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Aus der Maschinenpistole PPSch-41 sollen die tödlichen Schüsse auf Ingrid Reppel abgefeuert worden sein.

Die blutige Geiselnacht von München

München - Brutal, skurril, schicksalhaft - zur Eröffnung der neuen Polizeiausstellung erzählen wir einige der spektakulärsten Kriminalfälle Münchens neu. Heute: Deutschlands erster Banküberfall mit Geiselnahme.

Als um 23.40 Uhr der erste Schuss fällt und Hans Georg Rammelmayr zusammensackt, jubelt die Menge. Es ist der Anfang vom Ende eines Verbrechens, das in Deutschlands Kriminalgeschichte eingehen wird. Im folgenden Kugelhagel stirbt nicht nur Bankräuber und Geiselnehmer Rammelmayr, sondern auch seine erst 20-jährige Geisel Ingrid Reppel. An den Absperrungen und hinter den Fensterscheiben des gegenüberliegenden Restaurants „Käfer“ stehen tausende Münchner und beobachten den Ausgang des ersten Bankraubs mit Geiselnahme in Deutschland.

Es ist der Abend des 4. August 1971, eine schwül-heiße Sommernacht. Seit Stunden ist die Filiale der Deutschen Bank an der Prinzregentenstraße 70 belagert. Das Ultimatum der Gangster in der Bank ist eigentlich schon knapp zwei Stunden zuvor abgelaufen. Ihre Forderung: zwei Millionen Mark und freies Geleit. Um zwanzig Minuten vor Mitternacht tritt Ludwig K., Kassierer der Deutschen Bank und eine der fünf verbliebenen Geiseln, aus der Tür der hell erleuchteten Filiale.

Zwei Millionen Mark im Jutesack

Zwei Millionen Mark in einem Jutesack lehnen nach dem Kugelhagel am Vorderrad des Fluchtwagens.

Der Kassierer hat einen Jutesack dabei, auf dem „Deutsche Bundesbank“ steht. Darin befinden sich die geforderten zwei Millionen Mark in zwanzig Paketen mit jeweils tausend Hundert-Mark-Scheinen. Ludwig K. bringt den Sack zu einem blauen, mitten auf der Straße abgestellten BMW. In diesem Auto mit dem Kennzeichen M-HC 1193 wollen die beiden Bankräuber Hans Georg Rammelmayr und Dimitri Todorov mit ihrer Beute und ihren Geiseln fliehen.

Der Kassierer geht zurück zur Bank und führt seine Kollegin Ingrid Reppel zum BMW. Die Gangster haben ihr die Augen verbunden, ihre Hände sind mit dicken, weißen Stricken gefesselt. Er setzt die 20-Jährige auf den Beifahrersitz. Jetzt löst sich eine dritte Gestalt aus der erleuchteten Tür der Bank. Es ist Hans Georg Rammelmayr, ein 31-jähriger Chemigraph aus Giesing. Rammelmayr hat sich eine knallrote Kapuze über den Kopf gezogen. Sie läuft nach oben spitz zu, hat zwei Sehschlitze und ähnelt den Masken des amerikanischen Ku-Klux-Klans. In der linken Hand hat der Bankräuber eine russische Maschinenpistole aus dem Zweiten Weltkrieg, eine PPSch-41. Er geht langsam zum Auto, nichts passiert, einige Gaffer applaudieren.

Tausende Münchner stehen an den Absperrungen und verfolgten gespannt das Geschehen vor der Bank.

Erst als Rammelmayr hinter dem Steuer sitzt, fällt der erste Schuss aus dem Gewehr eines Scharfschützen. Jetzt bricht ein Kugelhagel los. Weitere Scharfschützen und umstehende Polizisten mit Maschinenpistolen eröffnen das Feuer auf den BMW, durchsieben das Auto. Auch Rammelmayr schießt. Er und Ingrid Reppel sacken getroffen zusammen. Münchens damaliger Bürgermeister Hans Steinkohl, von Beruf Chirurg, läuft durch das Chaos zum Wagen und trägt die verletzte Geisel zu einem Notarztwagen. Rammelmayr wird von Polizisten aus dem Auto in den Rinnstein gezogen. Er stirbt noch auf der Prinzregentenstraße. Ingrid Reppel erliegt eine Stunde später im Krankenhaus rechts der Isar ihren Verletzungen.

Zurück bleiben am rechten Vorderrad des BMW der Geldsack und die knallrote Maske. Die zwei Millionen landen wieder in den Tresoren der Bank, die Maske ist heute Teil der Asservaten-Sammlung der Münchner Polizei. Zusammen mit der Maschinenpistole, den Fesseln und dutzenden Fotos wird sie in der Polizeiausstellung zu sehen sein und an ein wenig rühmliches Kapitel Münchner Polizeigeschichte erinnern.

