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Die Grafik zeigt, in welchen Stadtvierteln die Parteien ihre stärksten Ergebnisse eingefahren haben. Zum Vergleich die Zahl der Zweitstimmen für die Parteien in der Stadt München insgesamt: CSU 30,0 Prozent – SPD 16,2 – Grüne 17,2 – FDP 14,2 – AfD 8,4 – Linke 8,3.

Nach der Bundestagswahl

Wahl-Überraschungen in München: So haben die Viertel gewählt

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In drei Stadtbezirken wurden die Grünen stärkste Kraft. Was bewegt die Menschen dort? Und warum haben im Münchner Norden relativ viele die AfD gewählt, im Zentrum viele die FDP? Eine Spurensuche.

München - München hat nicht ganz mit dem Bundestrend gewählt. Die Zugewinne der AfD sind kleiner als in Restdeutschland, dafür haben FDP, Grüne und Linke noch stärker zugelegt. Das Debakel von CSU und SPD hat die Grünen insgesamt auf Platz zwei befördert. Bei den Zweitstimmen holte die CSU 22 Stadtbezirke – in drei wurden erstmals die Grünen stärkste Kraft: Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt, Au-Haidhausen und Schwanthalerhöhe. Die FDP schnitt vor allem in Altstadt-Lehel, Maxvorstadt und Bogenhausen gut ab, die AfD in Feldmoching-Hasenbergl und Milbertshofen-Am Hart.

Warum haben die Münchner so gewählt? Wie ticken die Stadtteile? Wir haben mit den Menschen gesprochen.

Die Spurensuche beginnt auf der Schwanthalerhöhe – einer grünen Hochburg. Doch was heißt schon Hochburg? Am Georg-Freundorfer-Platz sitzt auf einer Bank die Rentnerin Erna Sattler (Name geändert) in der Herbstsonne. Sie habe AfD gewählt, sagt die 82-Jährige. „Deutschland den Deutschen. Des hot ma gfoin.“ Sie erzählt von ihren Sorgen: dass im Altenheim die Pfleger unterbezahlt seien, die Politik aber nichts unternehme. Dass sie früher gern zu Operetten in die Stadt gefahren sei. Aber das traue sie sich nicht mehr wegen der Gruppen junger Burschen. Sattlers Mann ist im Viertel aufgewachsen und gestorben. Früher, sagt sie, die vielen Italiener und Griechen, „die haben gearbeitet und sich angepasst“. Das täten die neuen Zuwanderer nicht. Dass die AfD hier im Viertel nur 5,9 Prozent geholt hat – stadtweit: 8,4 –, lässt Sattler hilflos mit den Schultern zucken.

Karte: Die Ergebnisse der Münchner Stadtviertel

Schwanthalerhöhe: Ein buntes Viertel wählt bunt

Am Sandkasten stehen zwei Mütter. Wen sie gewählt haben? „Wir durften nicht, wir haben keinen deutschen Pass.“ So auch Obsthändler Edo vor der Sparkasse: Er kam als Flüchtling in den 90er-Jahren, hat aber seine bosnische Staatsangehörigkeit behalten. Schwanthalerhöhe ist das Viertel mit dem zweithöchsten Ausländeranteil in München: 34,7 Prozent. Sie alle haben keine Stimme.

Edos Freund, der mit Zigarette im Mund angeradelt kommt, hat gewählt. Aber einen ungültigen Zettel abgegeben. „Weil ich keinem mehr vertraue“, sagt er. Der Münchner entpuppt sich als waschechter Verschwörungstheoretiker. Die Flüchtlingswelle sei „gesteuert“ gewesen, „um das Land kaputtzumachen“, alles sei dem Ende nah. Aber, sagt er: „Kinder sollten Politik machen! Kinder würde ich sofort wählen.“ Auch für seine Freigeister ist die Schwanthalerhöhe berühmt.

In unserem Ticker können Sie noch einmal alles wichtige rund um die Bundestagswahl nachlesen. Unter anderem erklärt der Chef des KVR, wie es zu der Panne mit der Wahlbeteiligung kommen konnte.

