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Bagida nähert sich Ende - Anzeige gegen Stürzenberger?

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Von: Felix Müller, Moritz Homann

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Immer weniger Teilnehmer finden sich bei den Bagida-Demos ein – am Montag waren es nur noch 350. Foto: Ben Fesl
Immer weniger Teilnehmer finden sich bei den Bagida-Demos ein – am Montag waren es nur noch 350. Foto: Ben Fesl © BenFesl

München - Am Montag kamen nur noch 350 Teilnehmer zur Bagida-Demo. Vieles spricht dafür, dass mit dem weiterhin von Neonazis geprägten Protest bald Schluss ist. Josef Schmids Büro prüft derweil, ob Michael Stürzenberger wegen Beleidigung angezeigt werden soll.

Fast könnte einem Michael Stürzenberger ein wenig Leid tun. Vor vier Wochen, bei der ersten Bagida-Demo, konnte Münchens bekanntester Islamhasser sein Glück kaum fassen: 1500 Teilnehmer waren gekommen, zu dem Protestmarsch, den er offiziell gar nicht mitorganisiert – aber doch die Fäden im Hintergrund zieht.

Und jetzt das: Am vergangenen Montag kommt nur noch ein trauriges Häuflein von 350 Teilnehmern zusammen – gerade mal ein Viertel der ursprünglichen Menge. Sie stehen am Goetheplatz umher, halten die immer gleichen Schilder hoch. Es sind wieder Neonazis und Hooligans dabei, laut Polizei diesmal 45 Personen aus dem rechtsextremen Spektrum. Hundert Meter weiter drängen sich die Gegendemonstranten, pfeifen, buhen.

Alles so wie immer. Aber alles viel kleiner. Und an diesem Montag wirkt die Bagida-Demo seltsam abwesend, stehen doch nur wenig entfernt rund 15 000 Münchner in der Altstadt still mit ihren Kerzen und setzen ein Zeichen für Frieden, religiöse Toleranz und Miteinander. Die Stimmung ist andächtig, nahezu ergreifend.

Bei Bagida hingegen regiert der Hass. Stürzenberger hat wieder das Mikrofon ergriffen. Vor der allerersten Bagida-Demo hatte er noch angekündigt, überhaupt nicht sprechen zu wollen. Doch als er die Menge sah, war es um ihn geschehen. Und auch jetzt steht niemand so sehr für Bagida wie Michael Stürzenberger.

„Es tut sich was in Deutschland, wir werden immer mehr!“, brüllt Stürzenberger ins Mikrofon. Es ist ein Brüllen gegen die Realität, denn von Montag zu Montag schrumpft die Bagida-Demo. Am nächsten Tag erklärt sich Stürzenberger das mit dem Schneefall. Und mit den Münchner Medien, die er auf den Demos unverhohlen „Lügenpresse“ nennt, die seine Demo wegen des hohen Neonazi-Anteils schlecht dastehen lassen.

Aber die Rechtsextremen lassen sich eben nicht wegdiskutieren. Und je weiter die Teilnehmerzahl der Bagida schrumpft, umso stärker treten die Neonazis in Erscheinung. Karl-Heinz Statzberger ist beispielsweise wieder dabei, der 2003 an dem geplanten Sprengstoffanschlag auf das Jüdische Zentrum in München beteiligt war. Aber diese Teilnehmer wollen die Bagida-Organisatoren nicht sehen. Stürzenberger selbst interpretiert die sinkenden Teilnehmerzahlen als ein „Gesundschrumpfen“, und am Ende sei nur noch das „reine Bürgertum der Mitte“ übrig.

Unterdessen rückt Stürzenberger selbst in die rechte, extreme Ecke. Unverhohlen stimmt er am Mikrofon Nazi-Parolen an, skandiert „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“ – ein beliebter Spruch bei Naziaufmärschen. Vor allem die Bagida-Teilnehmer mit Glatze, Bomberjacke und Schlaghandschuhen nehmen die Sprechchöre gerne auf. Stürzenbergers Fassade als Anführer einer bürgerlichen Gruppe fällt zusehends.

Daran können auch die übrigen Redner nichts ändern. Stolz präsentiert Stürzenberger das ehemalige SPD-Mitglied Alfred Röck, das der Demo einen bürgerlichen Anstrich verleihen soll. Röck aber spricht über die Philosophen Rousseau, Montesquieu und Voltaire, verstrickt sich in kruden Bevölkerungstheorien, lässt sich von Zwischenrufen irritieren. Mit seinen komplexen und langatmigen Ausführungen verliert er die Menge, die einfache Wahrheiten und Sprechchöre gewohnt ist.

Stürzenberger tigert ungeduldig hinter dem Redner her, kann es kaum erwarten, das Mikrofon wieder selbst in die Hand zu nehmen. Dann, am Ende der Demo, zählt er die verschiedenen neu geplanten Asyleinrichtungen auf: „Riemer Straße, 350 Plätze, wollt ihr das?“ – „Nein“, brüllt Bagida. „Ja“, brüllen tausend Gegendemonstranten, viele aus dem linken Spektrum. „Die Linken liegen doch sowieso bis mittags im Bett und leben von Sozialhilfe“, brüllt Stürzenberger. Es bleibt nur noch Hass an diesem kalten und verschneiten Montag.

Nur noch Hass hat Stürzenberger auch für die Politik übrig. Den Zweiten Bürgermeister Josef Schmid (CSU) nennt er auf der Demo „Islam-Arschkriecher“. Das bestätigte die Polizei, die Ermittlungen aufgenommen hat. Aus Schmids Büro im Rathaus heißt es auf Nachfrage, man prüfe, ob eine Anzeige gegen Stürzenberger wegen Beleidigung gestelllt werden soll.

Letztlich ist das auch nur eine Randnotiz, die verhallt. So wie die „Wir sind das Volk“-Rufe der Bagida-Teilnehmer, die von Montag zu Montag leiser werden. Das Volk waren sie nie. Nun sind sie nichtmal mehr ein Völkchen.

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