Situation in Pflegeheimen

Mülltüten als Schutzkittel? Münchner AWO warnt vor „Zuständen wie in Italien“

  • Sebastian Horsch
    vonSebastian Horsch
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Ministerin Melanie Huml will das Besuchsverbot in Pflegeheimen lockern. Betreiber warnen vor zu schnellen Schritten. Von AWO und SPD kommt zudem scharfe Kritik.

  • Die Einsamkeit soll Leben retten. Um die Bewohner vor dem Coronavirus* zu schützen, herrscht in Bayerns Alten- und Pflegeheimen ein Besuchsverbot.
  • Da aber auch das Alleinsein auf Dauer Spuren hinterlässt, prüft Gesundheitsminsterin Melanie Huml (CSU), wie die Regelung gelockert werden kann.
  • Heimbetreiber beobachten ihre Pläne skeptisch.

München - Natürlich sei der Wunsch groß, seine Angehörigen wiederzusehen, sagt Jürgen Salzhuber. Man habe die Häuser aber „alle abgedichtet“, um die Bewohner zu schützen. Als Vorsitzender des AWO-Kreisverbands München fallen elf Heime mit 1150 Bewohnern in Salzhubers Zuständigkeit. „Wenn dort nur ein Infizierter reinkommt, steigt die Todeszahl erheblich.“ Selbst „Zustände wie in Italien – mit mehreren Leichenwagen vor der Tür“, hält er für möglich. Das liege auch daran, dass vonseiten des Freistaats „keine Präventionsstrategie“ zu erkennen sei, sagt Salzhuber. „Dabei haben wir die Staatsrergierung schon im März darauf aufmerksam gemacht, dass es hier um die verletzlichste Gruppe geht“, ergänzt AWO-Bayern-Geschäftsführer Andreas Czerny.

Corona München: Voraussetzungen für die Öffnung der Heime für Besucher 

Die AWO hält drei Voraussetzungen für notwendig, um die Heime für Besucher und neue Bewohner zu öffnen.

Erstens: Vor einer Lockerung des Besuchsverbots müsse eine ausreichende Versorgung mit Schutzkitteln gewährleistet sein.

Zweitens: Es brauche Temperaturmessungen bei Mitarbeitern und Besuchern.

Drittens: Es müsse ausreichend Kapazitäten geben, um in den Pflegeheimen wöchentlich zu testen.


1.300 Tests in der Woche wären nötig, um allein in den elf Münchner AWO-Häusern stets Klarheit über Neuinfektionen zu haben. Dass dies nicht längst geschieht, darin sieht SPD-Gesundheitsexpertin Ruth Waldmann ein „offensichtliches Versagen von Krisenstab und Gesundheitsministerium“. Das Landesamt für Gesundheit (LGL) berichte schließlich, dass es inzwischen freie Testkapazitäten gebe. „Wie kann es sein, dass sie nicht dort zum Einsatz kommen, wo sie gebraucht werden?“, fragt Waldmann. Das sei eindeutig die Aufgabe des Krisenstabs.

Coronavirus/Heime: AWO in München klagt über fehlende Schutzkleidung

Die AWO klagt zudem noch immer über fehlende Schutzkleidung in den Einrichtungen. Seit Anfang März bekomme man so gut wie nichts, bestätigt Altenpflege-Referentin Maike Hessel. Besonders mangele es an Schutzkitteln. „Unsere Hygieneexpertin hat sich sogar schon damit beschäftigt, wie man aufgeschnittene Mülltüten als Kittel verwenden könnte“, sagt Hessel. Bereits am 23. April hat die Münchner AWO einen Brief an Ministerin Huml geschrieben, in dem sie auf ihre Not hinweist. Eine Antwort habe man bislang nicht erhalten, sagt Salzhuber. Gegenüber unserer Zeitung heißt es aus dem Ministerium, insbesondere die Beschaffung von Schutzkitteln gestalte sich schwierig.

Auch die Heime in privater Trägerschaftkönnten mit der vom Freistaat besorgten Schutzausrüstung alleine nicht auskommen, sagt Joachim Görtz, der Landesgeschäftsführer des Bundesverbands privater Anbieter (bpa), auf Nachfrage unserer Zeitung. Allerdings habe man auf eigene Faust Material bestellen können – auch wenn das eigentlich Aufgabe des Freistaats sei.

Die Sorge der AWO vor möglicherweise zu frühen Öffnungen für Besuche teilt auch Görtz. „Die Ministerin muss vorsichtig bleiben.“ Der bpa hat dazu ein eigenes Schutzkonzept erarbeitet und fordert strenge Bedingungen für Besuche. So müsse unter anderem jeder Besucher einen neuen Mund-Nase-Schutz tragen – keine Alltagsmasken. Dafür müsse der Freistaat den Einrichtungen Sonderkontingente zur Verfügung stellen. Weiterhin müsse es separate Besuchsräume geben. Zudem bräuchten die Einrichtungen 14 Tage Vorlauf. Und bei personellen Engpässen müsse die Einrichtungsleitung das letzte Wort haben.

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Rubriklistenbild: © dpa

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