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Sebastian L.

Das erschütternde Tonband-Protokoll

München - Zwei Tonbänder haben am Dienstag im Gerichtssaal Dominik Brunner und das Geschehen am Bahnhof Solln lebendig werden lassen. Es waren zwei Notrufe, einer vermutlich zufällig in Brunners Hosentasche ausgelöst. Viel Klarheit brachten sie aber nicht.

Es ist eine tiefe Stimme. Ruhig klingt sie. Und fest. Die Stimme gehörte Dominik Brunner. Sie verstummte vor zehn Monaten. Doch als sie an diesem Nachmittag im Gerichtssaal erklingt, lässt sie Brunner für einen kurzen Moment noch einmal lebendig werden. Es herrscht eine beklemmende Atmosphäre im Saal. Die Zuschauer suchen sich einen festen Punkt, den sie fixieren können, um sich nur auf das zu konzentrieren, was sie jetzt gleich hören werden.

Brunner, 50, spricht – bairisch gefärbt – mit dem Polizeibeamten in der Notrufzentrale: „Da san mir gegenüber zwei Männer gsessen, die andere junge Männer ausrauben wollen.“ Es ist der Mitschnitt des Gesprächs, das Brunner aus der S-Bahn führt, in dem er die Polizei nach Solln bestellt. Gerade hat er die pöbelnden Jugendlichen, Markus S. und Sebastian L., zur Rede gestellt, die jetzt wegen Mordes auf der Anklagebank sitzen. Der Polizist am Telefon fragt nach, woher Brunner das mit dem Raub wissen will. „Weil sie’s gsagt haben.“Plötzlich ist Brunner nicht nur das Gesicht, das man von Fotos kennt. Seine Stimme lässt ihn dreidimensional erscheinen. Zum ersten Mal haben die, die ihn nicht kannten, das Gefühl, den Menschen Dominik Brunner fassen zu können.

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Was Brunner sagt, ist klar verständlich. Es ist ein krasser Gegensatz zu der Handy-Aufnahme, die das Gericht kurz zuvor angehört hat. Zu hören ist dabei ein Wirrwarr aus Stimmen und Geräuschen. Ab und zu glaubt man, Schmerzenslaute zu hören, Beleidigungen sind zu verstehen. Und immer wieder fragt jemand: „Hallo?“. Es ist die Stimme einer Beamtin, die in der Notrufzentrale mithört, was nur Augenblicke nach Brunners erstem Anruf auf dem Bahnsteig in Solln passiert. Das Handy steckt in Brunners Hosentasche, offenbar wurde versehentlich die Wahlwiederholungstaste gedrückt.

Eine Gutachterin des Landeskriminalamtes hat das Band Sekunde für Sekunde ausgewertet. Vieles bleibt auch für sie unverständlich, einige Dialoge kann sie aber rekonstruieren: „Komm her, komm her, Mann, du Dreckschwein, komm her, Mann“, sagt einer der Täter. Dann die Notrufzentrale: „Hallo?“ Das Opfer schreit: „I nimm oan mit, i nimm oan mit.“ Ein Täter: „Du Sau!“ Es folgen Schreie, Rufe, Stöhnen – vermutlich vom Opfer: „Aaah“. Kurz darauf ein Täter: „Du Bastard, Mann, du Bastard, Mann.“ Dann erneut die Notrufzentrale: „Hallo?“

Wenig später ist zu hören, wie ein Mann schreit: „Mann, ey hör mal auf“. Zu wem diese Stimme gehört, ist unklar. Ob es Sebastian L. sein kann, der da zu hören ist, will die Gutachterin nicht mit Sicherheit sagen. Zeugen berichteten, L. habe versucht, seinen Kumpel zu bremsen. Auch andere Stimmen appellieren an die Täter, von ihrem Opfer abzulassen. Einer ruft „Lieber Gott.“ Dann die Notrufzentrale: „Ich bin am Mithören, redet keiner mit mir, die schlägern.“

Nach zwei Minuten, fünf Sekunden ein letztes „Hallo?“ Dann endet das Band. Im Gerichtssaal herrscht betretenes Schweigen.

Bettina Link / Philipp Vetter

Verzweifelte Rettungsversuche am Bahnsteig

Immer wieder pumpen sie Luft in seine Lungen, pressen seinen Brustkorb zusammen. Zwei Stunden lang kämpfen die Rettungssanitäter, der Notarzt und später die Ärzte im Krankenhaus um Dominik Brunners Leben – vergebens. Es sind dramatische Minuten, die Helfer und Mediziner am Dienstag im Gerichtssaal schildern. Sechs Schocks versetzen sie seinem Herzen mit einem Defibrillator, erzählt einer der Sanitäter. Gelegentlich reagiert das Organ mit einem schwachen Rhythmus, der jedoch gleich wieder versagt. Ein Puls sei nie zu fühlen gewesen. Äußere Verletzungen, insbesondere am Schädel, seien nicht zu sehen gewesen, sagen die Sanitäter. Ob bei den Wiederbelebungsversuchen Verletzungen entstanden, könne man nicht mehr mit Sicherheit sagen, allerdings komme es bei einer Herzdruckmassage häufig zu Rippenbrüchen. Auffällig sei gewesen, dass Brunners Halsvenen gestaut waren. Das sei ein Zeichen dafür, dass eine Herzkammer nicht mehr richtig arbeite, sagt der Notarzt. Nach Prozessbeginn war bekannt geworden, dass Brunner an einer Herzschwäche litt und an Herzstillstand gestorben war. Brunners Gesicht sei blau gewesen, berichtet ein Sanitäter, ein Zeichen dafür, dass das Blut keinen Sauerstoff mehr enthält. Im Geldbeutel von Dominik Brunner fand sich eine Patientenverfügung. Das habe aber bei der Wiederbelebung keine Rolle gespielt, berichtet der Notarzt.

bl/pv

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