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Bei ihrer Arbeit ist Elisabeth Ramzews täglich mit den leidvollen Erlebnissen der Menschen konfrontiert.

Münchner Sozialarbeiterin berichtet

Flüchtlingsarbeit: „Die Probleme sind schlimmer geworden“

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„Mama Lisa“ wird sie in der Bayernkaserne von allen genannt. Ein Respekts-Name, den sich Elisabeth Ramzews in vielen Jahren erarbeitet hat – indem sie, wie sie sagt, „ein paar Probleme gelöst“ hat. Als Leiterin des Sozialdienstes für Flüchtlinge und Asylsuchende der Inneren Mission München ist die 57-Jährige in der Aufnahmeeinrichtung in Freimann täglich mit den Problemen der Menschen konfrontiert, die ihre Heimat verlassen und nach Deutschland geflüchtet sind. Und muss bei allem Verständnis manchmal auch durchgreifen, wie sie Merkur-Redakteurin Doris Richter erzählt hat.

Früher galt bei der Betreuung von Menschen in schwierigen Lebensumständen: je kleiner der Rahmen, umso besser. Heute haben wir Unterkünfte mit bis zu 1200 Flüchtlingen – ein Albtraum für Sozialarbeiter?

Nein, weil man ja auch mehr Kollegen hat. Das Team gibt Rückhalt. Es ist immer jemand da, wenn es zur Krise kommt, eine Situation eskaliert. Ein Sozialarbeiter kann sofort aus der Situation herausgehen, und ein anderer übernimmt. Das ist der Vorteil von so großen Verbünden. Auch wenn wir uns für die Gemeinschaftsunterkünfte gewünscht hätten, dass es unter 200 Menschen bleibt. Aber das ist halt der aktuellen Situation geschuldet.

Wie viele Leute betreut ein Sozialarbeiter?

Die Quote liegt etwa bei 1 zu 100. Vor zwei Jahren hatten wir in der Asylsozialberatung fünf Vollzeit-Berater. Mittlerweile sind es 100 Mitarbeiter. Das sind echte Herausforderungen in der Teambildung und in der Qualitätssicherung. Und weil die Flüchtlinge immer mehr werden, führe ich seit Oktober zweimal die Woche Bewerbungsgespräche.

-Was genau macht man als Sozialarbeiter?

Sie nehmen sich vor, morgen mache ich das und das – Briefe schreiben, Anrufe bei Ämtern erledigen. Sie öffnen morgens das Büro, gehen zur Teamsitzung, sprechen sich ab, dann starten die Beratungsdienste in den Unterkünften. Hier im Haus 58 sind um halb zehn die Gänge voll mit Menschen. Das, was man vorhatte, schafft man meist nicht (lacht).

Mit welchen Anliegen kommen die Menschen?

Mit allen Problemen von A bis Z, von Asylrecht bis Zahnschmerzen. Geburt, Scheidung, Familienzusammenführung. Die Probleme, die uns die Menschen schildern, bilden das normale Leben ab, wie wir das auch kennen.

Klingt harmlos.

Das ist nur ein Teil. Insgesamt ist es deutlich schlimmer geworden. Früher bekamen Menschen ihren Aufnahmebescheid, hatten dann organisatorische Fragen, etwa wie der Transfer funktioniert. Heute sind wir mit großen sozialen und medizinischen Problemen konfrontiert. Immer öfter landen hier Familien mit schwerstkranken Kindern. Wir verweisen sie an Krankenhäuser, Kinderhospize, schauen, dass wir eine Wohnung finden für die Familie, damit die in der Nähe sein kann. In der Bayernkaserne wie auch in den Dependancen müssen wir schnell Lösungen finden, weil wir nie wissen, wann die Menschen wohin verlegt werden.

Und was für soziale Probleme?

Da kommen Menschen, deren Angehörige im Meer ertrunken sind. Oder die auf der Flucht von ihrer Familie getrennt wurden und nicht wissen, was aus den anderen geworden ist. Mit so einem Gepäck anzukommen und sich zurechtzufinden ist schwer. Oft kommt es auch vor, dass die Ehefrau hier und der Mann in einem anderen Bundesland gelandet ist. Und der Papa hat noch den Bruder dabei, während die Schwester mit der Mutter in München sitzt. Die Zusammenführung ist kompliziert. Oft dauert es Monate. Das ist für die Leute belastend – wäre es für uns auch.

