Diskussion um hochdeutsche Schriftsprache

Brauchen wir ein Südhochdeutsch?

München - Brötchen statt Semmel. Und Kohl statt Kraut. Wo endet der Dialekt, und wo beginnt die Schriftsprache? Der Duden schreibt uns vor allem norddeutsche Wörter vor. Dabei wäre es höchste Zeit für ein Südhochdeutsch. Ein Plädoyer.

Die Überzeugung der Norddeutschen, nur ihre Sprache sei hochdeutsch, ist ein fataler Irrtum der Sprachgeschichte. Oberste Irrtumsinstanz ist der überwiegend norddeutsche Duden. Man dekretiert dort nationales Standard-Deutsch und hält sich herablassend einige nationale österreichische und schweizerische Duden-Ausschüsse. Laut Duden werden, die deutsche Hochsprache ergänzend, einige „landschaftliche“, „bayerische“, „österreichische“ und „umgangssprachliche“ Wörter geduldet. Das Duden-Deutsch ist eben Deutsch schlechthin. Alles andere ist Dialekt! „Die könn’ nich’ mal Hochdeutsch!“

Die Millionen Deutschen im Süden, die statt Brötchen Semmel sagen, statt Bindfaden Schnur, statt Schnürsenkel Schuhband, statt Apfelsine Orange, statt Sperling Spatz, statt Quark Topfen, statt Kohl Kraut, statt komm hoch komm herauf, statt lecker gut und so fort, sind das Exoten, die nur Dialekt und nicht Hochdeutsch können?

Es gibt für diesen inakzeptablen und arroganten Standpunkt eine leicht durchschaubare terminologische Strategie. Man verwende weder den Begriff Nordhochdeutsch (das ist eben Dudendeutsch oder Deutsch schlechthin) noch Südhochdeutsch. Obwohl: Jeder Nichtstudierte kann mühelos Süd- und Norddeutsch unterscheiden. Trotz der Begriffe „althochdeutsch“ und „mittelhochdeutsch“, die eine nie vorhandene Sprachgeschichte vorgaukeln, hat es übrigens noch nie ein einheitliches Hochdeutsch gegeben. Daher gibt es auch weder im Duden noch in Wikipedia den Begriff „Südhochdeutsch“. Der einzige, der den Begriff bisher mit vielen Beispielen und Vergleichen verwendet hat, ist der vor 15 Jahren verstorbene bayerisch/bairische Anglist/Romanist Johann Höfer und sein Sohn (Germanist, Latinist, Anglist) Armin Höfer in dieser Zeitung. Der Bub/die Buben ist südhochdeutsch, da Bua/de Buama bairisch und der Junge/die Jungs nordhochdeutsch, ebenso komm herauf / kim auffa / komm hoch.

Germanisten und Sprachwissenschafter meiden den Begriff „Südhochdeutsch“, als wäre er eine völlig unwissenschaftliche Spinnerei. Nur Nicht-Germanisten, die aus anderen Sprachen übersetzen, wissen, dass man für ein Wort des Polnischen, Französischen oder Italienischen im Deutschen meist zwei zur Wahl hat: zur Wahl? Nein. Eines davon ist südhochdeutsch, das andere nordhochdeutsch (also Duden-deutsch). Wir brauchen für unser Selbstbewusstsein den Begriff Südhochdeutsch, auch wenn er von sogenannten „Fachleuten“ gemieden wird, und Nordhochdeutsch, um zu erkennen (von sprachbewussten Süddeutschen längst erkannt), wohin die Reise geht oder gehen könnte.

Aus Frust vor so viel Verordnung wird in Österreich die Frage diskutiert, ein eigenes österreichisches Deutsch zu schaffen. Das zuständige Ministerium in Wien hat gerade eine Broschüre mit diesem Titel an alle Schüler verteilt. Diese etatistische Etikettierung in österreichisch und deutschländisch ist absurd und nicht zielführend. Es wäre ein unnötiger Provinzialismus, den das deutsch-sprachige Österreich mit so vielen wunderbaren Dichtern und Schriftstellern wirklich nicht nötig hat.

Endlich ist in der germanistischen Diskussion der Begriff „pluralistisch“ aufgetaucht: es gibt Sprachen mit großen und kleinen Sprachvarietäten, mit zwei oder mehreren Standards. Doch die klare Dualität von Süd- und Nordhochdeutsch bleibt ein vom Duden gehütetes Geheimnis. Vor allem – leider auch bei zuständigen Germanisten. Der Förderverein für Bairische Sprache und Dialekte sollte besser ein Förderverein für Südhochdeutsch und Bairisch werden! Bairisch ist nun einmal unser Dialekt, eine Sprech- und keine Schriftsprache. Südhochdeutsch schon.