Denn an diesem Abend, an dem das Wort „Geiselnahme“ noch neu und ungewohnt klingt, läuft fast alles schief, was schieflaufen kann. Da streiten Staatsanwalt und Polizeipräsident um die Einsatzleitung, Scharfschützen müssen erst noch in einer Kiesgrube das Schießen üben, weil es bei der Polizei bis dato keine Spezialisten gibt. Der Schütze bekommt dann den Auftrag zu schießen, obwohl der Komplize noch mit Geiseln in der Bank ist. Doch als Rammelmayr ungeschützt vor der Bank steht, drückt der Beamte nicht ab. Er sei sich nicht sicher gewesen, ob es sich nicht um eine verkleidete Geisel handelt, sagt er später. Als er dann doch schießt, sitzt der Bankräuber bereits neben der Geisel im Auto. Für die Polizei ist schnell klar, dass Rammelmayr sterbend noch Ingrid Reppel erschoss. Doch die Notärzte, die versuchten ihr Leben zu retten, bezweifeln, dass die tödlichen Schüsse aus dem Gewehr des Geiselnehmers stammten.

Ein Bankraub in Toulouse als Vorbild

Mit vorgehaltener Waffe stürmen Polizisten nach dem ersten Feuergefecht auf der Prinzregentenstraße die Bank.

Nach dem Kugelhagel auf der Prinzregentenstraße stürmen Polizisten von zwei Seiten die Bank, in der sich immer noch Dimitri Todorov verschanzt hält. Es dauert Minuten, bis die Beamten in der Bank sind. Todorov könnte unter den Geiseln ein Blutbad anrichten. Er tut es nicht. Von der Justiz kann er dennoch keine Gnade erwarten. Todorov wird zu lebenslanger Haft wegen versuchten Mordes verurteilt. Wohl auch, um künftige Täter von ähnlichen Verbrechen abzuschrecken.

Bis zu diesem 4. August 1971 kannte man Geiselnahmen bei Banküberfällen nur aus den USA. „Chikago in München“, schrieb denn auch der Münchner Merkur. Wenige Tage zuvor hatten erstmals Gangster im französischen Toulouse die amerikanische Methode kopiert – die Polizei ließ sie mit ihrer Beute ziehen. Das hatten Todorov und Rammelmayr, bis dahin zwei Kleinkriminelle, gehört und wollten auch das große Ding drehen.

Beide haben dafür einen hohen Preis bezahlt. Rammelmayr ließ sein Leben auf der Prinzregentenstraße, Todorov verbüßte 22 Jahre Haft für seine Tat. Heute ist er frei, lebt in München und hat ein Buch geschrieben. Bei der Polizei dauerte es noch mehr als ein Jahr, bis tatsächlich Konsequenzen aus dem Desaster gezogen und Sondereinsatzkommandos gebildet wurden. Vorher musste mit dem Attentat auf die Olympischen Spiele eine weitere Katastrophe geschehen – aber das ist ein anderer Fall in Münchens Kriminalgeschichte.

In der nächsten Folge: Johann Eichhorn - Der Serien-Frauenmörder von Aubing

Polizei plant Museum für ihre Beweisstücke

Die Münchner Polizei will künftig noch stärker den Kontakt zur Bevölkerung suchen und plant dafür ein eigenes Museum. Zu diesem Zweck wird am Montag die Gruppe „Münchner Blaulicht – Polizeiverein für Prävention und Bürgerbegegnungen“ gegründet. Zu den ersten 19 Mitgliedern werden neben Polizeipräsident Wilhelm Schmidbauer auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU), Oberbürgermeister Christian Ude (SPD), FC Bayern-Präsident Uli Hoeneß und Dirk Ippen, Verleger des Münchner Merkur und der tz, gehören. Außerdem haben auch der Stadtsparkassen-Chef Harald Strötgen, der Gerichtsmediziner Wolfgang Eisenmenger und die „Tatort“-Kommissare Miroslav Nemec und Udo Wachtveitl laut Polizei ihren Vereinseintritt zugesagt.

Langfristig soll im Polizeipräsidium ein eigenes Museum entstehen. Dafür muss der Verein aber zunächst Sponsoren finden. Bis der benötigte Betrag gesammelt ist, wird im zweiten Stock des Präsidiums eine vorläufige Ausstellung eingerichtet. In der Polizeiausstellung sind ab Sommer Beweisstücke und Fotos zu spektakulären und skurrilen Kriminalfällen aus der Münchner Polizeigeschichte zu sehen. Dafür machen die Beamten ihre Lehrmittelsammlung öffentlich. Bislang dienten die Asservate nur der Ausbildung von Staatsanwälten und Polizisten. Viele Stücke waren noch nie öffentlich zu sehen. In einer Serie stellt der Münchner Merkur bis zur Eröffnung einige Ausstellungsstücke vor und erzählt noch einmal die dazugehörigen Fälle.

Da die Interimsausstellung mitten im Polizeipräsidium untergebracht wird, soll sie zunächst nur für Besuchergruppen zugänglich sein. Im Rahmen von regelmäßigen Führungen kann man die Beweisstücke bald besichtigen. Unter anderem werden Asservate zum ersten Bankraub mit Geiselnahme 1971 an der Prinzregentenstraße, zum Fall des Frauenmörders Johann Eichhorn aus den 1930er-Jahren und zum Olympia-Attentat von 1972 zu sehen sein. Im langfristig geplanten Museum soll die Ausstellung dann noch deutlich erweitert werden.

Philipp Vetter

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