfe von Natureis das ganze Jahr über kühlhalten konnten. Zudem streuten die Brauer Kies auf den Boden und pflanzten Kastanienbäume, die Schatten warfen und so vermieden, dass die Sonne ungehindert auf das Bierlager einstrahlen konnte. Bald schon dienten die Keller aber nicht mehr nur als kühles Lager, sondern auch als Ausschank-Ort. Es war die Geburtsstunde des Biergartens.

Denn am kühlsten war das Bier nach dem Kauf logischerweise gleich an Ort und Stelle. Dort stellten die Brauer Tische und Bänke unter den Bäumen auf. Münchner Wirten passte diese neue Konkurrenz nicht. Sie beschwerten sich bei König Ludwig I. Dieser genehmigte 1812 den Bier-Ausschank über den Kellern, verbat aber den Verkauf von Speisen und anderen Getränken. 1825 wurde mit der Liberalisierung des Gewerberechts den bis dato reinen Schankbetrieben auch der Verkauf von Essen erlaubt. Von den ursprünglichen Kellerbiergärten gibt es in München heute noch den Paulaner am Nockherberg, den Hofbräukeller und den Augustiner-Keller.

Revolutionen rund ums Bier sind in Bayern keine Seltenheit – bereits 1844 rebellierten die Münchner, als König Ludwig I. den Bierpreis um einen Pfennig erhöhte. Daraufhin stürmten tausende Bürger die Münchner Brauereien, warfen die Fenster ein und randalierten. Das, erzählt Schweiggert, ist die eine Seite des Biers. Die andere ist überaus friedlich. Denn es ist so: Es gibt Bayern, die finden im Biergarten nahezu buddhistische Gelassenheit. Biergartenforscher Schweiggert nennt dieses Phänomen das „Goaßgschau“. Wenn ein Biergartler nämlich unverwandt auf seine Mass starrt, erinnert das manchmal an den Blick einer Ziege. In diesem Moment ist der Biergartler eins mit allem. Er meditiert direkt auf der Bierbank. „Es klingt komisch“, sagt Schweiggert, „aber das gehört irgendwie zum Biergartengefühl mit dazu.“ Der Biergarten ist derjenige Ort in Bayern, der zu Revolutionen anstachelt und gleichzeitig zu größtmöglicher Ruhe verführt. Verrückt.

Auch heute, im Jahr 2015, findet Alfons Schweiggert, könnte der Biergarten wieder zum Ort einer Revolution werden. Hier treffen sich Alt und Jung, Arm und Reich. So wie damals schon, als nicht nur die Arbeiterschaft, sondern auch Adelige die ersten Biergärten aufsuchten. Es gibt plötzlich für ein paar Stunden keine Standesgrenzen mehr. Der Biergarten, sagt Schweiggert, könnte heute ein Treffpunkt sein, wo man mit Flüchtlingen in Kontakt kommt, mit ihnen redet. „Da würde ein Verzweifelter vielleicht nicht gefragt werden ,Wer bist du und was kannst du?’“ Sondern: Wie heißt Du? Wie geht es dir? Und vielleicht sogar: Was willst du trinken? Liberalitas Bavariae in Höchstform. Das wär’s. Eine neue Biergarten-Revolution, eine Biergarten-Revolution des Geistes und der Mitmenschlichkeit. Das ist seine Vision.

Ursula Seeböck-Forster sitzt noch immer am Biertisch, die Halbe vor ihr noch immer unangerührt. Sie sagt: „Wir würden jederzeit wieder eine Revolution anzetteln.“ Vielleicht sollten sie es mal wieder versuchen. Die Zeit wäre reif. Die Idee von Alfons Schweiggert ist gar nicht schlecht. Denn das gehört manchmal auch zum Biergarten: der Traum, der bierselige Traum von einer besseren Welt.

Julia Mähler und Markus Schwarzkugler

Auch interessant

Kommentare