Zum 65. Geburtstag des Oberbürgermeisters

Ude-Double: Das Beste aus unserem Doppelleben

München - Er weiß, wie Ude tickt – von Berufs wegen: Der Kabarettist Uli Bauer tritt seit 17 Jahren als Double des Münchner OB auf. Heute wird Christian Ude 65 Jahre alt. Sein Alter Ego erzählt zum Geburtstag ein paar Anekdoten aus der beiden Doppelleben.

Vor 20 Jahren hätte ich mir nicht gedacht, dass Peter Gauweiler und mich einmal ein gemeinsames Schicksal verbindet. Und daran ist Christian Ude schuld. Denn er hat durch seine bloße Existenz in unser beider Lebensläufe entscheidend eingegriffen: Bei Gauweiler hat er die Karriere als Münchner OB verhindert und bei mir die als Schauspieler. Denn nachdem man mich als Christians Doppelgänger entdeckte, hieß es bei jedem Casting für Film- und Fernsehrollen nur noch: „Danke, Herr Bauer, sehr schön. Aber dieses Gesicht ... in unserem Drehbuch kommt leider kein Oberbürgermeister vor.“

Aber wer weiß, was sowohl den Münchnern als auch den TV-Zuschauern dadurch alles erspart geblieben ist? Ich habe mich in mein Schicksal ergeben. Wobei ich anfangs nicht ahnen konnte, dass das zu meiner Lebensaufgabe werden würde. Doch es gibt Schlimmeres, als der Doppelgänger eines jahrzehntelang sehr erfolgreichen und immer noch durchaus gut aussehenden Politikers zu sein. Da hat es so manch anderes Double schlechter erwischt und war gleich nach einem Singspiel-Auftritt wieder weg vom Fenster.

Allerdings erinnere ich mich immer noch mit Schaudern an unsere erste flüchtige Begegnung. Das war 1988, fünf Jahre vor dem Beginn seiner OB-Karriere auf einer Hochzeitsfeier: Ein alter Schulfreund von mir heiratete ausgerechnet Udes Tochter. Susanne und Bernhard waren Fans meiner damaligen Kabarett-Gruppe „Blackout“ und wünschten sich von mir als Geschenk eine lustige Einlage.

Ich weiß nicht, welcher Teufel mich damals geritten hat, aber da sich das Brautpaar nur standesamtlich trauen ließ, hatte ich eine „super“ Idee. Im Priesterkostüm und mit einer Klobürste Wasser verspritzend brach ich in die bis dahin fröhliche Hochzeitsgesellschaft mit den Worten ein: „Wenn ihr nicht zur Kirche kommt, dann kommt die Kirche eben zu euch!“ Ich ließ das Brautpaar vor mir niederknien und vollzog eine äußerst derbe Trauungszeremonie.

Anfangs machten sie noch gute Miene zum bösen Spiel, und ich ließ mich, ganz der Profi, auch vom immer lauter werdenden Protest aus der zum Teil sehr gläubigen Verwandtschaft nicht bremsen. Selbst als es der Braut zu viel wurde und sie versuchte, mich mit Musik abzuwürgen, brüllte ich meine Predigt noch bis zum bitteren Ende, verließ wiederum Klobürste schwingend die fassungslose Hochzeits-Gesellschaft und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Diesen „grandiosen“ Auftritt, für den ich mich beim Brautpaar natürlich tausendmal entschuldigte, würde ich getrost als den peinlichsten meines Lebens bezeichnen.

Danach verloren sich Ude und ich für einige Jahre aus den Augen. Erst 1995, nachdem ich ihn das erste Mal auf dem Nockherberg dargestellt hatte und er davon sehr begeistert war, sprach ich ihn wieder darauf an: „Wir kennen uns ja schon.“ Er: „Woher?“ Ich: „Von Susannes Hochzeit damals, der Priester...“ Er war völlig geschockt: „Um Gottes willen, Sie waren das! Das war ja grauenvoll!“ Zum Glück sind weder Christian noch seine Familie nachtragend.

Und so entwickelte sich in den folgenden Jahren eine Freundschaft, die mir als Co-Autor des Singspiels öfter als zu große Nähe zum Derbleckten angekreidet wurde. Ich finde jedoch, dass ich ihn in keinster Weise geschont habe. Aber er hat einfach nicht gerade viel Stoff geboten, keine Skandale, keine privaten Verfehlungen, keine größeren politischen Schnitzer. Na gut, vielleicht mal hier Tunnels, da Hochhäuser, dort Startbahn. Womöglich haben ihn die hinterfotzigen Münchner ja nur deswegen immer wieder mit großer Mehrheit gewählt, um ihn dann mit Bürgerbegehren wieder richtig in die Pfanne hauen zu können.

Aber er kann auch mit Niederlagen gut umgehen und verarbeitet sie gleich gewinnbringend in seinen satirischen Büchern. Mit diesen horrenden Nebeneinkünften finanziert er dann seine sündteuren Hobbys wie Stadtradeln oder auf Mykonos rumsitzen und Katzen füttern. Seine Fähigkeit zur Selbstironie ist auch außergewöhnlich für einen Politiker. Denn ich kenne sonst keinen aus der Branche, der mit seinem Derblecker zusammen einen Kabarett-Abend bestreitet, nur leider viel zu selten.

