Drüsen-Uhr und Finger-Fallbeil

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Von Werner Kurzlechner

Aus einer Vitrine im Gang grüßen Dutzende Eulen, bunte, blasse, aus Keramik, Holz und Kunststoff. An der Tür daneben klebt ein Schild: Achtung Meldepflicht! für Diabetiker und Markumar-Patienten. Früher schlief die 14-jährige Anja in dem Zimmer, heute beherbergt Familie Neumann aus Pasing dort einen anderen Schatz. Die Vogelfiguren verraten, dass Anja von Vater Werner die Sammelleidenschaft geerbt hat. Das Schild erklärt, dass Werner Neumann andere Trophäen jagt als Uhus: Der 47-jährige Gas- und Wasser-Installateur hat ein Diabetes-Museum aufgebaut und über die Zahl der Exponate längst den Überblick verloren.

Noch in den 80er-Jahren war das Messen schmerzhaft

Als Anja 20 Monate alt war, diagnostizierten die Ärzte bei ihr Typ-1-Diabetes  Jugendzucker. Sie trägt eine Insulinpumpe und muss regelmäßig ihren Blutzuckerspiegel messen. Das geht einfach und schmerzfrei. Wie anders die Prozeduren einst abliefen, illustriert Vaters Sammlung.

Anja nimmt ein rundes Messgerät aus dem Schrank. Dessen Nadel flitzte einst wie ein Fallbeil in die Fingerkuppe. Funktioniert wie eine Guillotine, erklärt die Schülerin. Warum das Ding in den 80er-Jahren als Fortschritt galt, lassen die Metallteile daneben erahnen: Schlanke Mini-Pistolen, deren Spitzen mit Karacho in die Adern schossen. Ähnlich arbeiteten die monströsen Spritzen vor Erfindung der füllerartigen Pens. Damit jagten sich die Kranken das Insulin leger in den Oberschenkel, sagt Werner Neumann.

Als Neumann vor sechs Jahren das Geburtshaus des Insulin-Entdeckers Frederick Banting in Kanada besuchte, interessierte ihn "der alte Müll" noch nicht. Mittlerweile sucht er ständig nach Stücken für seine Dokumentation bevorzugt in Internet-Auktionshäusern. 400 Bücher hat er beisammen und saugt aus ihnen Wissen wie ein Schwamm. Dass Hoechst 1923 als erste deutsche Firma Insulin herstellen durfte, hat er ebenso parat wie Bantings Todesjahr: 1941, Flugzeugabsturz über Neufundland.

Bei Neumanns findet sich auch Skurriles: DDR-Relikte wie Rotkäppchen-Sekt für Zuckerkranke und Diabetiker-Wermut aus dem VEB Vereinigte Thüringer Weinkellereien. Ein Plakat im Nazi-Propagandastil, auf dem Schwein, Schaf und Kuh die Fleischer aufrufen, tierische Organe als Insulin-Rohstoff für die "Volksgesundheit" zu spenden. Eine Pankreas-Uhr mit goldener Bauchspeicheldrüse auf dem Ziffernblatt. <P>Den Anfang der Sammlung machten zwei Apparate, mit denen vor Jahrzehnten der Zuckerpegel gemessen wurde: ein Diabetometer für Harn, ein Kolorimeter für Blut. "Damals brauchten Zuckerkranke ein richtiges kleines Chemielabor", sagt Neumann. Die Gebrauchsanweisung für das Kolorimeter: Pikrinsäure ins Blut mischen, über einem Trichter Eiweißstoffe herausfiltern, mit Natronlauge abkochen. Irgendwann kam ein Destillat heraus, dessen Farbe Auskunft gab: Bei Gelb lag der Spiegel niedrig, bei Rot hoch.

So viel Neumann bisher gesammelt hat, komplett ist sein Museum längst nicht. So sucht er noch Insulin-Bezugskarten aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit konnten sich Zuckerkranke in der Apotheke versorgen, falls das Hormon vorrätig war. Ansonsten blieb nur eine äußerst ungesunde Überlebensstrategie: eine Diät mit Tomaten und Salatgurken.

Werner Neumann zeigt sein an der Veldener Straße gelegenes Museum auf Anfrage. Telefon: 089 / 56 42 18.

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