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Zeige mir dein CO1-Gen, und ich sage dir, woher du kommst: Oliver Hawlitschek im Labor der Staatssammlung.

Referenzen für Gen-Code

Datenbank: Hellabrunns Tiere werden katalogisiert

  • vonPeter T. Schmidt
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München - Hellabrunns Zootiere werden katalogisiert, genauer als je zuvor. Ihre genetischen Codes werden Teil einer weltweiten Datenbank, die für Zoos, Wissenschaft und Zoll gleichermaßen von Bedeutung ist.

Die Aufgabe ist gewaltig: Experten der Zoologischen Staatssammlung München (ZSM) sind dabei, alle bayerischen Tierarten genetisch zu erfassen und die Daten in einer Online-Bibliothek für Fachleute zur Verfügung zu stellen. „Barcoding Fauna Bavarica“ heißt das Programm, das seinerseits wieder nur ein Teil des internationalen Projekts iBOL mit Sitz in Kanada ist. Das Ziel der Wissenschaftler: Referenzdaten aller Tierpopulationen dieser Welt zu sammeln. Die Kooperation der ZSM mit dem Tierpark Hellabrunn bereichert diesen Wissens-Pool nun um genetische Fingerabdrücke von besonders seltenen und bedrohten Tierarten.

Die Forscher haben es auf das sogenannte CO1-Gen abgesehen. An der Anordnung der Basenpaare, die sich als Strichcode darstellen lässt, kann man nicht nur die Tierart erkennen, sondern Unterschiede zwischen einzelnen Populationen und damit die genaue Herkunft ausmachen. „Das war bisher unmöglich“, berichtet die Hellabrunner Tierärztin Christine Gohl. „Da ist man eben davon ausgegangen, man hat hier einen sibirischen Tiger.“ Mit den Mitteln der Gen-Analyse seien nun immer genauere Unterscheidungen möglich. „Man erkennt jedes Jahr neue Unterarten“, schwärmt Gohl. Gerade sei man dabei, die Systematik der Schimpansen neu zu ordnen und die internationalen Zuchtprogramme der Zoos daran zu orientieren.

Dazu brauchen die Wissenschaftler jedoch erst einmal zuverlässige Referenzdaten, mit denen sie ihre Proben vergleichen können. „Unser Ziel ist es, möglichst viele Daten zu sammeln“, sagt Gohl. Der Waldbisonkuh „Marla“ kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: Ihr Beispiel zeigt, dass die Daten auch aus der Vergangenheit stammen können. Marla kam 2012 in Hellabrunn zur Welt und ist inzwischen nach Leipzig umgezogen. Doch in Gohls Labor-Kühltruhe lagert noch eine Blutprobe, die sie dem Kalb einst bei einer Untersuchung abgenommen hat. „Wir haben gezeigt, dass die DNA-Analyse auch mit den Proben funktioniert, die wir eingefroren haben“, sagt die Tierärztin. Das vergrößert den Datenschatz und macht Gohl neugierig: „Vor 30 bis 40 Jahren waren die Zuchtbücher lückenhaft“, sagt sie. Nicht immer seien Verwandtschaftsverhältnisse zwischen Tieren, die zwischen den Tierparks ausgetauscht werden, restlos zu klären. Die moderne Gentechnik könne hier Licht ins Dunkel bringen und auch das Inzucht-Problem neu beleuchten. „In manchen Populationen weiß man nicht, wie hoch der Inzucht-Faktor ist“, sagt die Tierärztin. Sie denkt dabei etwa an Mhorr-Gazellen und Przewalski-Pferde, um deren Erhalt sich Hellabrunn große Verdienste erworben hat. Von beiden Arten habe es nur noch ganz wenige Exemplare gegeben, als gezielte Zuchtprogramme ihre Ausrottung verhinderten. „Da bin ich sehr auf die Ergebnisse des Barcodings gespannt“, sagt Gohl.

Auch in der Zoologischen Staatssammlung setzt man große Hoffnungen in die Kooperation mit dem Tierpark. Schon bei Säugetieren sei es sogar für Fachleute oft schwierig, Unterarten auseinanderzuhalten, sagt Projekt-Koordinator Oliver Hawlitschek. „Und bei Reptilien ist es noch komplizierter.“ Nun ersetzt Labortechnik den trügerischen Expertenblick. „Uns reicht ein Milliliter Blut oder ein Büschel Haare“, sagt der Wissenschaftler. Mit Labor-Robotern wird das Material aufbereitet, die DNA isoliert und das CO1-Gen analysiert. „Die meisten Proben schicken wir zu unserem Projektpartner an der Universität Guelph in Kanada. Aber wenn es schnell gehen soll, machen wir es auch selbst“, berichtet Hawlitschek.

Und schnell muss es immer wieder einmal gehen, denn nicht nur Biologen und Zoologen interessieren sich für die Ergebnisse, sondern immer öfter auch der Zoll.

„Immer häufiger bringen Touristen Tiere oder Teile von Tieren über die Grenze“, sagt ZSM-Chef und Projektleiter Professor Gerhard Haszprunar. Doch aus einem kleinen Stück Reptilienleder herauszulesen, ob hier Tiere verarbeitet wurden, die nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen geschützt sind, überfordert selbst ausgewiesene Experten. Das CO1-Gen deckt Verstöße nun zweifelsfrei auf. Auch falsch deklariertes Fleisch lasse sich auf diese Weise gerichtsfest zuordnen, sagt Haszprunar. Weil zunehmend Fleisch exotischer Tiere auf den deutschen Markt komme, werde das Gen-Barcoding bei Lebensmittelkontrollen vielleicht bald eine bedeutende Rolle spielen. Sogar die Erforschung von Parasiten und die Entwicklung von Gegenmitteln könnte durch Gen-Barcoding revolutioniert werden. Zoo-Tierärztin Gohl beliefert die Staatssammlung auch damit und berichtet: „Wenn ich denen ein Insekt oder einen Parasiten bringe, freuen die sich ’nen Ast.“

Moderne Verfahren haben die Kosten der Analyse in den vergangenen Jahren stark reduziert. „Wenn wir Material nach Kanada schicken, kostet das etwa zehn Euro pro Probe. Bei uns ist es sogar noch ein bisschen billiger“, berichtet Hawlitschek. Das macht Großaufträge erschwinglich. Mit den 700 Tierarten in Hellabrunn will Hawlitschek „im Lauf des nächsten Jahres“ fertig werden.

Peter T. Schmidt

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