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Auf Abruf: Wolfgang Schön aus München posiert in BRK-Kleidung für den Fotografen. Wenn der entscheidende Anruf kommt, fliegt der Spediteur direkt ins westafrikanische Krisengebiet.

Riskanter Einsatz

Dieser Münchner geht freiwillig an die Ebola-Front

München - Seine Hilfsbereitschaft kennt keine Grenzen – im wahrsten Sinne: Wolfgang Schön, 36, aus München geht bald mit dem Roten Kreuz nach Afrika, um Menschen im Kampf gegen Ebola zur Seite zu stehen. Klar hat er Angst – aber ein Stück Heimat wird er sich auch mitnehmen.

Zwei Tage lang hat Wolfgang Schön geübt: rein in den Schutzanzug, raus aus dem Schutzanzug. Immer wieder. Schön, 36, stand in einem Zelt, das auf 40 Grad hochgeheizt war, im Hof der Missionsärztlichen Klinik in Würzburg. Er lernte, wie er in seinem gelben Gummi-Overall einem krampfenden Patienten Blut abnimmt – das ist gar nicht so leicht, wenn man Haube, Handschuhe und Schutzbrille trägt. Sie waren immer zu dritt: einer behandelt, einer desinfiziert, einer beobachtet. Der wichtigste Punkt aber im Trainingslager: den Anzug wieder ausziehen. Ist der einmal kontaminiert, darf man die äußere Seite auf keinen Fall mit bloßer Haut berühren. Wenn Schön nicht aufpasst, ist es zu spät.

Schön hat sich freiwillig zum ehrenamtlichen Ebola-Einsatz gemeldet

Nun sitzt Schön in hellblauem Hemd und roter Helferjacke an einem Tisch beim Bayerischen Roten Kreuz am Heimeranplatz in München, rührt in seinem Kaffee. Schön ist auf Abruf, es kann jeden Moment losgehen. Der Thalkirchner hat sich freiwillig gemeldet, zum ehrenamtlichen Ebola-Einsatz in Westafrika. Er will helfen. „Man kann verschiedene Sachen in seinem Leben tun“, sagt er. „Aber ich finde, mein eigenes Wirken wird erst richtig wichtig, wenn ich etwas für andere Menschen mache.“

Schön, ein herzlicher Typ zum Festhalten, ist BRK-Techniker und Spezialist für Wasseraufbereitung. Vielleicht wird er ein „Ebola-Treatment-Centre“ errichten. In München hat er ein eigenes Umzugsunternehmen. Mit Logistik kennt er sich aus. Jetzt sitzt er gelassen auf seinem Stuhl – obwohl es ungeheuer riskant ist, sich in eine Ebola-Region zu begeben.

Ebola-Epidemie hat Europa erreicht und katastrophale Ausmaße angenommen

Die Epidemie hat längst katastrophale Ausmaße angenommen. Mehr als 4000 Menschen sind bereits gestorben. Angaben der Vereinten Nationen zufolge haben sich gut 8000 Patienten infiziert (Stand: 12. Oktober). Die Dunkelziffer soll noch höher sein. Laut Weltgesundheitsorganisation sind die Länder Guinea, Liberia und Sierra Leone am stärksten betroffen.

Aber Ebola ist nicht mehr nur in Westafrika ein Problem. Die Epidemie hat vor ein paar Tagen Europa erreicht: Eine spanische Krankenschwester hat sich infiziert. Nach Deutschland ist gerade der dritte Patient zur Behandlung gebracht worden. Dem UN-Mitarbeiter in der Leipziger Klinik geht es Ärzten zufolge schlecht. In Frankfurt am Main liegt ein Arzt aus Uganda auf einer Isolierstation. Aus einer Hamburger Klinik konnte ein weiterer Erkrankter gesund entlassen werden.

Ebola-Einsatz: "Andere ziehen vier Kinder groß, das ist auch eine Leistung"

Rund 400 Helfer aus dem Gesundheitsbereich haben sich in Westafrika schon angesteckt. Es bedarf einiger Courage, dasselbe Risiko einzugehen. Schön zuckt mit den Schultern. „Die einen engagieren sich ehrenamtlich, die anderen ziehen vier Kinder groß, das ist auch eine Leistung.“ Er engagiert sich für das Rote Kreuz, seit er 15 Jahre alt ist. Sein älterer Bruder nahm ihn damals mit und sagte, er könne doch in die Jugendgruppe gehen. „Da bin ich hin und war einfach begeistert.“ Ob sein Bruder auch in Kriseneinsätzen hilft? „Nein. Er ist verheiratet“, sagt der 36-Jährige und lacht herzlich.

