15. April 1912, 2.20 Uhr: Die Titanic sinkt. Der deutsche Marinemaler Willy Stöwer hat den Moment 1912 für eine Zeitschrift frei interpretiert. In Wahrheit waren beim Untergang keine Eisberge in der Nähe und der vierte Schornstein rauchte nicht, da er nur zur Entlüftung diente.
+
15. April 1912, 2.20 Uhr: Die Titanic sinkt. Der deutsche Marinemaler Willy Stöwer hat den Moment 1912 für eine Zeitschrift frei interpretiert. In Wahrheit waren beim Untergang keine Eisberge in der Nähe und der vierte Schornstein rauchte nicht, da er nur zur Entlüftung diente.

So erging es einer reichen Witwe, einem Pater und einem Glückspilz

Die Titanic und ihre bayerischen Schicksale

  • Lisa Fischer
    vonLisa Fischer
    schließen

Am 15. April 1912 sank die berühmte „Titanic“. Autor Jens Ostrowski erzählt in seinem neuen Buch über das Schicksal eines tapferen Paters und die 16 Schmuckstücke einer Münchner Witwe.

München – Der Autor Jens Ostrowski hat sich jahrelang mit der Titanic-Historie beschäftigt. Jetzt hat er ein Buch über die Deutschen an Bord des Schiffes veröffentlicht. Darin berichtet er auch über die Schicksale dreier Menschen aus Bayern. Hier erzählen wir ihre Geschichten.

Die Titanic und ihre bayerischen Schicksale: Die reiche Witwe - Mit Juwelen an Bord

Die schwer reiche Verlegerwitwe Antoinette Flegenheim liegt im Bett ihrer Erste-Klasse-Kabine, als die Titanic kurz vor Mitternacht den Eisberg rammt. Seit ihr Mann vor knapp fünf Jahren gestorben ist, lebt sie meist in noblen New Yorker Apartments und Hotels. Aber auch in Berlin hat sie eine Wohnung. Sie pendelt zwischen Amerika und Europa. Diesmal hat sie Juwelen und Bargeld im Wert von fast 15 000 Dollar dabei hat, die in einem Safe außerhalb ihrer Kabine verstaut sind.

Antoinette Flegenheim nahm Diamanten mit an Bord der Titanic.

Die 48-jährige Frau bleibt nach der Kollision am 14. April 1912 noch rund zehn Minuten unter der warmen Bettdecke liegen. Als sie das Summen der Maschinen vermisst, legt sie ein wärmeres Nachtgewand an, schlüpft in ihre Hausschuhe und läutet erfolglos nach dem Steward. Als sie daraufhin aus der Kabinentür auf den Gang schaut, erscheinen zwei Stewardessen. Die Passagiere mögen ihre Kajütfenster schließen, bitten die Frauen. Eine reine Vorsichtsmaßnahme für den Fall, dass die Reihen der Bullaugen unter die Meeresoberfläche gedrückt werden.

Noch ahnt sie nichts von der Katastrophe, doch schon eine Stunde später sitzt sie mit 29 anderen Personen in einem nur halb vollen Rettungsboot. Sie gehört zu den ersten Passagieren, die die Titanic verlassen. Ein Gentleman reicht Flegenheim noch in aller Höflichkeit ihren heruntergefallenen Hut. Die reiche Witwe ist eine der 712 Titanic-Überlebenden. 1496 Menschen sterben bei der Jungfernfahrt von Southampton nach New York.

Wenige Tage später gibt sie schon ein Zeitungsinterview. Auf dem berühmten Schiff, sagt sie, „war ein großartiges Gefühl der Kameradschaft vorhanden, fast so, als wären wir alle eine große Familie. Alle lächelten, alle waren so höflich. Man könnte sagen, es war zu höflich, denn dies trug zweifellos zu dieser surrealen Atmosphäre bei, die später für den Tod von Hunderten verantwortlich war.“ Man weiß auch deshalb so viel über sie, weil sie noch am Heiligen Abend des Jahres 1912 eine vierseitige Schadenersatzforderung an die Reederei White Star Line aufsetzt. Folgende ihrer Gepäckstücke versanken mit der Titanic: 13 Kleider, Halsbänder aus echter Spitze, Slipper aus Satin, ein silbernes Schminktisch-Set, drei Hüte, Korsetts, Petticoats, ein Dutzend Handschuhe, eine Lupe, drei Dutzend Taschentücher und ein Kodak-Fotoapparat. Ihre Gesamtforderung: 3683 Dollar.

Auch ihre 16 Schmuckstücke verliert sie bei dem Unglück. Schadensumme 14 707 Euro. Bevor sie ins Rettungsboot steigt, hat sie vergeblich versucht, ihre Perlen, Diamanten und Saphire aus dem Safe zu retten. Doch sie kann ihn nicht öffnen.

