Experten diskutieren über Vision

Rollen bald doppelstöckige S-Bahnen durch München?

München - Die Stadt München fasst ein heißes Eisen an: Auf einer Tagung am Freitag werden Experten über die Einführung von Doppelstock-S-Bahnen beraten. Die Realisierungschancen sind offen.

2010 war der Münchner CSU-Stadtrat Georg Kronawitter in Paris unterwegs. Da sah er sie, auf der Innenstadt-Linie A: doppelstöckige Metro-Züge. Geräumig, schnell, modern. Wäre das nicht auch für die Region München etwas, fragte sich der Bahnexperte. „Es lohnt sich, darüber zu diskutieren“, meint Kronawitter. Schließlich sind manche S-Bahn-Linien hierzulande im Berufsverkehr überfüllt.

Eine Lösung dieses Problems ist bisher nicht in Sicht. Erstens hat die S-Bahn München nur 238 Züge des Typs 423, der nicht mehr hergestellt wird. Und zweitens lässt die dichte Gleisbelegung auch kaum mehr Züge zu. Die S 1 Richtung Freising etwa muss sich die Gleise mit dem Regionalverkehr teilen, ebenso die S 4 Richtung Geltendorf. Was bliebe, wäre eine Vergrößerung der Kapazität – zum Beispiel durch Doppelstock-Waggons.

Auf Anregung des Stadtrats hat die Stadt München nun eine eintägige Veranstaltung zum Doppelstock-Betrieb organisiert. Am Freitag werden im Verkehrszentrum des Deutschen Museums sowohl Vertreter der großen Zughersteller Alstom, Bombardier und Stadler als auch die Verantwortlichen der Deutschen Bahn sprechen. S-Bahn-Chef Bernhard Weisser zum Beispiel wird über die Anforderungen des Fahrbetriebs referieren, Stefan Kühn von DB Netz über die Anforderungen der Infrastruktur.

Klar ist: Ein Doppelstock-Zug würde in den Tunnel passen, dieser müsste nicht erweitert werden. Dennoch stellen sich eine Reihe von komplizierten Detailfragen, die den Einsatz verhindern könnten. Ein bisher ungelöstes Problem ist zum Beispiel der Brandschutz. Ein Doppelstock-Zug im Stammstrecken-Tunnel muss brandtechnisch ganz anders beurteilt werden als eine herkömmliche S-Bahn, sagt ein Kenner der Materie.

Zweites Problem: Die S-Bahnen sind spurtstarkim Gegensatz zu den herkömmlichen Doppelstock-Zügen, die im Regionalverkehr fahren. Das aber bedeutet, dass der bisherige Fahrplan in der Stammstrecke, in der die S-Bahnen teilweise im Zwei-Minuten-Takt an- und abfahren, hinfällig wäre. Die Bahn erinnert daran, dass schon 1984 die damalige Deutsche Bundesbahn versuchsweise Doppelstock-Züge durch die Röhre schickte. Der Versuch ging, salopp gesagt, in die Hose. Die Züge konnten den Fahrplan nicht einhalten, weil die Fahrgäste kaum die Treppe hinunter kamen und daher Ein- und Ausstieg zu viel Zeit in Anspruch nahmen. „Das ist eines der Kernprobleme“, sagt der Bahn-Experte der Grünen in Bayern, Martin Runge, der eher skeptisch ist. Womöglich müsste eine Doppelstock-S-Bahn völlig neu konzipiert werden.

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Aber auch dabei stellen sich viele offene Fragen: Manche Hersteller haben gar keine Doppelstöcker im Programm und offenbar auch nicht vor, das zu ändern – der Titel des Vortrags, den der Vertreter des Zugherstellers Stadler halten will, lautet vielsagend: „Systembedingte Nachteile bei der Projektierung einer Doppelstock-S-Bahn“. Auch das bayerische Wirtschaftsministerium ist an dem Thema eher desinteressiert. Zwar kommen zwei Vertreter zur Tagung. Bei der zuständigen Bayerischen Eisenbahngesellschaft, die dem Ministerium untersteht, hat man indes im Vorfeld abgewunken: kein Interesse.

Bei der Stadt München ist man daher bemüht, den Ball flach zu halten. „Mit der Tagung erfüllen wir einen Stadtratsbeschluss. Wir möchten diskutieren, ergebnisoffen und ohne Druck“, sagt Thomas Schmidt vom Planungsreferat der Stadt. Gewünscht sei eine Pro-und-Contra-Diskussion. „Was dabei herauskommt, wissen wir nicht.“

Dirk Walter

Rubriklistenbild: © obs/Deutsche Bahn AG/Christian Bedeschinski

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