„Man muss hartnäckig sein“: Eveline Kosenbach leitet die Vermisstenstelle im Tierheim. ms

Die Detektivin mit der Spürnase

München - Sie bringt vermisste Lieblinge zurück nach Hause: Im Münchner Tierheim arbeitet Deutschlands einzige Tierfahnderin. Fast 5000 Menschen bitten Eveline Kosenbach jedes Jahr um Hilfe.

Das Telefon steht nicht still. Während Eveline Kosenbach den Hörer abnimmt, greift sie nach einem Ordner, in dem aktuelle Fundtiere aufgelistet sind. Eine Katze wird vermisst. „Haben Sie ein Foto? Wie lang ist das Tier weg?“ Noch während Kosenbach den Anrufer ausfragt, vergleicht sie die Daten des Tieres mit denen aktueller Fundtiere im Heim. Kein Treffer - noch nicht. Sie gibt dem Halter Tipps für die Suche und verspricht, in Kontakt zu bleiben. Der Ordner steht noch nicht wieder im Schrank, da klingelt es schon wieder. Dieses Mal geht es um einen entlaufenen Rauhaardackel, einige Minuten später um einen gefundenen Vogel.

Jedes Jahr wenden sich mehrere tausend Menschen an Eveline Kosenbach. 2011 waren es fast 5000 Tierbesitzer, die auf der Suche nach entlaufenen Hunden, Katzen oder Kleintieren die Vermisstenstelle des Münchner Tierschutzvereins kontaktierten. Laut Tierheim ist es die einzige Stelle dieser Art in ganz Deutschland. Finanziert wird sie über Spenden. Kosenbach bemüht sich als Leiterin seit 17 Jahren, „alle Tiere wieder heimzubringen“, wie sie es formuliert. Bei mehr als 4700 Tieren gelang ihr das im vergangenen Jahr tatsächlich.

Aber nicht immer sind es die Besitzer, die sich an die Vermisstenstelle wenden. Oft werden Tiere im Heim abgegeben, deren Besitzer erst noch ausfindig gemacht werden müssen. Auf dem Tisch liegt ein roter Hunde-Einlieferungsschein. Ein Notfall. „Vor dem Wochenende wurde eine Dackel-Mix-Hündin bei uns abgegeben“, erzählt sie. Das Tier irrte in Unterföhring nahe dem Heizkraftwerk umher. Kosenbach: „Sie hat starken Milcheinschuss, hat also Welpen.“ Wo kommt der Hund her? Und vor allem: Wo sind die Welpen? Diese Fragen muss die Tierfahnderin schnell beantworten - gelingt ihr das nicht, kann sich nicht nur das volle Gesäuge der Hündin entzünden. Ihre Welpen könnten verhungern. Über die Steuermarke des Hundes versucht Kosenbach an die Kontaktdaten der Halter zu gelangen. Ein Telefonat später hat sie die Adresse und beauftragt einen ehrenamtlichen Mitarbeiter, die Besitzer aufzusuchen.

So problemlos gelingt die Identifizierung des Halters keineswegs immer. Im Idealfall verfügt das Tier über einen Chip. „Allerdings sind die Daten nicht immer an ein Register weitergegeben worden“, erklärt Kosenbach. Immer wieder muss die Tierfahnderin auch versuchen, unleserliche Tätowierungen in den Ohren der Tiere zu entziffern. Anhand der Nummern kann sie den Tierarzt ermitteln, der das Haustier einst tätowiert hat. So wie bei Kater Poldi (wir berichteten). Mit Hilfe seiner Tätowierung gelang es Kosenbach, die ersten Besitzer des Tieres zu finden - 16 Jahre nachdem Poldi dort ausgebüchst war.

„Man muss hartnäckig sein und starke Nerven haben“, erzählt die Tierfahnderin. Beides stellte Kosenbach bei Kater Quincy unter Beweis. In einem Umzugswagen wurde das Tier im März gefunden. Nachdem niemand den Kater vermisste, suchte Kosenbach nach der Familie, die das Umzugsunternehmen beauftragt hatte. Sie wurde fündig. Was folgte, war jedoch eine Überraschung: Die Familie war 850 Kilometer weit von Frankreich nach Deutschland gezogen. Das Tier musste in Frankreich kurz vor der Abfahrt in den fremden Wagen gesprungen sein. Eine aussichtslose Situation? Nicht für Eveline Kosenbach. Sie kontaktierte die französische Gemeinde, organisierte Aushänge vor Ort, startete einen Aufruf bei Facebook. Das soziale Netzwerk brachte den Durchbruch: „Es meldete sich eine Frau, die in der Nähe des Ortes wohnte“, erzählt sie. „Sie bot an, in die Stadt zu fahren und mit den Menschen zu sprechen.“ Mit Erfolg. Der Besitzer konnte tatsächlich gefunden werden. „Er fuhr bis nach Deutschland, um seine Katze abzuholen.“ Außergewöhnliche Suchgeschichten wie diese sind für Kosenbach keine Seltenheit. Der Schritt, ein Buch über das Erlebte zu schreiben, lag für sie daher nahe. Im kommenden Winter soll es erscheinen.

Der Tag der Tierfahnderin endet mit einer guten und einer schlechten Nachricht. Drei kleine Welpen treffen im Tierheim ein: Es sind die Babys der Dackel-Mix-Hündin. Mutter und Nachwuchs sind völlig aus dem Häuschen vor Freude über die Wiedervereinigung. Die traurige Nachricht: Die Besitzer waren weder auf der Suche nach der Hündin noch interessieren sie sich für den Verbleib der Welpen, die drei Tage mit Kondensmilch gefüttert wurden. „Wenigstens sind alle vier wieder zusammen“, sagt Kosenbach. „In ein paar Wochen können sie vermittelt werden.“

Alexandra Müller

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