Ein paar Jahre nach der Katastrophe entscheidet sich die gebürtige Brandenburgerin, nach München zu ziehen. Kurios: Im Adressbuch der Landeshauptstadt von 1930 steht Flegenheim, die nach ihrer zweiten Hochzeit den Nachnamen White-Hurst trägt, direkt unter dem Eintrag der White-Star-Line-Agentur in der Brienner Straße 53. Jene Agentur, die 1912 Tickets für die Titanic verkauft hat.

Zehn Jahre später verlässt sie Bayern. Ihr an Epilepsie erkrankter Neffe, zu dem sie eine enge Beziehung hat, wird 1940 von den Nazis zusammen mit weiteren psychisch kranken Menschen ermordet. Ein möglicher Grund, weshalb die vermögende Dame München den Rücken kehrt und nach Frankfurt zieht.

Die Titanic und ihre bayerischen Schicksale: Der Priester - Ein letztes Gebet auf der Titanic

Pater Joseph vom Kloster Scheyern lehnte einen Platz im Rettungsboot ab.

Am 9. April 1912, einen Tag vor der Abfahrt der Titanic, steht Pater Joseph Peruschitz vom Kloster Scheyern, in der Westminster Kathedrale in London und bewundert die Kirche. Nur 13 Tage später wird seiner und der weiteren 1495 Opfer der Titanic-Katastrophe mit einem Trauergottesdienst gedacht.

1872 wird Pater Joseph als Benedikt Peruschitz in Straßlach im Kreis München geboren und wächst in Dorfen auf. Nach seinem Studium tritt er ins Kloster Scheyern ein. 1912 folgte er dem Ruf, bei dem Aufbau des Benediktinerordens in Amerika zu helfen. Im Reisebüro Bierschenk am Maximiliansplatz in München kauft der Pater das Ticket für die Titanic.

Eltern und Geschwister trifft die Nachricht über seinen Tod hart – sie wussten nichts von der Amerika-Reise. Ein bisschen Trost finden die Angehörigen in den Zeitungsberichten aus Amerika. Darin heißt es, dass der 41-jährige Priester mit einem weiteren Pater auf dem sinkenden Schiff ablehnt, als ihnen zwei Plätze in den Rettungsbooten angeboten werden. Mit Gebeten versuchen sie, den verbliebenen Passagieren an Bord die Todesangst zu nehmen. Verzweifelte Männer und Frauen fallen vor den Geistlichen auf die Knie, einige sprechen ihre Beichte. Gemeinsam sagen sie das letze „Vater unser“ auf.

Heute erinnert im Kloster Scheyern eine bescheidene Gedenktafel aus Kalkstein an den verunglückten Benediktinermönch mit den Worten: „Pater Joseph, der sich auf der bekannten Titanic fromm hingeopfert hat.“ Seine Familie erhielt 60 englische Pfund als Entschädigung.

Die Titanic und ihre bayerischen Schicksale: Der Steward - Gefeuert und dadurch gerettet

Crew-Mitglied Peter Ettlinger musste von Bord der Titanic.

Höchstwahrscheinlich war Peter Ettlinger aus Riedenburg im Kreis Kelheim am Morgen des 10. April 1912 sehr verärgert. Der Salonsteward wird kurz nach der Einarbeitungsphase an Bord der Titanic gefeuert. Kurz vor Auslaufen des Schiffes muss der 31-Jährige die Titanic verlassen. Das rettet ihm das Leben. Die Gründe, weshalb der Bayer von Bord gehen muss, sind nicht dokumentiert.

Für die Schiffs-Crew herrschten strenge Regeln an Bord. Disziplinarmaßnahmen kommen häufig vor. Unter allen Umständen wird darauf geachtet, dass die Besatzung nicht zu viel Alkohol trinkt. Der Konsum auf der Titanic wird genau dokumentiert. Einmal in der Woche muss der Kapitän das Weinbuch inspizieren und unterzeichnen. Bier und Spirituosen mit an Bord zu bringen, ist streng verboten. Ettlinger fährt nach seinem Rauswurf auf der Titanic noch viele Jahre zur See. Er stirbt 1962 in Southampton. Dort, wo das Unglücksschiff ein halbes Jahrhundert zuvor auf seine erste und letzte Reise ging. (lif)

Auf der Titanic trank man Bier aus München: Darüber und über seine weitere Recherche berichtet der Autor Jens Ostrowski in einem Interview.

Weitere Nachrichten aus Bayern lesen Sie bei uns.

Auch interessant

Mehr zum Thema

Kommentare