„Die Münchner waren voller Sorge“

München - Mit dem deutschen Überfall auf Polen begann am Dienstag vor 70 Jahren, am 1. September 1939, der Zweite Weltkrieg. In den folgenden fünfeinhalb Jahren gingen Krieg und Völkermord durch das nationalsozialistische Regime immer mehr ineinander über. Die Münchner Bevölkerung reagierte verhalten auf die Nachricht vom Kriegsbeginn, wie der Historiker Andreas Heusler vom Münchner Stadtarchiv berichtet.

-Herr Heusler, wie war die Stimmung in der Bevölkerung vor dem Krieg? Herrschte eine ähnliche Kriegsbegeisterung wie vor dem Ersten Weltkrieg?

Die Situation im Sommer 1914 und im Sommer 1939 lässt sich überhaupt nicht vergleichen. Im Gegenteil. Es herrschte keineswegs eine Kriegseuphorie und ein nationaler Überschwang wie 1914. Die Menschen waren sehr verhalten, ängstlich und voller Sorge. Der Erste Weltkrieg lag ja nicht lange zurück, die Erfahrung steckte den meisten sprichwörtlich noch in den Knochen. Krieg bedeutete für sie Trauer, Tod, Zerstörung und vor allem Hunger.

So begann der Zweite Weltkrieg

So begann der Zweite Weltkrieg

-Wie hat die NS-Propaganda darauf reagiert?

In den Tageszeitungen lief eine massive Kampagne gegen Polen und andere spätere Kriegsgegner. Zur Kriegsvorbereitung wollte man die Bevölkerung auf den Willen der Führung einschwören und betrieb dazu eine massive Stimmungsmache.

-Schlug sich die Propaganda auch im Münchner Stadtbild nieder?

Das München der NS-Zeit war ohnehin eine einzige optische Gehirnwäsche. Die Stadt war mit Hakenkreuzen zugepflastert, Uniformen prägten das Straßenbild.

-Wie erlebte München den 1. September?

Andreas Heusler

Um 10 Uhr hielt Hitler seine Rede im Rundfunk. Sie wurde über Lautsprecher auf den Straßen übertragen. Es gibt Fotos, die zeigen, wie der Münchner Verkehr stillsteht, Autos halten, Menschen steigen aus, Radler steigen ab, Passanten halten an. Man sieht ihren Gesichtern an, dass sie sehr konzentriert und angespannt lauschen. Sie wissen: Was gerade passiert, wird die Welt verändern. Es herrscht wieder Krieg.

-Ab wann begann man in München den Krieg zu spüren?

Eigentlich schon vor dem Krieg. Vieles begann schon im Sommer 1939. Die ersten Männer wurden einberufen, die Requirierung von privaten Lastwägen begann, Rationierungen wurden eingeteilt und ein Bezugsscheinsystem für Güter eingeführt. Der Krieg zeichnete sich schon ab. Es gab sozusagen eine sommerliche Einstimmung auf das, was ab dem Herbst zur Gewohnheit werden sollte.

-Wie schlug sich das auf das Alltagsleben nieder?

Durch die Lage war München für Luftangriffe lange Zeit unerreichbar, galt als „Luftschutzkeller des Reichs“. Erst ab 1942 machten bessere Flugzeuge einen Angriff auf die Stadt möglich. Außerdem gab es auch von der Industriestruktur her lohnenswertere Ziele, etwa das Ruhrgebiet. So blieb der Alltag in München lange Zeit wie gewohnt. Die Theater und Lichtspielhäuser spielten normal nach Plan, die Gastronomie lief gut. Die Leute fuhren am Wochenende weiterhin ins Würmtal oder Voralpenland, oder gingen in den Tierpark. Dadurch, dass viele Männer an der Front waren, änderte sich aber natürlich die Sozialstruktur. München wurde immer mehr eine Stadt der Frauen, Kinder, Alten und Ausländer. Immer mehr Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene kamen in die Stadt. Da gab es natürlich einen sozialen und optischen Wandel. Bis 1942 lebten die Menschen aber wie gesagt relativ normal. Erst dann begannen die Bombenangriffe, in deren Folge nahezu die gesamte Innenstadt, die Residenz, das Opernhaus, die Frauenkirche, stark beschädigt oder komplett zerstört wurden und tausende Zivilisten den Tod fanden.

Interview: Dennis Mehmet Yücel

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