In der Kazmairstraße hat Ahmed B. sein Fahrrad in die Werkstatt gebracht, weil ihm jemand einen Achter ins Hinterrad getreten hat. Der Student hat SPD gewählt. „Wegen dem Schulz“, sagt der 28-Jährige, „der will was verändern. Hat nun leider nicht geklappt.“ Gut am Schulz findet Ahmed, „dass er dem Trump Grenzen zeigen will. Die Merkel eiert immer nur herum.“ Auch mit Erdogan müsse man mal Klartext reden.

Auf einer Bank sitzt eine Deutsche mit einem Bindi, einem Hindu-Punkt auf der Stirn. Die Altenpflegerin hat ihre Zweitstimme der V-Partei gegeben – der Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer. „Die ist der einzige echte Gegenstrom zur aktuellen Politik“, sagt sie.

So wählte München als Stadt

Natürlich haben wir auch Grünen-Wähler getroffen – siehe Umfrage. Jana Priester lebt seit zehn Jahren im Viertel und sagt: „Immer mehr Familien und Doppelverdiener wohnen hier“ – von denen viele grün wählten: „Den Bioladen muss man sich leisten können.“ Sibylle Stöhr (Grüne), Vorsitzende des Bezirksausschusses, erklärt den Erfolg damit, „dass wir vor Ort sehr präsent und aktiv sind“. Die Grünen hielten Themen wie Wohnen und Radwege hoch. Im Viertel lebten trotz Gentrifizierung viele Migranten, Alleinerziehende, Genossenschaftsmitglieder: „Wenn es so bunt bleiben soll, müssen wir daran arbeiten.“

Ähnliches ist in Au-Haidhausen zu hören. Ergebnis der Grünen: 24,9 Prozent (CSU: 23,5). Die Rentnerin Gabriele Herzsprung sagt, Haidhausen sei generell alternativ angehaucht. Am grünsten ist Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt – mit 25,6 Prozent (CSU: 23,6). BA-Mitglied Benoit Blaser (Grüne) sagt, dass grüne Themen die Bevölkerung ansprechen: „urban, viele Menschen ohne eigenes Auto beziehungsweise Nutzer von Carsharing, schwul-lesbisch, offen und tolerant“. Die Chemikerin Susanna Schweitzer hat für die Grünen gestimmt, weil sie deren Flüchtlingspolitik, das soziale Engagement und den Klimaschutz wichtig findet.

Altstadt-Lehel: Immer mehr Gutverdiener

Die FDP hat in Altstadt-Lehel stolze 21,2 Prozent geholt – Platz zwei hinter der CSU (30,9). „Der Strukturwandel macht sich besonders in der Altstadt bemerkbar“, sagt BA-Chef Wolfgang Neumer (CSU). Immer mehr Gutverdiener und Gutausgebildete zögen her und Menschen mit niedrigerem Einkommen fort. Gerade im Hackenviertel werde sich das noch verstärken: Durch die neue Fußgängerzone in der Sendlinger Straße stiegen die Immobilienpreise, die Mieten für Wohnungen und Gewerbe ins Unermessliche.

Münchner Norden: Sorge wegen der Flüchtlinge

Am Wahlabend sagte OB Dieter Reiter (SPD) schockiert, die AfD sei in München „so wenig sichtbar“. Doch in sechs Stadtbezirken hat sie mehr als zehn Prozent geholt (bundesweit: 12,6). In Milbertshofen-Am Hart sind es 11,2 Prozent. BA-Chef Fredy Hummel-Haslauer (SPD) erklärt: „Hier sind viele Flüchtlingsunterkünfte entstanden. Da gab es schon ein Rumoren in der Bevölkerung. Viele Leute haben Positionen eingenommen, die dann die AfD aufgegriffen hat.“ Vor allem Bürger mittleren Alters seien an ihn herangetreten, sagt er. „Die meisten mit guten Jobs, viele mit Reihenhaus.“ Doch auch in der dritten Generation der Gastarbeiter gebe es einige, die „nicht so begeistert sind“ von den Flüchtlingen. Weil sie sich so viel erarbeitet hätten, Steuern zahlten – und den Flüchtlingen vermeintlich so viel geschenkt werde. Mit solchen Vorbehalten mache die AfD Politik.

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