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Caritas hilft Roma-Familien: „Bildung statt Betteln“

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Rund um den Hauptbahnhof gehören bettelnde Menschen wie diese Frau mit Kind fast schon zum gewohnten Bild.  Goetzfried
Rund um den Hauptbahnhof gehören bettelnde Menschen wie diese Frau mit Kind fast schon zum gewohnten Bild. Goetzfried

München - Die Situation vieler Zuwanderer aus Rumänien oder Bulgarien ist prekär. Jetzt reagiert ein Wohlfahrtsverband - weil sich "bislang niemand zuständig fühlt".

In den vergangenen Jahren sind immer mehr Roma und türkischsprechende Bulgaren nach München gekommen, weil sie in ihrer Heimat keine Zukunft mehr sahen. Seit der EU-Osterweiterung dürfen sie dauerhaft nach Deutschland einreisen. Doch die meisten dieser Menschen leben vom Betteln oder von schlecht bezahlten Gelegenheitsjobs, sind obdachlos oder sehr beengt untergebracht. Das Caritas-Zentrum in der Innenstadt will die Situation dieser Menschen nun mit dem Projekt „Bildung statt Betteln“ verbessern.

Caritas-Sozialberater Alexander Thal schätzt, dass derzeit bis zu 1000 Roma und türkischsprechende Bulgaren in München leben. Viele seien durch die Wirtschaftskrise in ihren Heimatländern arbeitslos geworden - und hätten hier auf Arbeit gehofft. Einige der Bettler, die rund um den Hauptbahnhof anzutreffen seien, gehörten nicht, wie oft vermutet, zur Bettelmafia, sagt Thal. Es seien Menschen aus den EU-Beitrittsländern, die zu überleben versuchten. Die Not der Menschen sei zuerst bei der Münchner Tafel aufgefallen. Dort hätten immer mehr von ihnen um Lebensmittel gebeten, berichtet der Sozialpädagoge. „Da wurde uns klar, dass wir dringend etwas unternehmen müssen, denn hier wächst eine Generation von Kindern heran, die vollkommen ohne Perspektive ist“, fügt Willibald Strobel-Wintergerst hinzu, der Leiter des Caritas-Zentrums in der Innenstadt.

Zwei Mitarbeiter der Caritas - der aus Bulgarien stammende Theologe Nedialko Kalinov und die rumänischstämmige Maria Burlacioiu - beraten die Zuwanderer nun jeden Mittwoch. Die Stadt München finanziert seit kurzem eine halbe Stelle für das Projekt. Da geht es etwa darum, den Roma-Familien Zugang zur medizinischen Versorgung zu verschaffen. Oder darum, dass die Männer, von denen viele als Tagelöhner arbeiten, einen Gewerbeschein oder arbeitsrechtliche Tipps bekommen. „Die Menschen haben keinen Anspruch auf Sozialleistungen. Das einzige, was sie dürfen, ist selbstständig arbeiten“, sagt Thal. Auch würden die Menschen in Deutschkurse vermittelt, die von Ehrenamtlichen abgehalten werden. In erster Linie geht es aber um Familien mit Kindern. „Diese Menschen sind zu sehr mit dem Überleben beschäftigt, als dass sie sich um die Bildung und Zukunft ihrer Kinder kümmern könnten“, hat Kalinov beobachtet. Inzwischen besuchten alle Kinder jener Familien, zu denen die Caritas-Berater Kontakt haben, die Schule.

„Bildung statt Betteln“: Dass der Name des Projektes auch in die Irre führen kann, gibt Thal zu. Die Initiatoren hätten inzwischen erkannt, dass es „nicht so einfach funktioniert, die Leute vom Betteln wegzubringen“, sagt er. Zum Beispiel gebe es da eine 72 Jahre alte Witwe. „Die wird ihr restliches Leben am Hauptbahnhof sitzen und betteln“, sagt Thal. Langfristig müsse es aber darum gehen, den Kindern dieser Zuwanderer eine Perspektive zu geben. Bislang, sagt er, habe sich in München „niemand so recht für das Problem zuständig gefühlt“.

Dass sich eigentlich die Herkunftsländer ihrer geächteten Minderheiten annehmen müssten, sieht man auch bei der Caritas so. Der Wohlfahrtsverband arbeitet bei „Bildung statt Betteln“ jetzt auch mit dem rumänisch-orthodoxen Kirchenzentrum München zusammen. Bei einem ersten Treffen haben sich Caritasdirektor Prälat Hans Lindenberger und Weihbischof Sofian von Kronstadt darüber verständigt, Druck auf EU-Ebene auszuüben. Und auch der bayerische Integrationsbeauftragte Martin Neumeyer (CSU) habe bereits seine Unterstützung zugesagt, sagt Thal.

Caroline Wörmann

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