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Mehr Zeit zuhause: Christian Ude 2010 im Flur seiner Wohnung in Schwabing. Das Surfbrett hat ihm einst die Interessengemeinschaft „Surfen in München“überreicht. Benutzen wird er es eher nicht.

Rückblick auf eine erstaunliche Karriere

Christian Ude: Abschied vom Bürgerkönig

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München - Man kann es sich kaum vorstellen: Ab Freitag hat München einen neuen Oberbürgermeister. Einen, der nicht Christian Ude heißt. Der startete einst als eher unnahbarer Intellektueller – und wurde zum Bürgerkönig. Eine erstaunliche Karriere.

Es war der Beginn einer großen Ära. Nur bemerkt hat das damals keiner. Die aus ganz Deutschland an die Isar geeilten Beobachter sahen nach der Münchner Oberbürgermeisterwahl im September 1993 wenig Anlass zur Euphorie. Der „intellektuelle Biedermann Ude“ habe gegen Peter Gauweiler gewonnen, berichtete die „Leipziger Volkszeitung“ entsetzt. „Politiker wie Ude“ seien „wohl nur dem städtischen Publikum zuzumuten“, ätzte das „Darmstädter Echo“. Und die „Allgemeine Zeitung“ in Mainz konstatierte: „Dem roten Schorsch folgt nicht der schwarze Peter, sondern der langweilige Christian.“

Aufstieg: Christian Ude in der Wahlnacht 1993.

21 Jahre später geht der „langweilige Christian“ nun in den Ruhestand. Und es ist eine fast aussichtslose Aufgabe, das Wirken dieses „intellektuellen Biedermanns“ in 381 Zeitungszeilen zu pressen. Seit Wochen eilt Ude von Verabschiedung zu Verabschiedung, von einer „Lob-Udelei“ zur nächsten (na gut, der Begriff ist von seinem Nockherberg-Double Uli Bauer geklaut). Bis Mitte Mai geht das noch so. Man schwelgt dabei in Erinnerungen: Wie die SPD den vorlauten Nachwuchspolitiker vom linken Parteiflügel 1987 bei der Wahl zum Kreisverwaltungsreferenten durchfallen ließ und lieber CSU-Mann Hans-Peter Uhl wählte. Wie sich Ude als Kronprinz von Georg Kronawitter 1993 mit Gauweiler einen beinharten Wahlkampf lieferte – was der Freundschaft der beiden keinen Abbruch tat. Wie die CSU 1996 das eben von SPD und Grünen erstrittene Instrument des Bürgerentscheids nutzte, um Ude drei Tunnel am Mittleren Ring ans Bein zu binden. Noch 18 Jahre später wird deshalb am Luise-Kiesselbach-Platz gebuddelt.

Christian Ude hat die Münchner bei jeder Wahl etwas mehr überzeugt

Ach, man könnte Bücher füllen mit den Geschichten aus der Ära Ude. Und es spricht vieles dafür, dass er dies höchstselbst bald übernehmen wird. Die spannendere Frage aber ist rückblickend, wie es dem angeblich so langweiligen Christian mit jeder Wahl gelungen ist, die Münchner etwas mehr von sich zu überzeugen. 1993 wählten ihn 50,7 Prozent, 1999 schon mehr als 61. Binnen sechs Jahren hatte sich der neue Oberbürgermeister von seiner Partei entkoppelt, die bei der Europawahl ’99 am gleichen Tag nur halb so viel Stimmen wie die CSU bekam. Udes Siegeszug aber ging weiter: 2002 holt er 64,5 und 2008 sogar 66,7 Prozent. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit in einer Millionenstadt!

Wie hat das der Mann geschafft, dem die „Süddeutsche Zeitung“ 1993 noch einen „Wahlkampf-Auftakt im Stil eines Buchhalters“ bescheinigte? Unsere Zeitung unkte nach der Wahl sogar: „Ob die SPD Kronawitters Nachfolger den Lorbeerkranz lange überlässt, wird sich zeigen.“ Stattdessen war es Ude, der es allen zeigte. Bald feierten ihn dieselben Journalisten als „Sonnenkönig“ oder als „Bürgerking von Schwabing“. Eine erstaunliche Karriere.

Christian Ude "hat er messerscharf analysiert, was er für seine Wiederwahl braucht"

Man kann mit sehr unterschiedlichen Menschen über Ude sprechen und dabei verblüffend ähnliche Antworten erhalten. Franz Maget und Josef Schmid beispielsweise. Der eine kennt Ude aus dem Gymnasium, folgte ihm als Schulsprecher und Herausgeber der Schülerzeitung. Später bildete er als Münchner SPD-Vorsitzender mit Ude ein Duo, das sich eng abstimmt. Der andere ist knapp 20 Jahre jünger, CSU-Mitglied und kassierte 2008 als OB-Kandidat eine krachende Niederlage gegen den Platzhirsch Ude.

