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Im Einsatz: Die Helfer des BRK sind auf dem Oktoberfest im Dauerstress und helfen Schwerstbetrunkenen.

BRK: Blutstudie mit betrunkenen Wiesngästen

München - In der Sanitätsstation auf dem Oktoberfest wurden Studien an betrunkenen Besuchern gemacht, möglicherweise ohne dass sie damit einverstanden waren.

Dabei wurde den Untersuchten auch Blut abgenommen. Das Rote Kreuz dementiert - die Staatsanwaltschaft ermittelt.

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Wer 2004 auf der Wiesn zu viel getrunken hat und deshalb in die Sanitätsstation des Bayerischen Roten Kreuzes (BRK) eingeliefert wurde, hat an einer wissenschaftlichen Studie teilgenommen – auch wenn er das gar nicht weiß. Damals untersuchten Wissenschaftler der Universitäten Leipzig und Dortmund, welche Personengruppen ein besonders hohes Risiko haben, wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus eingeliefert zu werden. Dabei sammelten sie Daten von insgesamt 405 Patienten. Neben Alter, Geschlecht, Blutdruck, Puls und Körpertemperatur wurden auch Blutwerte und der Blutalkoholwert der Patienten festgehalten. Dafür wurden den Untersuchten Blutproben entnommen.

Wenn einem Menschen ohne dessen ausdrückliches Einverständnis Blut abgenommen wird, gilt dies als Körperverletzung. Einzige Ausnahme: Wenn die Blutentnahme medizinisch notwendig ist. Außerdem müssen Teilnehmer wissenschaftlicher Studien am Menschen stets ihr Einverständnis erklären. Wie der Münchner Merkur aus BRK-Kreisen erfuhr, haben die Untersuchten ihr Einverständnis nicht gegeben. Bis zum Verlassen der Station hätten die Patienten keine schriftliche Erklärung unterschrieben, ist sich der Arzt sicher. Er selbst habe gesehen, dass Kollegen zu Studienzwecken Blut abgenommen haben, sagte er unserer Zeitung.

Die Wissenschaftler haben die Ergebnisse ihrer Studie im vergangenen Jahr in einer Fachzeitschrift unter dem Namen „Munich Oktoberfest experience“ („Münchner Oktoberfest-Erfahrung“) veröffentlicht. Darin schreiben sie, dass alle Patienten beim Verlassen der Station „eine schriftliche Einverständniserklärung abgaben, an der Studie teilzunehmen“. Beim BRK betont man, dass die Blutabnahme zur Diagnose und Behandlung der Patienten notwendig gewesen sei und die Proben vor Ort auf Alkohol und andere Drogen untersucht worden seien. Die dabei gesammelten Daten seien anschließend anonymisiert für die Studie verwendet worden. Das sei ein Vorgang, „bei dem eine Einwilligung entbehrlich ist“, teilte das BRK München mit.

Unter Medizinern ist strittig, ob die Bestimmung des Blutalkoholwertes für die Diagnose und Therapie von Alkoholvergiftungen notwendig ist. „Wahnsinnig aussagekräftig ist der Blutalkoholwert nicht, aber wir wissen immer ganz gern, womit wir es zu tun haben“, sagte selbst BRK-Chefärztin Monika Mirlach, die den Einsatz auf der Wiesn leitet. Auch sie sagt, dass beim Verlassen der Station eine Einverständniserklärung abgegeben worden sei. Darin habe es geheißen, dass man der „wissenschaftlichen Auswertung“ der Patientendaten zustimme. Die Erklärung sei in deutscher Sprache abgefasst gewesen, sei ausländischen Patienten aber übersetzt worden.

Aus der Studie geht hervor, dass viele der Patienten bei der Einlieferung bewusstlos waren und auch beim Verlassen teils noch deutlich betrunken waren. Zudem befanden sich unter den Untersuchten auch Jugendliche. Der jüngste Patient war gerade einmal 14 Jahre alt.

Beim BRK verweist man zudem darauf, dass die Ethikkommission der Uni Leipzig der Studie zugestimmt habe. Der Hauptautor der Studie gehört dem Herzzentrum der Universität an. Auch die Uni Dortmund war an der Untersuchung beteiligt. Das Herzzentrum der Uni Leipzig war am Freitagabend nicht für eine Stellungnahme zu erreichen.

Die Staatsanwaltschaft München hat inzwischen Ermittlungen eingeleitet, nachdem eine anonyme Anzeige eingegangen war. Es sei bereits ein Zeuge vernommen worden, bestätigte Staatsanwalt Wolfgang Beckstein. Im Raum stehe der Verdacht der Körperverletzung, falls die Blutabnahme nicht notwendig gewesen sein sollte oder eine nicht sachgemäße Behandlung, falls sich herausstellen sollte, dass Patienten wegen der Studie nicht in der gebotenen Eile in ein Krankenhaus transportiert wurden.

Philipp Vetter

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