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Bischof Meisers Enkel schlägt zurück

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          um das Ansehen seines Großvaters: Hans Christian Meiser. 
          Foto: Klaus Haag
Kämpft um das Ansehen seines Großvaters: Hans Christian Meiser. Foto: Klaus Haag

Mit seinem Buch „Der gekreuzigte Bischof“ hat Hans Christian Meiser, Enkel des ehemaligen evangelischen Landesbischofs, die Meiser-Debatte neu angeheizt.

Er wolle aufklären, versicherte Meiser, als er gestern im Münchner Presse-Club das Buch vorstellte. Verlegerin Lioba Betten geht es um die "Wahrheit, die im Moment aus dem Lot geraten ist". Sie wolle "die Erinnerungskultur in München unterstützen", sagte Betten. Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Meiserstraße doch nicht umbenannt werde.

Die rot-grüne Stadtratsmehrheit hatte am 18. Juli 2007 auf Antrag der Grünen beschlossen, die Meiserstraße umzubenennen. Sie soll nun nach Martin Luthers Ehefrau Katharina-von-Bora-Straße heißen.

Der ehemalige Landesbischof Hans Meiser, der die evangelisch-lutherische Kirche in Bayern von 1933 bis 1955 leitete, war in den letzten Jahren Zeit in die Diskussion geraten, weil ihm antisemitische Äußerungen angelastet wurden. Zudem kam der Vorwurf auf, Meiser sei dem Nationalsozialismus und dem Holocaust nicht entschieden genug gegenübergetreten und habe später eine angemessene Entschuldigung vermissen lassen.

"Ich sehne mich nach Objektivität", sagte der Enkel, der seinen Großvater nie kennengelernt hat. Doch der provokative Titel und mehr noch so manche Wortwahl in dem 178 Seiten starken Werk ("Hinrichtung", "Hexenjagd") lassen erkennen, dass dem promovierten Philosophen aus persönlicher Betroffenheit – "Trauer", wie er schreibt – bisweilen die Distanz abhanden gekommen ist.

Doch Hans Christian Meiser hat in dem Buch zweifellos viele Fakten zusammengetragen, die bei der Beurteilung seines Großvaters zu berücksichtigen sind: dass Bayerns erster Landesbischof mindestens 126 Menschen vor Hitlers Schergen gerettet hat; dass der dialektische Aufsatz, der heute als Beweis seines Antisemitismus angeführt wird, den Nazis so judenfreundlich schien, dass sie in Rage gerieten und forderten: "Fort mit Landesbischof Meiser!"; dass nach dem Krieg selbst der Oberrabbiner Ohrenstein Meiser gedankt hat.

Die entlastenden Argumente, obwohl in der Mehrzahl bekannt, seien in der Diskussion nie ausreichend gewürdigt worden, so Meiser. Doch sie zeichneten "ein ganz anderes Bild als das, was uns die Politik und leider auch Teile der Kirche gezeigt haben." Meiser sei "Opfer politischer Interessen" geworden.

Hans Christian Meiser hat beim Verwaltungsgericht gegen die Straßen-Umbenennung geklagt. Er sieht das Persönlichkeitsrecht seines Großvaters verletzt. Mit einer Entscheidung rechnet er am Jahresende. So lange will auch die Stadt mit dem Vollzug der Umbenennung warten.

Auf Eis liegt derzeit auch eine Gedenktafel, mit der die Landeskirche an Hans Meiser sowie "an seine Verdienste und an sein Versagen" erinnern will. Einen ersten Entwurf hatte Hans Christian Meiser juristisch gestoppt. Von einem wissenschaftlichen Symposium am kommenden Wochenende in München erhofft sich die Landeskirche nun Hilfe bei der endgültigen Entscheidung über den Text.

Das Buch: Hans Christian Meiser: "Der gekreuzigte Bischof -

Kirche, Drittes Reich und Gegenwart - eine Spurensuche". München Verlag, ISBN 978-3-937090-36-8, 176 Seiten mit Fotos, 16,80 Euro.

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