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Robert Berger feiert seinen 100. Geburtstag. Eine Lupe braucht er zum Lesen. Sonst geht es ihm gut, wie er sagt.

Er feiert seinen 100. Geburtstag

Das denkt Münchens ältester Pfarrer über den Zölibat und die Ehe für alle

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München -  Robert Berger ist der älteste Pfarrer des Erzbistums München und Freising. Der Hundertjährige spricht im Interview über seine Liebe zu Südtirol - und wie sich die Kirche der Gegenwart anpassen muss.

In seinem Zimmer voller Bücher und mit eingerahmter Bayernhymne an der Wand hilft Robert Berger eine Lupe bei seinem liebsten Hobby: dem Lesen. „Aber sonst, da fehlt mir nichts“, sagt er. Und schon flitzt er mit seinem Rollator über den Hof der Seniorenresidenz in Grünwald, in der er lebt. Am heutigen Montag feiert der gebürtige Neuhauser seinen 100. Geburtstag. Und ist damit der älteste Priester des Erzbistums München und Freising. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang leitete Berger ab 1957 die Pfarrei Sankt Bernhard in Ramersdorf. Seit 1983 ist er im Ruhestand.

-Herr Berger, Sie sind so schnell mit Ihrem Rollator, ich komme kaum nach.

Meine Mutter Emma ist 99 und ein halbes Jahr alt geworden, das sind auch die Gene. Aber ich war auch mein ganzes Leben sportlich, deswegen geht’s mir noch so gut. Leichtathletik habe ich immer viel gemacht. Außerdem liebe ich die klassische Musik. Seit ich zehn Jahre alt bin, habe ich Geige gespielt. Musik ist wichtig, um alt zu werden.

-Ihr Lieblingskomponist?

Da kann ich mich nicht eindeutig festlegen. Joseph Haydn mag ich sehr gerne, Ludwig van Beethoven auch.

-Sie wurden an einem Dienstag, dem 13. November 1917, in München geboren. Mitten im Ersten Weltkrieg. Was sind Ihre ersten Erinnerungen?

Von meinen Eltern weiß ich von einer Geschichte, da muss ich etwa ein Jahr alt gewesen sein. Verwandte waren zu Besuch und haben mir ein Ripperl Schokolade auf die Zunge gelegt. Eine wahre Kostbarkeit damals. Meine ältere Schwester sagte: ,Roberti, mach mal deinen Mund auf‘. Und schon hat sie mir die Schokolade stibitzt. Ganz natürlich für ein Kind. Die Zeit war hart, für mehr Schokolade hatte es bei den Verwandten nicht gereicht.

-Wie war die Zeit nach dem Ersten Weltkrieg?

Wir haben jede Kleinigkeit genossen. Ab meinem 14. Geburtstag in etwa bin ich mit dem Fahrrad mit einem Freund in alle möglichen deutschen Städte gefahren. Nach Stuttgart, Koblenz oder Mannheim etwa. Das Radl war damals mein Auto.

-Wo haben Sie übernachtet?

Im Zelt. Vor mir war nichts sicher. Als junger Mensch denkt man sich nichts. Aber meine Mutter hat sich schon Sorgen um mich gemacht.

-Doch mit der unbeschwerten Zeit war es bald wieder vorbei.

Bis wir das gemerkt haben, hat es auch gedauert. Die Nationalsozialisten haben die Jugend extrem umworben. Ich habe mit meinem Vater damals scharfe Gespräche geführt. Er hat von Anfang an gesagt, dass das mit den Nazis nicht gut gehen wird. Dass sie Volksverführer sind. Statt in die Hitlerjugend bin ich dann in die Marianische Studenten Kongregation eingetreten – mein erster tieferer Kontakt zur Kirche.

-Im Zweiten Weltkrieg waren Sie unter anderem im Südtirol als Soldat stationiert. Zu Italien haben Sie bis heute eine tiefe Verbundenheit.

Der Krieg war ein extremer Einschnitt in unser aller Leben. Doch ich habe mich mit den Ansässigen in Südtirol sehr gut verstanden. Bozen ist bis heute eine zweite Heimat für mich. Auch heuer werde ich wie jedes Jahr mit einem Bekannten hinfahren.

