Disziplinarische Schritte gegen Wojak

München - Nach ihren umstrittenen Äußerungen drohen der Chefin des NS-Dokumentationszentrums disziplinarische Maßnahmen. Das kündigte OB Christian Ude (SPD) gestern auf Anfrage an.

„Es wird zu gegebener Zeit ein rechtlich geordnetes Verfahren geben.“ Trotzdem wird Irmtrud Wojak wohl Gründungsdirektorin des Lern- und Erinnerungsortes, der Ende 2013 eröffnet, bleiben. Theo Waigel, Vorsitzender des Kuratoriums des Dokuzentrums, betonte auf Anfrage, er wünsche sich nach dem jüngsten Streit „wieder eine vernünftige und gedeihliche Zusammenarbeit“. Im Kulturreferat teilte man mit, Wojak sei drei Wochen in Urlaub.

Wie Ude berichtet, hat der Ältestenrat der Stadt die Äußerungen der 48-Jährigen aufs Schärfste missbilligt. Wojak hatte Teilen des Stadtrats aus Enttäuschung über den Namen für das Dokuzentrum herbe Vorwürfe gemacht. Die Einrichtung heißt nach dem Willen des Gremiums „NS-Dokumentationszentrum München. Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus“. Die Entscheidung für das NS-Kürzel sei falsch, entgegnete Wojak in einer schriftlichen Stellungnahme, weil es international Verwirrung stifte. Zudem hätten die Räte Zeitzeugen des Nazi-Terrors für politische Zwecke gegeneinander ausgespielt - das sei „beschämend“ und lasse „Schlimmstes“ für die künftige Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus fürchten.

Die Tirade sorgte für Empörung besonders bei den Grünen und der CSU, die die Mehrheitsentscheidung herbeigeführt hatten. Wojak lasse in Bezug auf demokratische Prozesse einen „Mangel an Kenntnis und Respekt“ erkennen. CSU-Stadtrat Marian Offman, Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde, forderte gestern: „Ich möchte, dass Frau Wojak sich bei mir entschuldigt.“ Denn ihn hatte die Direktorin mit dem „Ausspielen von Zeitzeugen“ unter anderem gemeint. Offman hatte betont, nicht alle Zeitzeugen hätten etwas gegen das NS-Kürzel im Namen.

OB Ude zeigte Verständnis für Wojak. Auch wenn sie „die Grenzen der Kommentierung einer Stadtratsentscheidung in inakzeptabler Weise überschritten“ habe, so könne er doch ihre Enttäuschung verstehen. Auch Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde und Kuratoriumsmitglied, nannte es „zutiefst menschlich“, dass bei dem Thema „die Emotionen hochkochen“. Dies dürfe aber nicht dazu führen, dass die Aufarbeitung der Vergangenheit „durch Querelen auf Nebenschauplätzen gebremst wird“. Wojak führe ihr Team „exzellent, fähig und sensibel“. Weder das Team noch dessen Ergebnisse sollten „aufgrund sachfremder Aspekte in Zweifel gezogen werden“. Ude betonte: „Auch wenn Frau Wojak sich erklären muss - das Tischtuch ist nicht zerschnitten.“

Der Stadtrat hatte sich mit seiner Entscheidung auch über eine Empfehlung des Kuratoriums hinweggesetzt - und so fürchtet Theo Waigel nun weitere Diskussionen: „Wir stehen vor schwierigeren Problemen als der Namensgebung, wenn die Konzeption des Dokuzentrums ansteht.“ Natürlich akzeptiere er die Entscheidung des Stadtrats - aber das Kuratorium habe sich in der Sache vorher zweimal getroffen, um eine Einigung herbeizuführen. „Oft werde ich das nicht machen, dass ich in einem solchen Fall die nicht gerade unterbeschäftigten Mitglieder des Kuratoriums zusammenrufe. Ich hätte mir gewünscht, dass man unser klares Votum nicht nur zur Kenntnis nimmt.“

Was Wojaks Zukunft angeht, enthält sich der ehemalige Bundesfinanzminister der Stimme: „Ihre Erklärung führt natürlich zu weiteren Diskussionen, die ich eigentlich gerne vermieden hätte.“ Aber: „Meine Aufgabe ist, mit den gewählten Kräften vertrauensvoll zusammenzuarbeiten. Ich bin nicht ihr Dienstvorgesetzter, es ist Aufgabe der Stadt, die Dinge zu bewerten.“

Johannes Löhr

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