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„Wir sollten die Freiheit, die wir haben, auch nutzen, damit sie uns nicht entgleitet“, appellierte Verleger Dirk Ippen.

Kanzelrede von Dirk Ippen   

„Wir brauchen das geistige Gegeneinander“

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München - Den Mut, klar Stellung zu beziehen – auch gegen die Mehrheitsmeinung. Ihn wünscht sich Verleger Dirk Ippen von Journalisten. Wie Zeitungen angesichts des digitalen Wandels bestehen können, machte er bei seiner Kanzelrede in der Erlöserkirche deutlich. Und blickte zurück auf 80 Jahre Zeitungsgeschichte.

An diesen Satz seines Vaters kann er sich noch genau erinnern. Rolf Ippen, in den Nachkriegsjahren Geschäftsführer und Partner bei der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung, sprach ihn bei der Brotzeit am Abend aus: „Endlich dürfen wir wieder die Wahrheit schreiben.“ Diesen Satz hat sich der Sohn, heute selbst einer von Deutschlands größten Verlegern, gemerkt. Ihm fühlt er sich verpflichtet. Und gerade deshalb treffe es ihn direkt ins Mark, wenn der Vorwurf „Lügenpresse!“ fällt. Weil die vielfältige Zeitungslandschaft in Deutschland eben nicht staatlich gelenkt sei wie etwa in Russland, wo die Chefredakteure im Kreml antreten müssten, um Vorgaben über die Berichterstattung entgegenzunehmen.

Ein Zustand, den Deutschland aus dunkleren Zeiten kennt. Auch daran erinnert Dirk Ippen in seiner gestrigen Kanzelrede in der Münchner Erlöserkirche. Der Verleger unter anderem unserer Zeitung spricht auf Einladung der Evangelischen Akademie Tutzing. Er nimmt die Zuhörer in der voll besetzten Kirche gedanklich mit auf eine Reise durch acht Jahrzehnte Zeitungsgeschichte. In vier Deutschlands gewissermaßen. Denn: Ändert sich die Regierungsform, ändert sich auch die Presse. Innerhalb dieser verhältnismäßig kurzen Zeit in Deutschland gleich viermal.

Vor prominenten Gästen wie Hans-Werner Sinn und Charlotte Knobloch erinnert der 75-Jährige an die vom Propagandaministerium perfekt gesteuerten Medien während der NS-Zeit, wo den Zeitungseigentümern jede Macht über die Inhalte genommen wurde. „In Hitler-Deutschland war alles Gedruckte Lüge“, formuliert es Ippen.

Mit dem Ende des Krieges wendete sich das Zeitungsblatt – gänzlich frei waren die Journalisten aber auch dann nicht. Unbelastete Deutsche wurden von den Siegermächten ausgewählt, sogenannte Lizenzzeitungen herauszugeben. Die Alliierten behielten sich die Möglichkeit der (Nach-)Zensur vor. Dieser historischen Entwicklung sind die vielen Lokalredaktionen zu verdanken. Weil die Siegermächte überregionaler Volkstümelei keine Chance geben wollten, entstand eine breit gefächerte, kleinteilige Zeitungslandschaft – die Folge: Noch heute gibt es in Deutschland etwa 1500 Lokalredaktionen. Den Verleger freut’s: „Unsere Zeitungswelt findet man so kaum sonst auf der Welt. Äußerlich ist alles also sehr gut in Ordnung.“ Äußerlich, das ja. Trotzdem klingt dann und wann durchaus ein gewisses Mitleid von seinen Gesprächspartnern für ihn durch, wenn Ippen von seiner Verlegertätigkeit erzählt. Denn ja, die digitale Revolution, sie hat alles verändert. Ippen schmunzelnd: „Doch so schlecht ist es nun auch nicht. Sagen wir so: Es ist nicht mehr so gut, wie es einmal war. Ein Ende der gedruckten Zeitungen sehe ich aber in weiter Ferne.“

Damit diese Prophezeiung sich bewahrheitet, müssen angesichts wegbrechender Anzeigenmärkte und digitaler Konkurrenz kluge Zukunftskonzepte entwickelt werden. Vor allem aber, das macht Ippens Vortrag deutlich, gilt es, als Journalist eine innere Haltung zu bewahren und ihr im täglichen Arbeiten zu folgen. Der Wille nach Aufklärung, stets der Wahrheit verpflichtet zu sein – Grundsätze, die ein jeder Journalist beherzigen sollte. Und bitte: weniger Einheitsbrei. Kritisch merkt er an, dass nicht nur in der Politik immer mehr Konformismus herrsche – auch die Zeitungen und Magazine unterschieden sich in ihrer Berichterstattung kaum. „Egal, welche Zeitung man aufschlägt: Es steht überall ziemlich dasselbe drin.“ Themen, die nicht im Trend lägen, blieben unbeachtet. „Was nutzt uns die schöne Pressevielfalt, wenn viele Themen zu sehr am Rand stehen?“, fragt der Verleger kritisch. Es fehle der geistige Kampf, das Gegeneinander. In der Masse der politisch Korrekten traue sich kaum einer, auch unliebsame Thesen zu formulieren. Dabei sei es gerade heute, in einer Zeit, in der viele Menschen das Vertrauen in die Presse verloren haben, wichtig, es mit dem Satz von Georg Christoph Lichtenberg zu halten: „Dinge zu bezweifeln, die ganz ohne weitere Untersuchung geglaubt werden, das ist die wichtigste Hauptsache allüberall.“

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