Maget und Schmid sind sich einig: Der Aufstieg des Christian Ude war weder Zufall noch unvermeidlich – sondern Ergebnis einer durchdachten strategischen Ausrichtung. Natürlich sei schon 1993 politisches und rhetorisches Talent bei Ude vorhanden gewesen, erinnert sich CSU-Mann Schmid – aber damals galt Gauweiler als der Mann des Volkes. Ude war der unerfahrene, etwas unsichere Neuling. „Danach hat er messerscharf analysiert, was er für seine Wiederwahl braucht“, sagt Schmid. „Er hat die klassischen SPD-Mauern verlassen und versucht, neue gesellschaftliche Gruppen für sich zu erschließen.“ Die Wirtschaftsverbände, aber auch Künstler und Prominente.

Christian Ude "war schon nach wenigen Jahren völlig unangefochten"

Maget sieht es ganz ähnlich. „Christian Ude ist ein sehr kopfgesteuerter Mensch, emotional ist er dagegen weniger aufgeladen.“ Maget kommt aus einem Arbeiterhaushalt, Ude wuchs unter Intellektuellen auf. „Der war mit 16 schon richtig belesen“, erinnert sich der sechs Jahre jüngere Parteifreund. Gesegnet mit hoher Intelligenz und schneller Auffassungsgabe. Und so ging er auch seine politische Aufgabe an. Der frischgebackene Oberbürgermeister habe eine Strategie entwickelt, wie er bei den Münchnern ankommt, glaubt Maget. Der Kult ums Anzapfen auf der Wiesn gehörte ebenso dazu (beim ersten Mal brauchte er noch sieben Schläge), wie der Umgang mit Künstlern oder Minderheiten. Ude wollte München zur liberalen, weltoffenen Insel im schwarzen Bayern machen. Dabei half ihm das rhetorische Talent: Er kann das kürzeste Grußwort zu einer programmatischen Rede machen. Mit seiner Ironie hat er die Gäste schnell auf seiner Seite. „Er hat es geschafft, dass die Münchner stolz darauf waren, so einen Oberbürgermeister zu haben“, sagt Maget. „Eigentlich war er schon nach wenigen Jahren völlig unangefochten.“

Die CSU hat Ude dabei fleißig geholfen. Der Wahlkampf ’93 hatte den Bezirksverband an den Rande des Ruins geführt, mögliche OB-Kandidaten wurde in den Folgejahren reihenweise demontiert. Am härtesten traf es Aribert Wolf, der 2001 die Verantwortung für ein umstrittenes Wahlplakat übernehmen musste. „Terrorzellen in München – und die Stadt zahlt die Miete“, hatte die CSU plakatiert. Totaler Blödsinn natürlich. Wolf musste gehen. Und Ude hatte die nächste Wahl lange vor dem eigentlichen Termin gewonnen.

"Man kommt an die Person Ude nie ganz heran"

Mitte April 2014. Der Oberbürgermeister sitzt in seinem Büro über dem Marienplatz. Schon zu Weihnachten begann er, Bücher und Unterlagen auszusortieren. Besucher bekommen jetzt öfters Geschenke. Wenn’s sein muss gibt’s Ude auf Türkisch und Chinesisch. Lange hat man den 66-Jährigen nicht mehr so entspannt gesehen. Der Druck ist weg. Er plaudert offen über sich und seine Karriere. Nur wenn es um das eigene Vermächtnis geht, wird es ernst. „Ich verneige mich jetzt schon vor jedem Nachfolger oder jeder Nachfolgerin, der mehr als 125.000 neu gebaute Wohnungen und mehr als 44 Prozent Zuwachs des U-Bahn-Netzes oder mehr als 50.000 Kinderbetreuungsplätze vorweisen kann.“ Den Satz hat Ude sich zurecht gelegt. Er wiederholt ihn, sobald er auf den Mietmarkt oder das Betreuungsproblem angesprochen wird. Also täglich. Wer ihn regelmäßig sieht, kann die Worte schon mitsprechen.