Unsere Proben für so einen Auftritt beschränken sich wegen seines proppevollen Terminkalenders darauf, dass er 10 (!) Minuten vor Beginn in die Garderobe kommt, noch schnell ein TV-Interview gibt und wir dann kurz unseren gemeinsamen Anfangs-Dialog, den er gerade auf der Herfahrt das erste Mal gelesen hat, durchsprechen. Wenn ich mir dann die Haare noch ein bisschen grauer sprühe, um sie seiner Farbe anzupassen, bemerkt er meist etwas ärgerlich, dass es jetzt aber genug sei. Bart ankleben, also nur ich natürlich, und raus auf die Bühne. Und da ist der Mann dann auch nach einem 12-Stunden-Arbeitstag noch präsenter als so mancher Kabarett-Profi.

Apropos Bart: Gott sei Dank haben wir wenigstens dieses Unterscheidungs-Merkmal. Na gut, mein Doppelgänger ist mittlerweile etwas grauer und fülliger als ich. Aber er hat ja auch ein paar Jahre Vorsprung. Und ich bin ihm hart auf den Fersen. Aber sobald ich mir den Bart anklebe, öffnen sich Türen und Herzen. Wildfremde Menschen sprechen mich auf der Straße an: „Sie, Herr Ude, Sie miassn unbedingt amoi was gega de Schlaglöcher in unserer Strass doa.“ Ich versuche mich höflich aus der Affäre zu ziehen: „Entschuldigen Sie, ich bin nur sein Doppelgänger.“ Doch der Passant bleibt hartnäckig: „Des is mir wurscht. Dann song’s as eam weida. Aba in dene Schlaglöcher ko ma langsam Baam pflanzen. Des miassen’s jetz endlich amoi reparieren.“ Da bleibt mir nur die Flucht nach vorn: „Gut, ich werde mich persönlich dafür einsetzen.“ Denn das hab’ ich vom Original mittlerweile schon gelernt, wie man einen durchaus wichtigen Dialog mit dem Bürger auch wieder beenden kann.

Dieser Bart ist quasi das Symbol der Macht und bringt mich sogar durch härteste Sicherheitskontrollen. Wie zum Beispiel 2002 beim München-Besuch des damaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder. Ich wollte ihm in Begleitung eines Fotografen die Einladung zum Nockherberg persönlich überreichen. Wir scheiterten aber trotz Presse-Ausweises am Ober-Zerberus, der uns partout nicht in die Nähe der bald eintreffenden Kanzler-Limousine lassen wollte.

Ich verschwand kurz auf die Toilette, pappte mir den magischen Schnauzer unter die Nase und stürmte an der Hand von Stadträtin Brigitte Meier mit dem Fotografen im Schlepptau und den Worten „Lassen’s den OB durch!“ an einem ehrfürchtigen Unter-Zerberus vorbei in den Backstage-Bereich. Dort wartete bereits das Ehepaar Welser-Ude auf den Kanzler, und sie waren sofort bereit, ihm einen Streich zu spielen. Christian versteckte sich hinter der Tür, Edith und ich begrüßten den lieben Gerd. Der hielt mich so lange für den lieben Christian, bis er uns plötzlich doppelt sah, obwohl er vorher nur zwei Weißbiere getrunken hatte.

Aber es ist ja nicht nur der Zauberbart. Wenn man einen Menschen 17 Jahre lang bei verschiedensten Anlässen doubelt und Reden halten soll wie er, dann muss man sich gedanklich in ihn hineinversetzen können. Mittlerweile kenn ich ihn so gut, dass ich manchmal sogar schon vor ihm weiß, was er als Nächstes tut. Alle, und auch er selbst, dachten, dass er seine letzte Amtszeit bis 2014 noch gemütlich zu Ende bringt, währenddessen seine Anzapf-Technik so perfektioniert, dass er nur noch einen Schlag braucht und dann reif für die Insel ist.

Ich habe das nie geglaubt und bereits im Dezember 2010 bei einem gemeinsamen Auftritt auf „Marmor, Stein und Eisen bricht“ folgenden Text gesungen: „Streibl, Stoiber, Beckstein bricht, aber euer Christian nicht, Seehofer ist bald vorbei, doch ich bleib euch treu!“ Ein halbes Jahr später hat er sich dann zum Spitzenkandidaten ernannt. Wahrscheinlich bin ich schuld.

Aber jetzt langt’s mit Lob-Udelei und Anekdoten. Lieber Christian, zu Deinem 65. Geburtstag wünsche ich Dir jedenfalls viel Glück, Gesundheit und, natürlich völlig uneigennützig, viel Erfolg im nächsten Jahr und weit darüber hinaus. Papst können wir leider nicht werden, aber Bundespräsident wär’ schon noch schön.

Also, streng Dich an!

Dein Alter Ego Uli

Von Uli Bauer

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