-Was fasziniert Sie an Südtirol?

Wie sagt man so schön: Ein Roter geht immer (lacht). Meistens bleibt es nicht bei einem Glaserl. Und auch die italienische Sprache liebe ich, die habe ich mir selbst angeeignet. Zu Beginn meines Ruhestands habe ich auch eine Zeit wieder in Südtirol gelebt. Mit meinem tollen französischen Hirtenhund Hazou. Als er eingeschläfert werden musste, habe ich ihm die Pfote gehalten.

-In Ihrer Zeit in Italien während des Krieges beschlossen Sie, Priester zu werden.

Diese Entscheidung ist in mir gewachsen. Sie hat mir in der schweren Zeit Kraft gegeben. 1948 wurde ich in Rom zum Priester geweiht. Für Menschen da zu sein, die Seelsorge, das hat mir immer sehr viel gegeben.

-Was sind die aktuellen Herausforderungen der Kirche?

Die Kirche muss am Ball bleiben, pragmatisch gesagt. Am gefährlichsten ist die Gleichgültigkeit vieler Menschen gegenüber der Religion. Das liegt daran, dass die Kirche teilweise zu weit entfernt ist vom Leben der Menschen. Sie holt die Gläubigen bei ihren Problemen in den jeweiligen Lebensphasen zu wenig ab.

-In diesem Zusammenhang wird immer wieder über die Abschaffung des Zölibats diskutiert.

Es würde nicht schaden, den Zölibat abzuschaffen. Viele Pfarrer sind zu weit weg vom normalen Leben. Das ist meine Meinung, die ich auch in meiner aktiven Zeit in innerkirchlichen Umfragen kund getan habe. Man befürchtet wohl, dass die Priester mit Familie nicht mehr so flexibel sind. Aber es ist doch nur gut, wenn der Mensch sich auch außerhalb des Berufs verwirklichen kann.

-Was halten Sie von Frauen als Priesterinnen?

Ich habe immer wieder auch Frauen kennengelernt, bei denen ich mir das gut hätte vorstellen können.

-Mit der neu eingeführten Ehe für alle tun sich gerade viele ältere Menschen schwer.

Ich komme aus einer Zeit, in der Homosexualität noch strafbar war. Ich habe kein Problem damit, wenn zwei Männer oder Frauen eine Beziehung führen und zusammenleben. Die Ehe ist für mich aber eine Verbindung zwischen Mann und Frau.

-Wären Sie statt 1917 im Jahr 2017 geboren, würden Sie dann anders über das Thema denken?

Ich glaube schon, das ist sicher auch eine Generationensache.

-Wie hat sich Ihre Heimatstadt München über all die Jahre verändert?

Im Jahr meiner Geburt hatte München um die 600 000 Einwohner – es ist extrem gewachsen. Die Autos konnte man an einer Hand abzählen, aber es gab viel mehr Straßenbahnen. Es gibt aber auch Ecken, die ich nach wie vor in München liebe. Etwa das alte Neuhauser Kircherl (Anm.: Winthirkirche) und das Winthirbrünnlein am Rotkreuzplatz. Und das Münchner Bier: Das gehört natürlich fest zum Alltag.

-Ist die Wiesn dann auch etwas für Sie?

Klar, ich mag die Geselligkeit. Auch das nächste Mal will ich hinschauen. Zum Beispiel ins Hackerzelt von Wirtesprecher Toni Roiderer. In seiner Wirtschaft in Straßlach werde ich am Montag meinen hundertsten Geburtstag feiern. Besonders aufs gute Essen freue ich mich schon.

-Freuen ist ein gutes Stichwort: Sie scheinen ein sehr positiver Mensch zu sen. Ist das Ihr Erfolgsgeheimnis?

Nach vorne zu schauen, ist mir einerseits in die Wiege gelegt. Gleichzeitig habe ich aber auch versucht, das Positive mir immer wieder bewusst zu machen. Das ist sehr wichtig für ein erfülltes Leben.

Interview: Ramona Weise

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