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Dürfen nicht und wollen auch nicht: Michaela Bräunlein und Reinhold Stingl auf ihren E-Scootern. Der Bus im Hintergrund ist für die Fahrzeuge tabu.

Petition kämpft gegen Verbot

Bus und Tram: E-Scooter müssen draußen bleiben

München - Weil die Gefährte nicht sonderlich stabil stehen, dürfen sie nicht in Bus und Tram mitgenommen werden. Jetzt gibt es eine Petition für eine Beförderungspflicht.

Eigentlich machen E-Scooter Gehbehinderten das Leben leichter. Sie helfen, mobil zu bleiben und auch Strecken zu bewältigen, die im Rollstuhl oder zu Fuß zu anstrengend wären. Im Münchner Nahverkehr aber werden sie zum Hindernis. Denn bei Bus und Tram müssen E-Scooter-Fahrer draußen bleiben.

München ist kein Einzelfall. In vielen deutschen Städten dürfen die Elektromobile nicht in die öffentlichen Verkehrsmittel mitgenommen werden. Für den Betroffenen heißt das logischerweise: Auch er bleibt außen vor. Deshalb hat der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter (BSK) eine Petition gestartet, die eine allgemeine Beförderungspflicht für die Scooter fordert. „Bislang fehlt es an einer bundeseinheitlichen Regelung für die Mitnahme von Elektromobilen. Aus dieser Rechtsunsicherheit heraus haben viele Verkehrsbetriebe die Mitnahme von Elektromobilen in ihren Bussen ausgeschlossen“, erklärt BSK-Sprecher Peter Reichert.

In München gilt derzeit die Regel: In S- und U-Bahn können die E-Scooter fahren, in Bus und Tram dagegen nicht. Denn anders als bei Rollstühlen gibt es für die Scooter keine Produktionsnormen und Zertifizierung. Bei rund 400 Herstellern kann so nicht garantiert werden, dass die Gefährte in den öffentlichen Verkehrsmitteln in jeder Verkehrssituation stabil stehen bleiben. Passiert ein Unfall, müssten trotzdem die Verkehrsbetriebe die Haftung übernehmen.

„E-Scooter haben, anders als Rollstühle, einen sehr hohen Schwerpunkt und können daher beispielsweise bei Vollbremsungen in Bus oder Tram leicht umkippen“, erklärt MVG-Sprecher Matthias Korte das Problem. Selbst einige Hersteller der Mobilitätshilfen würden in ihren Gebrauchsanleitungen davon abraten, ihre Produkte mit in öffentliche Verkehrsmittel zu nehmen. „Beim Umkippen eines E-Scooters wird nicht nur der Insasse gefährdet, sondern auch die anderen Fahrgäste sind in Gefahr“, erklärt Korte. In U- und S-Bahn ist das Risiko, unter anderem wegen des deutlich längeren Bremswegs, geringer, weshalb die Scooter dort auch nicht pauschal verboten sind.

Beim Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter hat man durchaus Verständnis für die Bedenken der Verkehrsbetriebe. „Wir sehen vor allem den Gesetzgeber in der Pflicht, verbindliche Regeln zu schaffen“, erklärt BSK-Sprecher Peter Reichert. „So wissen die Scooter-Hersteller, was sie produzieren müssen und die Verkehrsbetriebe, was sie befördern können.“

Bei Münchner E-Scooter-Fahrern stößt die Petition überraschenderweise auf gemischte Reaktionen. Michaela Bräunlein und Reinhold Stingl zum Beispiel sind beide wegen einer Zerebralparese in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt. Die Scooter sind für sie eine Ergänzung zur Fortbewegung zu Fuß und im Rollstuhl. Bisher hat noch keiner der beiden versucht, den Scooter in öffentlichen Verkehrsmittel zu transportieren. Auch nicht in S- und U-Bahn, wo es eigentlich erlaubt wäre. Denn für wirklich nahverkehrstüchtig hält keiner der beiden sein Gefährt. Zu sperrig seien die Roller, um sie über enge Bahnsteige und in schmale Aufzüge zu bugsieren. „Und wenn etwas passiert, gibt es nur Ärger“, meint Stingl. Das Verbot halten Stingl und Bräunlein unter den momentanen Voraussetzungen für sinnvoll. Sie nutzen die öffentlichen Verkehrsmittel lieber mit Gehhilfen oder dem Rollstuhl.

Die Hersteller wollen aber auch sie nicht aus der Pflicht nehmen. Denn: Sollten künftig nahverkehrsfreundlichere E-Scooter-Varianten erhältlich sein, könnte sich zumindest Reinhold Stingl vorstellen, diese einmal auszuprobieren. „Unter der Voraussetzung, dass man niemanden gefährdet natürlich.“

Die Petition des Bundesverbands Selbsthilfe Körperbehinderter läuft noch bis Montag unter www.bsk-ev.org.

Annika Schall

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