Die Geschichte zeigt die Entwicklung des Deutschen und seiner Dialekte. Im Gegensatz zu anderen Schriftsprachen ist es keinem Dialekt gelungen, hochdeutsch zu werden. Es gab Versuche mit Altalemannisch, Altfränkisch und Altbairisch (alles vulgo „Althochdeutsch“). Die von Jakob Grimm begründete Terminologie (alt/mittel/neuhochdeutsch) hat Verwirrung gestiftet und ist in der Bedeutung „einheitliches Deutsch“ einfach falsch. Erst durch die Bibelübersetzung des Martin Luther ist ein möglichst verständliches überregionales südliches Misch-Deutsch entstanden. Gottsched († 1766) hat das meissnerische Deutsch (vulgo „Sächsisch“) für alle Deutschen vertreten und der steirische Slowene Siegmund Popowitsch († 1774) in Wien das südliche Deutsch. Es gab seit Luther die Vision, ein einheitliches Deutsch für alle „Deutschsprachigen“ zu schaffen. Sie wurde vom 18. Jahrhundert an in verschiedenen Ideologien bis zum nationalsozialistischen Einheitsdeutsch versucht. Wegen der tief verwurzelten Dualität des deutschen Sprachraums ist diese Option undurchführbar und aussichtslos.

Das südliche Deutsch, wie es in Österreich-Ungarn seit Maria Theresia, vom Wiener Hof ausgehend, üblich wurde, hat viel Norddeutsches angenommen, nachdem man der norddeutsch/preußischen Übermacht nachgegeben hatte: Österreich hat das nördliche Deutsch in der Schule offiziell eingeführt, praktisch jedoch das vertraute Südhochdeutsch fortgesetzt. Es gibt in Österreich längst eine südhochdeutsche Sprache, die aber unbenannt ist und keinen südhochdeutschen Duden hat, an den man sich halten könnte.

Anders vollzog sich die Geschichte des bairischen Dialekts. Bairisch ist eine Kreolsprache aus Ladinisch und Alemannisch. Es entstand an Salzach und Inn auf dem Territorium des alten Erzbistums Salzburg. Es war Jahrhunderte und besonders seit dem Entstehen der südhochdeutschen Schriftsprache in Österreich die wichtigste Quelle des süddeutschen Hochdeutschs.

Südhochdeutsch muss im Gegensatz zu einem unrealistischen „deutschländischen“ und „österreichischen“ Deutsch eine Realität und ein bayerisch/österreichisches Programm werden, auch wenn es dafür (noch) keinen Duden gibt. Das kann nur durch eine wohl durchdachte Neugestaltung des Sprachunterrichts (Südhochdeutsch und Dialekt) in den Schulen (vom Kindergarten bis zur Universität) geschehen. Gerade der Kindergarten, wo den Kindern der Dialekt meistens schon abgewöhnt wird, hat eine wichtige Funktion. Wir im Süden lieben keine Normen, sondern sprachliche Freiheit. Trotzdem: Wenn wir unsere Sprache erhalten wollen, brauchen wir einen dem Nord-Duden gleichberechtigten Süd-Duden (als Wörterbuch und Grammatik)! Sonst bleiben Lehrer und Kinder sprachlich desorientiert. Den (nordhochdeutschen) Duden als Norm für alle Beamten (und insbesondere Lehrer) in ganz Deutschland vorzuschreiben, ist eine diktatorische Willkür und gegen elementarstes Sprachenrecht. Hier wäre die Reform anzusetzen.

Die lebendige Zweisprachigkeit von Schriftsprache und Dialekt ist eine Möglichkeit grenzenloser sprachlicher Kreativität: eine Lebensphilosophie des romanischen, mediterranen, katholischen und barocken Südens, die dem normbewussten, eher einsprachigen, protestantischen Norden fremd ist. Das braucht nicht zu bedeuten, dass der südhochdeutsche Sprachraum sich exakt vom nordhochdeutschen abgrenzen soll. Sprache ist etwas Lebendiges, sie ändert sich von Generation zu Generation. Unsere Kinder haben ein Recht auf ihre Sprache. Sie sollen sich aber um Gottes willen nicht schämen, nicht nordhochdeutsches Duden-Deutsch zu sprechen. Sie sollen sich nicht ins Nordhochdeutsche flüchten müssen. Es ist ein Skandal, dass Österreich bei seinem EU-Beitritt um einige südhochdeutsche Wörter betteln musste. Dass es zwischen Bayern und Österreich auch eine Reihe von Verschiedenheiten gibt (Kartoffel oder Erdäpfel, Schlagrahm oder Schlagobers) wie innerhalb Österreichs selbst und oft mehrere Wörter für dieselbe Sache, ist normal und Zeichen eines lebendigen Sprachraums. Nur Diktaturen bringen es zu Einheitssprachen.

Fangen wir endlich an, unser Südhochdeutsch selbstbewusst und ungeniert zu reden und zu schreiben! Ohne schlechtes „Duden-Gewissen“.

Otto Kronsteiner

Otto Kronsteiner

Der Autor ist Slawist, Sprachwissenschafter, Namenforscher und Historiker. Von 1981 bis zur Emeritierung 2007 war er Ordentlicher Professor für Slawistik und slawische Geistesgeschichte an der Universität Salzburg.

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