Wieder Probleme bei Stammstrecke Richtung Osten: Züge fallen aus

Wieder Probleme bei Stammstrecke Richtung Osten: Züge fallen aus
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Aus der Nordwesttürkei kam Zeki Genç (55) vor 44 Jahren nach München. Hier steht er – in bayerischer Trachtenjoppe – vor dem Tor der ehemaligen Türkenkaserne. Das erinnert an Zehntausende türkische Kriegsgefangene, die nach der zweiten erfolglosen Belagerung Wiens 1683 bis 1699 in und um München Kanäle und Gräben ausheben mussten.

Interview mit Verbandsvorsitzenden 

Situation der Deutschtürken: „Die Gräben gehen durch die Familien“

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Zeki Genç, der Vorsitzende des Verbandes der Deutschtürken, spricht im Interview über die Situation der Deutschtürken im Konflikt zwischen Staaten und Interessen - und hat einige Ideen. 

Der Streit um Wahlkampfauftritte türkischer Politiker in Deutschland, Faschismus-Vorwürfe gegen Deutschland einerseits, Spionage-Vorwürfe gegen die Türkei andererseits: Das deutsch-türkische Verhältnis ist angespannt wie nie zuvor. Darunter leiden besonders die Deutschtürken. Zeki Genç, Vorsitzender des Verbandes der Deutschtürken sowie des Bayerischen Instituts für Migration in Trudering, fordert seine Landsleute in Deutschland auf, sich von Ankara zu emanzipieren. Und von Deutschland verlangt er mehr Werben um die deutschtürkische Jugend.

Deutschland muss Kante zeigen

Herr Genç, was sagen Sie zu den jüngsten Faschismus-Vorwürfen gegen Deutschland aus Ankara?

Diese Vorwürfe sind natürlich völliger Unsinn, darauf muss man gar nicht eingehen. Der türkische Wahlkampf vor dem Verfassungsreferendum hat allerdings in Deutschland nichts zu suchen. Und da muss die deutsche Politik auch eine klare Kante zeigen.

Viel Ärger gab es auch um angebliche Spionagevorwürfe gegenüber türkischen Imamen und dem Konsulatspersonal, auch in München. Was ist da dran?

Natürlich wird Deutschland von den Konsulaten ausspioniert, wenn Sie es so sehen wollen. Das tun aber alle Konsulate aller Staaten, das ist ihre Aufgabe.

Es heißt aber auch, dass Namenslisten kursieren und gezielt danach geforscht wird, wer bei der Gülen-Bewegung dabei ist, wer PKK-Anhänger ist oder sonst irgendwelchen türkischen Oppositionsparteien angehört. Stimmt das?

Es ist traurig, aber tatsächlich wird am laufenden Band denunziert. Auch mir wurde schon dreimal vorgeworfen, dass ich Gülen-Anhänger bin. Das ist totaler Quatsch.

Wie wirken sich diese Spannungen auf das Zusammenleben der Deutschtürken aus?

Es ist schlimm, die Gräben gehen derzeit durch Familien und alte Freundschaften. Vater gegen Sohn, Mutter gegen Tochter, das ist sehr traurig.

Genç ist längst CSU-Mitglied

Wie sollten die Deutschtürken hierzulande damit umgehen?

Schauen Sie mich an, ich bin in der Türkei geboren, aber schon seit 44 Jahren hier. Ich bin schon lange der CSU beigetreten, weil sie die gestaltende Kraft in Bayern ist – und im Gegensatz zu SPD oder Grünen sich klar von der PKK distanziert.

Und wie sieht es mit Gülen oder der Regierungspartei Erdogans aus?

Egal ob PKK, AKP oder Gülen-Bewegung – alle versuchen uns Deutschtürken zu indoktrinieren und zu gängeln. Unsere Moscheen werden direkt von Ankara geleitet, und dort wird entsprechend gepredigt. Wir müssen als Deutschtürken endlich begreifen, dass wir eine eigene Ethnie sind, die in Deutschland zu Hause ist, ihre Wurzeln in der Türkei hat.

Was unterscheidet die Deutschtürken von den Türken in der Türkei?

Wir haben eine eigene Kultur. Döner Kebab ist eine deutsche Erfindung, die in die Türkei exportiert wurde. Dort hatte man Kebab früher nur vom Teller gegessen. In China oder den USA gilt Döner Kebab übrigens als deutsche Spezialität. Wir haben auch eigene Filme und eine eigene Literatur. In der Türkei werden wir übrigens als Deutschländer beschimpft. Und junge Deutschtürken, die hier geboren sind, unterhalten sich auf Deutsch.

Fühlen sich die Deutschtürken zu Hause in München?

Ich kann Ihnen sagen, sie fühlen sich sogar pudelwohl, die meisten denken auch nicht im Traum daran, in die Türkei zurückzukehren, abgesehen von einigen Älteren, die wegen der hohen Miete im Alter heimkehren.

Staat sollte Religionsunterricht kontrollieren

Hat die deutsche Gesellschaft die Deutschtürken schon als Teil ihrer Gesellschaft akzeptiert?

Die Deutschtürken gehören zu Deutschland wie die dänische Minderheit in Schleswig oder die Sorben in Sachsen. Nur bildet sich das etwa im öffentlich rechtlichen Fernsehen nicht ab. In den Rundfunkräten sind keine Migrantenverbände vertreten, dabei sollte es eigene Sendungen geben, die an Deutschtürken gerichtet sind, es sollte auch Sendungen für Deutschalbaner oder Deutschrussen geben.

Wie sieht es mit dem Bildungssystem aus?

Wir brauchen Türkisch als Unterrichtsfach an den Schulen, auch vom deutschen Staat kontrollierter islamischer Religionsunterricht sollte eine Selbstverständlichkeit sein, wie bei den Katholiken. Das gilt natürlich auch für andere Sprachen oder Religionen. Wenn wir den jungen Menschen keine Möglichkeit geben, hier ihre Heimat zu finden, haben radikale Prediger die Chance, dort nach ihren Seelen zu fischen, Und das müssen wir mit aller Macht verhindern.

Lesen Sie auch: Erdogan der (Un-)Heilsbringer - das sagen Münchner Türken

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