Dieser Christian Ude ist ein ziemlich komplexes Wesen. Er hat einen guten Humor und macht sich dabei auch gerne mal über sich selbst lustig. Unter Politikern ist das keine weit verbreitete Gabe. Wenn sein Wirken aber von anderen kritisiert wird, erweist sich der Hobby-Kabarettist schnell als dünnhäutig. Kumpanei ist ihm fremd. „Man kommt an die Person Ude nie ganz heran“, sagt einer, der ihn viele Jahre lang aus der Nähe beobachtet hat. „Er scheint immer von einer unsichtbaren Glaswand umgeben. Deshalb ist er auch keiner, mit dem man abends ein Bierchen trinken möchte.“

Christian Ude ist wohl einfach ein etwas unnahbarer Kopfmensch

Jetzt beginnt die Hülle zu bröckeln. Fragt man nach Mieten oder Problemen der Städtischen Kliniken, kann der scheidende Oberbürgermeister noch richtig kämpferisch werden. Es nervt ihn, mit welcher Erwartungshaltung die Münchner ihrer Stadtverwaltung begegnen. „Man hat sich angewöhnt, die Stadt nur noch durch die Schulklobrille zu betrachten“, schimpft er. Schau an: Der angeblich so harmonische OB-Wahlkampf hat doch Spuren hinterlassen. Beim Amtsinhaber.

Ausstieg: Das Ferienhaus auf Mykonos ist der Rückzugsort des Ehepaars Ude. Künftig für zwei Monate im Jahr.

Bei persönlichen Themen aber erlebt man Ude offener als früher. Also lohnt sich die Frage: Woher kommt diese unsichtbare Glaswand? Muss man Distanz halten, wenn man schon beim samstäglichen Gang zum Altglascontainer vom Bürger angequatscht wird? Wer einmal mit Ude über den Marienplatz gegangen ist, kann erahnen, wie sehr das nerven muss. Nur bei den Auszeiten im Ferienhaus auf Mykonos hatte er mal Ruhe. Der Oberbürgermeister nickt. „Ein bisschen ist das so. Natürlich verändert einen so ein Amt. Aber ich habe wirklich versucht, so zu bleiben, wie ich bin.“ Stimmt. Ude ist wohl einfach so. Ein etwas unnahbarer Kopfmensch.

Ude über seinen größten Fehler: 13 Jahre Aufsichtsrat beim TSV 1860

Da wäre zum Beispiel die Sache mit dem Fußball. Viele Jahre galt der Oberbürgermeister als überzeugter Löwe. Der Giesinger Arbeiterverein passte zu einem Sozialdemokraten. Bei den Meisterfeiern der Bayern auf dem eigenen Rathausbalkon wurde er hingebungsvoll ausgepfiffen. Einmal weigerte er sich, dafür seinen Mykonos-Urlaub früher zu beenden – die Bayern veranstalteten einen Riesenaufstand. Heute wirkt das Fußballding wie ein einziges Missverständnis. „Ich würde sicher nicht nochmal 13 Jahre in den Aufsichtsrat des TSV 1860 gehen“, sagt Ude – und zwar, wenn man ihn nach seinen größten Fehlern fragt. Die Emotionalität der Fans, die Rivalität zwischen Rot und Blau – der Vernunftmensch hat das irrationale Moment der Fans nie verstanden. Zuletzt ging er nur noch dienstlich ins Stadion (meist zum FC Bayern). Demnächst werden ihn die Enkel wieder zu den Blauen schleppen. Er geht dann halt mit.

Anderes ist ihm inzwischen bedeutend wichtiger. Auf das Jüdische Zentrum im Herzen der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung ist er besonders stolz. Er hätte gerne auch an anderen Orten architektonisch etwas mehr gewagt. Geärgert hat ihn deshalb der Bürgerentscheid 2004, als ausgerechnet sein Vorgänger und Förderer Georg Kronawitter der Stadt in die Parade fuhr. Danach durften Hochhäuser über 100 Meter nicht mehr genehmigt werden. Es war vielleicht die empfindlichste Niederlage während Ude Amtszeit, wobei er im Umgang mit verlorenen Bürgerentscheiden eine gewisse Routine entwickeln musste. So gut er den Nerv der Münchner traf, so daneben lag er, wenn es in Sachfragen an die Wahlurne ging. Zuletzt musste er seinen Traum begraben, der Stadt – als erster überhaupt – nach den Sommer- auch die Winterspiele zu verschaffen. Zehn Jahre Arbeit für Olympia. Umsonst.

Christian Udes neues Leben beginnt mit dienstlichen Terminen

Jetzt ist Schluss damit. Am Mittwoch hat Ude seinen letzten Arbeitstag. Künftig arbeitet er von seinem Arbeitszimmer in der Schwabinger Wohnung aus. Schreiben will er vor allem. Zeitungskolumnen, Bücher. Christine Rauch, treue Seele aus dem Vorzimmer, wird ihm weiter zuarbeiten. Ebenfalls von zu Hause aus. Das neue Leben aber beginnt erstmal mit dienstlichen Terminen. Gottesdienst für den neuen Stadtrat, später muss er seinem Nachfolger Dieter Reiter die Amtskette überreichen. Christian Ude wird sicher ein paar passende Worte finden, damit es nicht langweilig wird.

von Mike Schier

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