Was können Sie tun?

Wir sind keine Behörde, nur Mittler. Wir können nichts entscheiden, nur Lösungen vorschlagen und uns für die Menschen einsetzen. Mehr nicht. Das versuchen wir den Menschen auch immer klarzumachen, die denken, wir sind der Big Boss, der entscheidet.

Fühlen Sie sich manchmal nicht hilflos?

Doch. Diese Hilflosigkeit haben wir mit den Flüchtlingen dann gemein. Wir fühlen mit ihnen. Empathie für die Menschen ist eine wichtige Voraussetzung für meinen Job.

Aber sicher auch die Fähigkeit, sich abzugrenzen?

Natürlich darf man alles nicht zu nah an sich heranlassen. Oft kommt man darum als Sozialarbeiter etwas hartgesotten rüber. Weil man schon viel erlebt hat. Mit Ruhe, Gelassenheit und Distanz kommt man am besten über die Runden.

Viele Leute, die kommen, sind schwer traumatisiert. Wie äußert sich das?

Erst mal gar nicht. Der Körper neigt dazu, das Positive zu sehen, deshalb verdrängt er das Erlebte erst mal. Es ist wichtig, den Menschen Struktur im Alltag zu geben, dass sie was Positives erfahren. Natürlich kann aber ein Geruch oder ein Geräusch Auslöser sein, dass das Erlebte hochkommt. Eine belastende Situation, die Todesangst – alles ist dann plötzlich wieder da. Die Leute haben Panikattacken, fallen um. Oder sie werden ganz still, sind nicht mehr ansprechbar.

Oder sie werden aggressiv?

Das kann schon vorkommen. Aber ich warne davor, einen Zusammenhang herzustellen zwischen schwer traumatisiert und Zeitbombe, die jederzeit hochgehen kann, aggressiv wird. Das sind absolute Einzelfälle. Viel wird abgefangen in Gesprächen. Wenn man das am Anfang richtig handhabt mit Beratung, Betreuung, Angeboten, so dass das Positive in den Menschen gestärkt wird, wird es nach und nach das Negative aufbrechen und neutralisieren. Kommunikation hilft generell bei Problemen. Das ist nicht nur bei Flüchtlingen so, sondern bei jedem von uns.

Trotzdem sind kürzlich in der Bayernkaserne nigerianische Frauen auf einen Heimleiter losgegangen. Sowas schürt bei einigen Münchnern Angst.

Das ist klar. Man muss diese Ängste durch absolute Transparenz minimieren, muss erklären, wie es wirklich ist. Vieles wird hochgeschaukelt. Natürlich gibt es auch unter Flüchtlingen schwarze Schafe. Aber das sind genauso viele wie bei uns. Generell sind es Menschen, die selbstbestimmt in Frieden und Freiheit leben wollen. So wie wir auch.

Mit welchen Erwartungen kommen sie?

Sie erwarten vor allem Ruhe und Sicherheit, dass hier keine Bomben fallen. Und sie hoffen, hier schnell in Lohn und Brot zu kommen. Sie sind motiviert und auch interessiert an unseren Gebräuchen. Und die Familien wollen das Bestmögliche für ihre Kinder.

Welche Bildung haben die Flüchtlinge?

Bei vielen redet man gleich von Analphabeten, nur weil sie unsere Schrift nicht lesen können. Das ist Quatsch. Die Leute bringen viel Potenzial mit. Die Afrikaner etwa – da spricht jeder mindestens zwei Sprachen und mehrere Dialekte. Die Leute haben zudem einen gefahrvollen Weg hinter sich und haben Kompetenzen gezeigt, das zu überleben, haben Stärke, Willen und Motivation bewiesen. Das sind doch unglaubliche Ressourcen!

In der ersten Zeit dürfen die Asylbewerber quasi nichts machen...

Da ist der Frust oft groß. Die Asylverfahren dauern sehr lange. Und auch nach drei Monaten finden die Leute kaum Arbeit. Das müsste alles ausgebaut werden. Es gibt noch zu wenig Schnittpunkte zur Arbeitswelt. Dabei brauchen wir doch dringend Arbeitskräfte.

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