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Bruce Springsteen versetzte im Olympiastadion die Menge trotz Kälte und Regen ins Delirium.

Bruce Springsteen im Oly-Stadion

Der Boss siegte übers Sauwetter

München - Historisches Konzert: Bruce Springsteen spielte sich drei Stunden lang durch das komplette Album „Born In The USA“. Lesen Sie hier, wie's war:

Fünf Grad und Dauerregen. Im ausverkauften Münchner Olympiastadion warten über 40.000 Menschen schockgefroren auf ein Freiluftkonzert. Was also tun? Bruce Springsteen, der hier sein Deutschland-Gastspiel startet, ist zwar katholisch erzogen, glaubt aber nicht an Wunder, sondern an harte Arbeit. Deshalb erklimmt er hemdsärmelig die Bühne, singt alleine an der Gitarre mit dem Creedence-Klassiker „Who’ll Stop The Rain“ gegen das Sauwetter an, um dann das Anti-Schlechtwetterprogramm zu starten. Wenn man so versierte Musiker wie die Mitglieder der E-Street-Band im Rücken hat, kann man kurzerhand das Programm auf „Aufwärmen“ umkrempeln und den Fans einheizen, bis die vor Begeisterung  die Kälte vergessen.

Also gibt es viele sehr alte Songs zu hören und viele neue, nach Spaßfaktor sortiert. Die Neunzigerjahre spart er komplett aus. Gut gelaunt bringt der „Boss“ die Betonschüssel auf Betriebstemperatur und verkündet schließlich eine kleine Sensation: das komplette Album „Born In The USA“ aus dem Jahr 1984 werde er spielen. Ob das eine Belohnung für die unerschütterliche Ausdauer der Fans ist oder lange geplant oder einfach nur eine Laune – wer kann das bei dem Mann schon sagen?

Es wird jedenfalls ohne jede Übertreibung ein historischer Abend. Denn nie zuvor hat Springsteen diese Platte, die Fluch und Segen gleichermaßen für ihn war, live durchgespielt. Springsteen macht das vielleicht nie wieder, jedenfalls bestimmt nicht in Deutschland. Die Fans erfassen instinktiv diesen besonderen Augenblick und bringen das altehrwürdige Olympiastadion zum Beben. Spätestens bei „Bobby Jean“ schmeißen dann auch die Journalisten ihre Schreibblöcke weg und lassen sich mitreißen von der fiebrigen Atmosphäre an diesem nasskalten Abend.

Springsteen muss erbärmlich frieren, immer wieder sieht man, wie er sich die Hände an den Hosenbeinen warm reibt, um die Gitarre spielen zu können, aber aufgeben kommt für einen wie ihn nicht infrage. Gerade wenn es knüppeldick kommt, der Regen peitscht und der Wind eisig pfeift, will er es wissen und spielt die Menge ins Delirium. „Ist uns egal, ob es regnet, stürmt oder schneit – wir liefern!“, brüllt er, und er meint es sehr ernst, trotz der ausgelassenen Stimmung. Zeit für Besinnliches oder Balladen bleibt an so einem Abend kaum – da geht es um das nackte Überleben, also feuert der Boss seine Mannen ununterbrochen an, und die neue Bläsersektion erweist sich als Glücksgriff: Sie prügelt regelrecht die gute Laune in diese grimmige Nacht, bis auch der Letzte ganz oben auf der Tribüne singt, tanzt und vergisst, dass es lausig kalt ist und nass.

Bruce Springsteen: Sein Konzert im Münchner Olympiastadion

Bruce Springsteen: Sein Konzert im Münchner Olympiastadion

Irgendwann kündigt Springsteen an, die Sache wegen der Kälte vorzeitig zu beenden, aber das war natürlich nur ein Witz. Stattdessen zieht er seine dünne Weste aus und knöpft das Hemd auf. Wenn es richtig hart wird, kommen die Harten erst richtig in Fahrt, heißt es in einem amerikanischen Sprichwort – und Springsteen ist ein ganz Harter. Bis zum Schluss, bis zu „Twist And Shout“ hält der „Boss“ die Spannung. Drei Stunden lang spielt, läuft und schreit sich Springsteen, immerhin 63, die Seele aus dem Leib, bis die Band, das Publikum und er wirklich nicht mehr können.

München war das 110. Konzert der aktuellen Tournee, weitere 23 Auftritte dieser Art werden folgen. Nicht zu fassen, woher diese Energie kommt, dieser Wille, diese Leidenschaft. Der Mann kann nicht von dieser Welt sein.

Zoran Gojic

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