Bis vor kurzem kamen Ebola-Erkrankte nur über den Luftweg nach Europa. Inzwischen hat sich jedoch eine Frau in Madrid infiziert. Die spanische Krankenpflegerin Teresa Romero, 44, war nur einen kurzen Moment unachtsam: Sie hat wohl aus Versehen ihr Gesicht mit dem infizierten Handschuh ihrer Schutzkleidung berührt, nachdem sie zwei erkrankte Missionare nach deren Rückkehr aus Westafrika behandelt hatte. Romero schwebte in Lebensgefahr, nun soll es ihr besser gehen. 15 Menschen, mit denen sie Kontakt hatte, wurden vorsorglich unter Quarantäne gestellt. Ihr Hund Excalibur wurde vorsorglich eingeschläfert, damit er den Krankheitserreger nicht überträgt. Auch in den USA wurde ein Krankenpfleger positiv auf den aggressiven Erreger getestet, das teilten die Gesundheitsbehörden am Sonntag mit (Weltspiegel). Er hatte einen Ebola-Patienten in einer Klinik betreut – dieser Patient war am Mittwoch gestorben.

Ebola-Helfer Schön hatte zunächst "richtig Angst"

Schön fliegt direkt ins Krisengebiet, nach Liberia oder Sierra Leone. Ursprünglich kommt er aus Bad Kreuznach in Rheinland-Pfalz. Schön ist ein gemütlicher, geselliger Typ, die Gemeinschaft beim Roten Kreuz geht ihm über alles. „Da sind nette Leute, und deswegen nehme ich mir die Zeit für das Ehrenamt.“ Seine Abzeichen und Fotos von Freunden will er sich in sein Zelt hängen. Ein Stück Heimat in Westafrika. „Damit werde ich mich wie zu Hause fühlen.“

Außerhalb Afrikas schotten sich viele Länder ab. Die USA und Großbritannien haben Einreisekontrollen an den großen Flughäfen eingeführt. Reisende, die aus einem der Länder kommen, in denen Ebola ausgebrochen ist, werden noch vor Ort befragt und untersucht. Am New Yorker Flughafen La Guardia weigerten sich jüngst etwa 200 Reinigungskräfte, aus Afrika kommende Maschinen zu säubern. Sie haben Angst, sich anzustecken.

Schön nimmt sein Käppi in beide Hände. Er hat sich reiflich überlegt, ob er tatsächlich nach Westafrika gehen soll. „Bevor ich zur Schulung nach Würzburg bin, war ich mir nicht sicher und hatte richtig Angst“, gesteht er. Nun fühlt er sich jedoch gut vorbereitet. Er habe gelernt, wie sich das Virus überträgt und wie er sich schützen kann. Wenn es im Gesicht juckt, darf er sich nicht wie sonst mit der Hand kratzen. Erst muss er zur desinfizierenden Chlorlösung greifen. „Vor Ort zu sein, ist natürlich eine Erfahrung für sich“, sagt er. Auch wenn im Trainingslager alle möglichen Gefahrenlagen „reell simuliert“ wurden. Schön versucht, gelassen zu bleiben. „Toi, toi, toi.“

Schön war schon als Helfer auf Haiti im Einsatz

Dass ihr Sohn mitten ins Krisengebiet reisen will, davon waren Schöns Eltern nicht begeistert. „Mein Vater hat gesagt, das ist sehr gefährlich.“ Und seine Mutter habe eine halbe Stunde auf ihn eingeredet. Von seinem Vorhaben abbringen konnten ihn die beiden nicht. „Sie haben gesagt, dass sie einfach hoffen, dass ich nicht zum Einsatz eingezogen werde.“ Schön gießt sich eine zweite Tasse Kaffee ein, mit einem Schuss Milch. „Es ist eine riesige Mannschaft da unten, die sich auch gegenseitig hilft“, beschreibt er den Einsatz. Er greift behutsam zur Zuckerdose und lässt langsam zwei Löffel Zucker in den Kaffee rieseln. Es scheint, als ginge er alles, was er macht, mit Bedacht an. Während er versonnen in seiner Tasse rührt, sagt Schön mit fester Stimme: „Man ist nicht alleine in der Fremde verloren. Der Einsatz fühlt sich sinnvoll an."

