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Meldet sich mit einem neuen Buch zurück: Christian Ude will zeigen, „wie wahnsinnig wichtig Politik ist“.

Ex-OB bringt neues Buch heraus

Ude im Interview: „Erlebe, wie enttäuscht Bürger von Parteien sind“ 

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Christian Ude meldet sich mit einem neuen Buch zurück. Im Interview verrät der ehemalige Münchner OB, wie er der aktuellen Politikverdrossenheit entgegentreten will.

München - Seit 2014 ist Christian Ude (69) im Polit-Ruhe­stand - nach 21-jähriger Amtszeit als Münchner OB. Kabarettist ist er noch, und die Form der Satire lag ihm auch als Autor seit seinen „Verfrühten Memoiren 1994“ nahe. Der aktuelle Band „Die Alternative oder Macht endlich Politik!“ soll seine Leser nicht zum Schmunzeln bringen, sondern zum Nachdenken. Und zum Streiten, zum Engagement für die Demokratie. Die tz sprach mit Ude über das Buch, das eine eher ungewöhnliche Entstehungsgeschichte hat.

Herr Ude, wie kam es zu diesem ernsthaften Politikbuch?

Christian Ude: Im September 2016 hat mich in der U-Bahn am Marienplatz ein unbekannter Mann angesprochen, der sich als „Book Scout“ vorstellte - also als ein Pfadfinder für Buchprojekte. Er meinte, dass ich unbedingt ein politisches Buch schreiben müsse, um meine Erfahrung und meine neue Unabhängigkeit zu nutzen.

Die Fahrtzeit hat gereicht, um Sie zu überzeugen?

Ude: Ja, weil ich schon viele Vorträge über politische Versäumnisse und Fehlentwicklungen und über verhängnisvolle Mode-Erscheinungen wie Wahlenthaltung, Politikverdrossenheit, Wutbürgertum und neuen Fanatismus gehalten habe. Und ich erlebe jede Woche, wie enttäuscht Bürger von den Parteien sind. Da scheint mir ein Buch zur Mobilisierung der Demokratie, des politischen Diskurses und des Engagements sehr sinnvoll zu sein.

Und was erwartet den Leser bei der Lektüre?

Ude: Ein Appell, sich daran zu erinnern, wie wahnsinnig wichtig Politik ist: Schließlich entscheidet sie darüber, wie wir künftig leben werden. Mein Anliegen ist nicht ein neues Programm, dafür bin ich als Rentner nicht zuständig, und auch keine Wahlempfehlung, sondern eine Auseinandersetzung mit modischem Fehlverhalten.

Zum Beispiel?

Ude: Mit maßlosen Versprechungen des Establishments, mit dem politisch einschläfernden Anspruch, alternativlos zu sein, mit dem Verzicht auf parlamentarische Kontroversen gerade bei den großen Fragen der Zeit, mit der Verweigerung politischer Partizipation auf den höheren Ebenen, mit dem bedrohlichen Rechtsruck, den ich aber nicht nur bei den Wutbürgern sehe, sondern auch unter der multikulturellen Tarnkappe, mit fehlendem Realismus in der Flüchtlingsfrage, und zwar auf beiden Seiten, mit der moralischen Selbstüberhöhung bei gleichzeitiger Dämonisierung Andersdenkender. Ich bin gegen Schwarzweiß-Malerei, für die Wiederentdeckung der Grautöne.

Trauen Sie sich eine objektive Sichtweise zu - als Sozialdemokrat, der sich in unterschiedlichen Projekten engagiert?

Ude: Auch Richter, Wissenschaftler und Journalisten haben eine eigene Meinung, bei mir ist das halt bekannt. Meine heutigen Engagements erleichtern es mir, übliche Verdächtigungen gegen kritische Meinungen zurückzuweisen. Ich bin Vorsitzender der ­Äthiopienhilfe Menschen für Menschen, die Karlheinz Böhm vor über 35 Jahren gegründet hat - da kann mir niemand vorwerfen, die „Bekämpfung von Fluchtursachen“ sei nur eine Floskel und nicht ernst gemeint. Ich bin Vorsitzender eines Vereins gegen rechte Gewalt - da kann mir niemand unterstellen, ich sei auf dem rechten Auge blind, wenn ich auf die großen Gefahren des islamistischen Terrors eingehe. Und ich leite das Kuratorium des Münchner Forums für Islam - da kann mir niemand „Islamophobie“ unterstellen, wenn ich vor religiösem Fundamentalismus oder vor Machtansprüchen des politischen Islam warne.

Wo soll die Wiederherstellung der Auseinandersetzung beginnen?

Ude: Zum Beispiel im Parlament, das die großen Streitfragen unserer Generation wieder kontrovers diskutieren und zur Abstimmung stellen soll, wie es bei Willy Brandts Ostpolitik der Fall war, statt sie mit Formelkompromissen zu übertünchen. Da habe ich viel von Peter Gauweiler gelernt: Der Bundestag hat zu den meisten großen Problemen keine parlamentarische Sternstunde zusammengebracht. Weder bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr noch bei den Bankenrettung, weder bei der Griechenland-Hilfe noch beim Umgang mit Russland oder der Türkei. Nicht einmal beim Flüchtlingsthema, das die Bevölkerung mehr umtreibt als die Medien und das nicht erledigt ist, nur weil die Schließung der Balkan-Route zeitweise für sinkende Zahlen sorgte.

Wahrscheinlich hat jeder zu sehr die Schere im Kopf, weil ein kritisches Wort womöglich Applaus von der falschen Seite bekommen könnte…

Ude: Genau. Und zwar in allen Parlamentsparteien. Als ich der SPD beigetreten bin, war die Parole: SPD heiße selbstständig politisch denken. Heute heißt Parteimitgliedschaft vor allem: Ja nichts Falsches sagen, womit man sich in der eigenen Partei und im eigenen Milieu in die Nesseln setzen könnte. Ich erinnere an den SPD-Gründungsvater Ferdinand Lasalle: Gute Politik beginnt mit dem Sagen, was ist.

Wo geschieht das nicht?

Ude: Bei Parolen wie „Grenzen auf“ und „Bleiberecht für alle“. Das bringt vor handverlesenem Publikum schönen Beifall, aber noch niemand konnte der Gesamtbevölkerung erklären, wie das auf Dauer gut gehen kann. Oder bei der „Obergrenze“, die es im Asylrecht und bei Kriegsflüchtlingen nicht geben kann.

Ihr Buch müsste also Pflichtlektüre nicht nur für jeden Politiker sein, sondern auch für jeden Bürger?

Ude: Mir würde schon reichen, wenn das Grundgesetz Pflichtlektüre wäre. Ich hoffe aber schon auf eine große Resonanz. Besonders dankbar bin ich, dass über 20 Oberbürgermeister buchstäblich aller Parteien - CDU, CSU, Linke, FDP, Grüne und natürlich SPD - das Buch in ihrer Stadt mit mir diskutieren werden.

Interview: Barbara Wimmer

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