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Thomas Gilg ist Rechtsmediziner und zugelassener Gutachter.

Was Blut Experten über Alkohol erzählt

München - Die Rechtsmedizin kann gerichtsfest nachweisen, wie viel jemand vor oder nach einer Straftat getrunken hat. Eine 47-Jährige wurde so der Lüge überführt.

Mit einer tränenreichen Geschichte hat eine Verkehrssünderin gestern versucht, einen Amtsrichter milde zu stimmen. Vergeblich. Ein Rechtsmediziner widerlegte ihre Angaben, sie habe nach einem handfesten Streit mit ihrem Mann aus lauter Hektik und Schmerz den Zaun eines Kindergartens umgefahren. Aus Scham, weil sie ein blaues Auge gehabt habe, sei sie vom Unfallort geflüchtet, damit sie niemand so sehe.

Nach dem Gutachten von Professor Thomas Gilg von der Rechtsmedizin der Münchner Uni stand aber fest: Die 47-Jährige muss an jenem Abend im Februar relativ viel getrunken haben, bevor sie sich hinters Steuer setzte. Zum Unfallzeitpunkt habe die Frau 0,9 Promille Alkohol im Blut gehabt, errechnete der Experte. Sie selbst hatte nur von zwei Gläsern Aperol Spritz und einem Glas Wein in sieben Stunden gesprochen. Laut Gutachten eine glatte Lüge, die ihr am Ende 500 Euro Geldbuße wegen Trunkenheit am Steuer und einen Monat Fahrverbot einbrachte. Zudem setzte es 750 Euro wegen Unfallflucht.

Nicht selten spielt Alkohol vor Gericht eine wichtige Rolle. Mal dient er als willkommene Ausrede, mal will man kaum was getrunken haben. Doch die verschiedenen Alkohol-Arten hinterlassen im Körper Spuren, die Rechtsmedizinern verraten können, welche Alkoholika die Betroffenen in welchen Mengen getrunken haben. Dies funktioniert über eine Begleitstoffanalyse, wie auch im Fall der 47-Jährigen. „Bei der Produktion von alkoholischen Getränken entstehen in diesen typische Begleitstoffe“, erklärt Gilg. „Wir können anhand dieser Stoffe im Blut konkrete Angaben von Beschuldigten überprüfen.“

Dies könnte auch Ärger für einen 20 Jahre alten Auszubildenden bedeuten. Der junge Mann wollte am 11. Mai mit seinem BMW in Neuaubing in eine Parklücke am Straßenrand fahren. Dabei streifte er mit seiner rechten Autoseite die Stoßstange eines geparkten Kleintransporters und zerkratzte diese leicht. Der 20-Jährige ging in seine Wohnung, rief die Polizei an. Die stellte bei dem Azubi einen deutlichen Alkoholgeruch fest. Ein Test erbrachte 0,5 Promille. Der Azubi behauptet, er habe vor lauter Aufregung nach dem Unfall ein Glas Whiskey getrunken.

Die Analyse des sofort entnommenen Blutes soll nun Klarheit bringen. Wären zum Beispiel keine Begleitstoffe von Whiskey nachweisbar, wäre zumindest klar, dass die Geschichte des Neuaubingers so nicht stimmen kann. Ein Ergebnis steht noch aus.

Im Fall der 47-jährigen Unfallfahrerin hat Gilg ihre Angaben schon widerlegt. Denn über die Menge der Begleitstoffe könne er auch Rückschlüsse auf die Länge einer Alkoholisierung ziehen, sagt Gilg. Im Blut der Frau sei ein sehr hoher Methanolspiegel nachweisbar. Demnach müsse sie über einen langen Zeitraum einen anhaltenden Alkoholpegel um die 0,5 Promille gehabt haben. Es könne nicht stimmen, dass sie in sieben Stunden nur zwei Aperol Spritz und einen Wein getrunken habe. Auch könne es nicht zutreffen, dass sie nach dem Unfall - als Nachtrunk, wie sie sagte - noch einen Schnaps konsumiert habe.

Auch physiologische Ausfallerscheinungen können Hinweise geben - oder zeitlich versetzte Blutabnahmen. Gilg: „Wenn zum Beispiel der Alkohol in einer ersten Blutprobe deutlich höher liegt als in einer zweiten nach etwa 20 Minuten, so hat die Person kürzlich sicherlich nicht viel Alkohol nachgetrunken.“

Die Geschichte mit dem Nachtrunk könnte also auch dem Azubi noch Ärger einbringen, sollte sein Blut ihn überführen.

S. Rieber/B. Link

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