Jürgen Trültzsch wäre fast gestorben, doch ein Passant in der U-Bahn rettete ihm das Leben. Foto: Marcus Schlaf

Defibrillatoren: Wenn Laien leben retten

München - Zehn Menschenleben haben die Defibrillatoren in der Münchner U-Bahn bereits gerettet. Die Geräte sind einfach zu bedienen – und für die Opfer die einzige Chance, wenn ihr Herz still steht.

Jürgen Trültzsch (53) wartete auf die U-Bahn an der Allianz-Arena, als sein Herz zu schlagen aufhörte. Kammerflimmern, eine tödliche Herzrhythmusstörung. Jürgen Trültzsch hat sie überlebt. Denn ein Fahrgast beobachtete seinen Zusammenbruch, schnappte sich den Defibrillator und versetzte Trültzsch zwei Elektroschocks. Das Herz pumpte wieder Blut in den Kreislauf.

Trültzsch hatte gleich mehrfach Glück: Erstens, weil ihn der plötzliche Herztod nicht in seiner Wohnung in Sachsen überfiel. Er war an diesem Sonntag im April 2008 mit seinem Sohn zum Bundesligaspiel der Bayern gegen Dortmund nach München gereist. Und zweitens, weil am Fröttmaninger U-Bahnhof ein Defibrillator installiert ist, mit dem Laien ohne Vorkenntnisse Erste Hilfe leisten können. Der Rettungsdienst kam erst zwölf Minuten nach dem Kollaps. Normalerweise wäre Trültzsch dann tot gewesen.

46 der handtaschengroßen Geräte hat die Stadt München seit 2001 an 38 ihrer U-Bahnhöfe installiert. Zehn Menschen wurden in der Münchner U-Bahn seither mit einem Elektroschock erfolgreich wiederbelebt. Mit stabilem Kreislauf kamen sie in eine Klinik, die sie später ohne Hirnschäden verließen. Insgesamt wurden die Geräte 20 Mal eingesetzt. Vier Patienten starben in der Klinik, zwei noch am Unglücksort. Den anderen vier hätte auch der Defibrillator nicht helfen können, weil sie andere Verletzungen hatten.

Die Handhabung der Apparate ist beinahe idiotensicher. „Sie können dem Patienten auf gar keinen Fall schaden“, sagt der Notarzt Josef Assal, der als SPD-Stadtrat das Projekt leitet. Wenn ein Mensch leblos auf dem Boden liegt, schnauft und nicht reagiert, sei das typisch für einen Herzstillstand, erklärt Assal.

Jetzt zählt vor allem eines: Tempo. Ein grünes Herzsymbol mit Blitz zeigt an, wo am Bahnsteig ein Defibrillator hängt. Wenn per Notrufknopf der Rettungsdienst alarmiert ist, wird der Defibrillator entriegelt. Einmal geöffnet, sagt er den Rettern genau, was sie tun müssen: Die Elektroden von der Folie lösen und auf den entblößten Oberkörper kleben. Das Gerät analysiert den Kreislauf. Wenn nötig, fordert es den Retter auf, per Knopf einen Elektroschock auszulösen.

Alle fünf Minuten stirbt laut Assal in Deutschland ein Mensch den plötzlichen Herztod, obwohl er eigentlich gerettet werden könnte. In München sind es fünf pro Tag. Die Überlebenswahrscheinlichkeit liegt in der ersten Minute noch bei 90 Prozent, mit jeder weiteren Minute sinkt sie um zehn Prozent. Nach spätestens fünf Minuten treten irreparable Hirnschäden auf. Wer acht Minuten auf Rettung warten muss, stirbt in der Regel.

Ein Arzt schafft es in dieser kurzen Zeit selten zum Unglücksort. In sechs bis acht Minuten ist der Rettungsdienst angerückt, der Notarzt braucht elf. Zeit, in der ein Laie Leben retten kann.

Kolja Kröger

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