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Ein „Gabenzaun“ in München.

Sie sollen Obdachlosen helfen

Coronavirus - Wirbel um Gabenzäune in München: „Gut gemeint, schlecht gemacht“

Seit Mittwoch gibt es in München „Gabenzäune“: Menschen spenden dort Lebensmittel, Obdachlose können sie sich nehmen. Obdachlosen-Verbände kritisieren dies jedoch. 

  • Wegen des Coronavirus* gibt es in München seit Kurzem sogenannte Gabenzäune.
  • Dort können Menschen Essen für Obdachlose spenden.
  • Diese werden jedoch wegen eines großen Problems kritisiert.

München - An dem Geländer der Wittelsbacherbrücke stehen sieben Tüten mit Lebensmitteln. Gäbe es die Corona-Krise nicht, wären diese Tüten vermutlich nicht dort. Und auch die Menschen, die weitere Tüten mit Äpfeln ablegen oder das Ganze neugierig aus der Ferne beobachten, wären nicht hier. Doch seit Mittwoch ist dort einer der ersten Gabenzäune in München. Säuberlich aufgereiht stehen die Tüten an der Brücke. Man sieht Äpfel, Brot und Konserven, aber auch Kleidung und Hundefutter.

München: „Obacht Gabenzaun“ - Aufruf, für Menschen in Not zu sorgen

Auf den Zetteln steht „Obacht Gabenzaun“ und „zweisam statt einsam“. Darunter ein Aufruf, für Menschen in Not zu sorgen. Hinter der Idee stecken die Freundinnen Susanne Scherr (32) und Lena Höcht (30). Sie wollten helfen, der „Gesellschaft etwas zurück zu geben“, wie sie sagen. „Wir dachten uns, das ist eine Möglichkeit, unkompliziert zu helfen, ohne viel Organisation“, sagt Scherr. Die Idee dazu hatten sie aus anderen Städten. In Berlin und Hamburg gibt es solche Gabenzäune bereits länger – Menschen hängen Spenden an Zäune und Obdachlose nehmen sich, was sie brauchen. Am Mittwoch haben die Freundinnen den ersten Münchner Gabenzaun eingerichtet. Am Abend waren es schon drei.

Doch es gibt inzwischen auch gravierende Bedenken gegen das Angebot. Jörn Scheuermann, der Geschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe, bezeichnet diese Gabenzäune als „Infektionsherde“. Menschen tummeln sich davor, fassen alles an und fahren extra zu diesen Orten, anstatt zu Hause zu bleiben. Außerdem werden die Lebensmittel nicht, wie bei der Tafel, kontrolliert. „Gut gemeint, schlecht gemacht“, sagt Scheuermann.Zudem fehle es überhaupt nicht an Spenden, sondern an Personal und der nötigen Schutzkleidung für die Verteilung. Ärgerlich sei auch, dass Falschinformationen verbreitet würden. „Es verlangt sehr viel Mühe, dass Vertrauen entsteht und Obdachlose mit in Einrichtungen kommen“, so Scheuermann. Wenn sie lesen, dass Unterkünfte geschlossen wären, könnten Obdachlose das nicht einfach überprüfen und glauben es am Ende.

Coronavirus: Es gibt bereits elf „Gabenzäune“ in München

Bis Freitagabend gab es mittlerweile elf Gabenzäune in München. Beinahe gleichzeitig hatte eine Gruppe dieselbe Idee und dazu „quasi über Nacht“ eine Website gebaut, erzählt Mitinitiatorin Mona Walch (41). Dort sind alle Gabenzäune auf einer Karte vermerkt. So sollen auch soziale Institutionen und Bedürftige davon erfahren.

Ein „Gabenzaun“ in München.

„Als private Initiative finden wir die Aktion gut“, sagt Gerhard Mayer (SPD), der Leiter des Amts für Wohnen und Migration. Die Stadt würde jedoch eher auf strukturierte Maßnahmen setzen und diese ausbauen. Auch die Betreiber der Münchner Tafel freuen sich über die Anteilnahme an der Situation der Obdachlosen.Problematisch sei aber, dass durch manche Zettel an den Gabenzäunen der Eindruck entstünde, dass es keine ausreichende Versorgung für Obdachlose gäbe. Seit etwa einer Woche werden Lebensmittel der Tafel zentral an der Großmarkthalle ausgegeben. Der Eindruck, dass viele Versorgungsstellen geschlossen seien, stimme nicht, die Ausgabe wurde lediglich verlegt. „An der Großmarkthalle haben wir Platz“, so eine Sprecherin. Hier könne man Abstände einhalten.

Coronavirus: Nicht nur die Lebensmittel selbst könnten bei „Gabenzäunen“ zum Problem werden

Das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit sieht auf Anfrage unserer Zeitung die Problematik der Gabenzäune nicht bei den gespendeten Lebensmitteln. Eine Übertragung des Coronavirus über Lebensmittel sei unwahrscheinlich, so ein Sprecher. Ein erhöhtes Risiko bestünde jedoch, wenn viele Menschen gleichzeitig zu den Zäunen kommen. Die Situation werde beobachtet, ein Einschreiten war Stand Freitagnachmittag kein Thema.

Wie dynamisch die Situation aktuell ist, zeigt sich eben auch bei dem Versuch, anderen zu helfen. Mit der Website will das Team um Walch diesen Aktionismus systematisieren, Informationen zentral steuern und auf Kritik reagieren. Deswegen gibt es jetzt den Hinweis, dass nur haltbare Lebensmittel gespendet werden und die Menschen Abstand halten sollen. Außerdem werden die Gabenzäune in Zukunft regelmäßig kontrolliert und Hinweise in mehreren Sprachen angebracht. Mit solchen Initiativen wolle man lediglich ein zusätzliches Angebot schaffen, betont Walch. Auch Lena Höcht und Susanne Scherr weisen auf ihren Zetteln darauf hin, nur gut haltbare Lebensmittel zu spenden. Letztlich geht es ihnen auch darum, „Menschen, die sonst unsichtbar sind, sichtbar zu machen.“

Astrid Probst

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das Coronavirus lähmt Bayern - Ministerpräsident Markus Söder rief den Katastrophenfall aus. In München wurde ein Todesfall bestätigt - es ist der insgesamt dritte.

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