Mit den Nerven am Ende war er bei einem Einsatz vor vier Jahren: Er war nach dem schweren Erdbeben nach Haiti geflogen und half Betroffenen, als die Cholera-Epidemie ausbrach. „Ich habe mich natürlich gefragt, ob ich mich selbst in unangemessenem Maß einer Gefahr aussetze“, sagt er. „Aber zu helfen, füllt einen hervorragend aus.“ Er hatte aber „eine riesige Portion Angst in der Hose“, sagt er, als er noch daheim die Bilder im Fernsehen sah: Schießereien, Gewalt, Plünderungen. Auf Haiti sah er nichts davon. „Natürlich gab es Schutt und Tote, aber nach den Bildern dachte ich, die fressen sich alle gegenseitig auf.“

Münchner Walter Lindner ist jetzt als Ebola-Beauftragter im Einsatz

So leicht konnte Schön die Erlebnisse in Haiti aber doch nicht wegstecken. Als er beim Hochwasser in Rosenheim Feldbetten aufgebaut hatte, beim Bombenalarm in Schwabing die Häuser evakuierte oder auf der Wiesn mitarbeitete, ist nie jemand gestorben. Auf Haiti schon. Dort verlor er seinen ersten Patienten im Krankenhaus. „Ich dachte damals, jetzt muss doch irgendwas passieren, der Himmel muss sich auftun.“ Aber es war ganz still. „Daran hatte ich lange zu kauen.“ Doch daheim mit guten Freunden und ordentlichem Essen lebte er sich nach dieser Zeit langsam wieder in Deutschland ein.

Nun konnte Schön wieder nicht stillsitzen. Auch in Berlin rührt sich was. Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat einen neuen Posten geschaffen: Der Diplomat Walter Lindner, 57, ein gebürtiger Münchner, ist jetzt als Ebola-Beauftragter im Einsatz. Zuvor Botschafter in Venezuela, bereitete sich der Mann mit Bart und Pferdeschwanz nun auf seine erste Reise ins Krisengebiet vor. Außerdem ist er dabei, einen „Ebola-Sonderstab“ aufzubauen. Auf einen öffentlichen Aufruf meldeten sich rund 1600 Freiwillige.

117 Helfer wurden ausgewählt

, einer von ihnen ist Wolfgang Schön.

Schön ist sich sicher, unversehrt aus dem Ebola-Krisengebiet heimzukehren

Wann es los geht, weiß er noch nicht. Sobald er den entscheidenden Anruf bekommt, wird er seine ausgeblichene BRK-Kappe einpacken, die wie er viele Einsätze überstanden hat, und sich in Berlin mit den anderen freiwilligen Helfern treffen, um gemeinsam nach Westafrika zu fliegen. „Wir werden erst noch einmal vor Ort eine Woche vorbereitet, bevor es in den Einsatz geht“, erzählt Schön. Der Aufenthalt im Land ist auf fünf Wochen begrenzt, damit die Helfer nicht überlastet werden. Schön ist schon zufrieden, wenn er ein kleines bisschen helfen kann: „Mein Einsatz lohnt sich, wenn mit der Maßnahme ein Betroffener mehr die Katastrophe überlebt, als ohne.“

Vielleicht wird er ein bisschen Angst haben. Trotzdem sagt er: „Ich rechne nicht damit, dass ich pünktlich zurückkomme – aber ich rechne fest damit, dass ich unversehrt heimkehre.“ Schließlich wird es im Ebola-Krisengebiet einen besonderen Kollegen geben. Er wird ihn nach jedem Einsatz im gelben Schutzanzug, wenn Schön nicht mehr fit ist, zur Konzentration ermahnen. Unter seiner Anleitung wird Schön jedes einzelne Kleidungsstück ausziehen, sich mit Chlorlösung desinfizieren und sich dabei auf keinen Fall im Gesicht kratzen.

Von Susanne Weiss

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