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Die S-Bahn lässt manchmal Bahnhöfe aus. 

Unternehmen rechtfertigt sich

S-Bahn lässt Stationen aus: "Wir sind in einer Zwangslage"

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München - Die S-Bahn will auch in Zukunft bei Verspätungen bestimmte Bahnhöfe auslassen. Zu dieser drakonischen Maßnahme werde aber nur im Einzelfall gegriffen, so S-Bahn-Chef Bernhard Weisser.

Eines stellte der S-Bahn-Chef gleich klar: „Ich will an dieser Dispositionsentscheidung festhalten“, sagte Bernhard Weisser. Er beraumte am Montag ein Gespräch ein, nachdem unsere Zeitung über eine ungewöhnliche Maßnahme berichtet hatte: Im Fall von Verspätungen lässt die S-Bahn einzelne Bahnhöfe aus. Ein genervter Pendler der S 3 hatte unsere Fürstenfeldbrucker Redaktion darüber informiert. Die S 3 ist aber, so sagte Weisser, beileibe nicht die einzige Linie, wo so etwas stattfindet. Auch auf der Strecke der S 8, der S 4 und der S 2 fahren immer mal wieder Züge durch.

Begonnen hatte alles vor eineinhalb Jahren: Zum Fahrplanwechsel im Dezember 2014 wurde für den Filzenexpress Wasserburg-München der Ein-Stunden-Takt eingerichtet. Die örtliche Politik war damals voll des Lobes – „ein guter Tag für alle Bahnreisenden“, rühmte etwa der Minister Marcel Huber die neue Bahnverbindung. Damals wurden zehn Millionen Euro investiert, unter anderem für den Bau eines Überholgleises bei Steinhöring. 

Die Verbindung wurde zum Nadelöhr

Wovon beim Festakt damals nicht die Rede war: die Bahnstrecke Ebersberg-Grafing, auf der neben der S-Bahn nun auch der Filzenexpress fahren muss, ist nur eingleisig. Dadurch wurde die Verbindung zum Nadelöhr. Klagen über dauernde Verspätungen prasselten bald darauf auf die Bahn ein. Das wiederum war der Grund, so sagte S-Bahn-Chef Bernhard Weisser, warum man sich zu einem ungewöhnlichen Schritt entschloss: Auf der S 4-Strecke im Osten durften fortan bei Verspätungen vier Bahnhöfe ausgelassen werden: Gronsdorf, Haar, Vaterstetten und Baldham. So sehen es so genannte Dispositionsregeln vor. Dadurch sollte erreicht werden, dass die S-Bahn ab Grafing wieder pünktlich fährt. Die Entscheidung darüber treffe der Schichtleiter in der Leitstelle, sagte Weisser. Auch bei der S 2 Ost Richtung Erding werden seitdem im Verspätungsfall immer wieder Bahnhöfe ausgelassen – St. Koloman und Aufhausen – und ebenso entlang der S 8 West, etwa zwischen Pasing und Germering.

"Eine von tausend Fahrten“

Weisser versicherte, dass es sich um Einzelfälle handele („eine von tausend Fahrten“) und die Fahrgäste vorher per Durchsage informiert würden. Wer aussteige, weil er einen „ausgelassenen“ Bahnhof als Ziel habe, müsse auch nicht lange auf die nachfolgende S-Bahn warten. Auf die Frage, was denn sei, wenn jemand die Durchsage überhöre, etwa weil er über Kopfhörer Musik höre, antwortete Weisser mit einer Gegenfrage: „Was würden Sie denn tun?“ Die S-Bahn sei an der Kapazitätsgrenze. „Wir sind in einer Zwangslage“, sagte Weisser.

 Die einzige andere Möglichkeit sei es, verspätete S-Bahnen regulär weiterfahren zu lassen – wenn sie aber an den Endbahnhöfen für die sofortige Rückfahrt eingeplant seien, würden die Verspätungsminuten mitgeschleppt. Selbstkritisch räumte Weisser ein, dass die Aufsichtsbehörde, also die staatliche Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG), über die „Dispositionsentscheidung“ nicht informiert worden sei. Bei der nächsten Monatsbesprechung zwischen BEG und S-Bahn werde das nachgeholt.

Allein steht die S-Bahn mit ihren Ausfallsentscheidungen nicht. Auf „Drehscheibe online“, einem Forum für Bahnfreunde, wurde unser Artikel verbreitet und kommentiert – demnach ist das Auslassen von Bahnhöfen auch in Rhein-Ruhr und bei einzelnen IC-Linien Praxis.

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