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Krankenschwester Lucie Perardel von Ärzte ohne Grenzen kontrolliert, ob ihre Brille richtig sitzt.

Große Übung am Flughafen

Ebola: München trainierte bereits für Ernstfall

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München - Die Infektionsgefahr für Ebola ist gering, die Panik aber groß: Der Umgang mit der Seuche ist bizarr - vor allem in den USA. Aber auch München trainierte bereits für den Ernstfall.

Zuerst war es nur einer. Quasi der Patient null in den USA. Dann steckte er erst ein paar, dann immer mehr an, zum Schluss waren es Tausende. Nein, mit Ebola wurde in den USA noch niemand angesteckt, wohl aber mit der Angst vor Ebola. Obwohl Experten die Infektionsgefahr als vernachlässigbar einstufen, blühen vor allem in sozialen Netzwerken Angst und Verschwörungstheorien.

Selbst der Milliardär Donald Trump twitterte, dass es die Inkompetenz der US-Führung zeige, Ebola-Patienten ins Land zu bringen. Er warnte vor einer Seuchenwelle: „Lasst sie draußen!“ Es geht um einen Arzt und eine Schwester, die in Afrika für eine Hilfsorganisation gearbeitet haben. Beide sind mit Ebola infiziert. Der Zustand der Helfer ist ernst, aber stabil. Am Wochenende traf als erster der Arzt in Atlanta ein.

Direkter Kontakt und trotzdem "keine Sorgen um meine Gesundheit"

Ausgerechnet die Behörde, die die Kranken betreuen und die Menschen beruhigen soll, ist die größte Zielscheibe: die Gesundheitsbehörde CDC. Das Vertrauen in sie ist erschüttert, seit der Sender CNN von allzu sorglosem Umgang der Wissenschaftler mit ansteckendem Material berichtete. So soll eine Vogelgrippeprobe mit nur minimalem Schutz transportiert worden sein, und einige Forscher hatten demnach gefährliches Material in Ziploc-Tüten. Das sind die Plastikbeutel, die man oben zudrücken kann – sehr praktisch für ein Butterbrot, unpassend für tödliches Material.

Am sachlichsten sehen es noch die Experten selbst: „Ich werde einer der wenigen sein, die mit den beiden Kranken direkten Kontakt haben werden“, sagte Virologe Bruce Ribner von der Emory University. „Und ich habe keine Sorgen um meine Gesundheit oder die unseres medizinischen Personals.“ CDC-Direktor Tom Frieden sah schlicht eine Verantwortung: „Das sind zwei Amerikaner, die rübergeflogen sind, um Ebola-Patienten zu helfen. Sie verdienen die beste medizinische Betreuung, die sie bekommen können.“

Für den Fall der Fälle: Landratsamt Erding aktualisiert Ebola-Merkblätter

Die Hysterie aus den USA ist in Europa bisher nicht angekommen. Ärzte berichten lediglich von gehäuften besorgten Anfragen ihrer Patienten. Hier wäre neben Frankfurt übrigens München einer der ersten deutschen Flughäfen, die für den Umgang mit Patienten trainiert sind. Zuletzt im November wurde die Ausnahmesituation geprobt. Federführend war die Gesundheitsbehörde im Landratsamt Erding. Um ein realistisches Szenario zu schaffen, stellte die Lufthansa sogar einen Airbus A 340 zur Verfügung.

Das Prozedere: Der Pilot teilt dem Tower über Funk mit, eine Patientin mit schweren Krankheitssymptomen an Bord zu haben. Geübt wird am Boden dann die Zusammenarbeit des Medizinischen Dienstes am Flughafen mit den Experten für Infektionskrankheiten aus dem Klinikum Schwabing. Die Patientin wird in einem entsprechend ausgerüsteten Spezialfahrzeug der Berufsfeuerwehr München zur Sonderisolierstation Schwabing gefahren.

Und jetzt? Das Erdinger Landratsamt verfällt nicht in Panik. Man beobachte die Lage kontinuierlich und stimme sich regelmäßig mit Ministerien, Behörden und dem Flughafen ab, um bestmöglich vorbereitet zu sei, sagt Pressesprecherin Christina Centner. „Derzeit werden die bereits vorhandenen Merkblätter aktualisiert, damit sie im Fall eines Falles, also der Einschleppung der Seuche nach Europa oder Einreise eines potenziell erkrankten Passagiers, griffbereit sind.“

Chris Melzer, Dieter Priglmeir

4 Fragen an Dr. Jonas Schmidt-Chanasit: "Bei uns droht keine Epidemie"

Virologe Dr. Jonas Schmidt-Chanasit

Reisende können das Ebola-Virus auch nach Deutschland bringen. Wie groß die Gefahr ist, darüber klärt Dr. Jonas Schmidt-Chanasit auf, Arzt und Virologe am Bernhard- Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg. Wenn es einen Verdachtsfall gibt, ist er für die Untersuchung der Blutproben zuständig. Auch während des Interviews erreicht ihn eine Anfrage des Hamburger Uniklinikums – ein Pilot aus Sierra Leone.

"Verdacht auf Ebola": Bekommen Sie derzeit öfter solche Blutproben? 

Solche Verdachtsdiagnosen zu überprüfen, gehört zu unserem Tagesgeschäft. Doch fällt der Verdacht bei Reisenden aus Westafrika derzeit häufiger auf Ebola – zu einer anderen Zeit hätte man vielleicht eher an Malaria gedacht. Es gibt viele Krankheiten mit ähnlichen Symptomen.

Schleppt ein Flugreisender das Virus ein – droht dann auch hierzulande eine Epidemie? 

Diese Angst ist absolut unbegründet. Zum einen ist das Gesundheitssystem hier viel besser aufgestellt als in Afrika: Wir haben mehr Behandlungskapazitäten. Reisenden mit einem Verdacht auf eine Ebolainfektion werden sofort identifizert, isoliert, und behandelt. Kontaktpersonen, etwa Mitreisende oder Angehörige, werden ermittelt und gegebenenfalls unter Quarantäne gestellt. Auch wenn sich ein Verdacht bestätigen sollte, entstehen daher keine Infektionsketten wie derzeit in Afrika.

Und was, wenn ein Heimkehrer gar nicht weiß, dass er infiziert ist? 

Selbst wenn Ihnen ein Infizierter in der U-Bahn gegenübersitzt, ist eine Ansteckung absolut unwahrscheinlich. Das Virus wird nicht über die Luft, sondern über Körperflüssigkeiten wie Blut, Speichel und Urin übertragen. Sie müssten schon direkten Kontakt haben, um sich zu infizieren. Auch ist das Risiko am höchsten, wenn der Patient bereits erkrankt ist. Dann wird er hierzulande normalerweise zum Arzt gehen.

In Afrika ist das nicht so? 

Viele Leute dort haben Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Die Toten werden zudem gewaschen und geküsst. Manche Menschen glauben gar, dass kein Virus, sondern Hexerei Ursache der Krankheit ist. Oder sie halten Ebola für eine Erfindung von Politikern oder den Weißen. Im Gegensatz etwa zum Kongo oder Uganda hat man in Westafrika zudem keine Erfahrung mit dem Virus. Der Grund für das Ausmaß der Epidemie ist der Umgang mit der Krankheit. Bei uns wäre eine solche daher nahezu ausgeschlossen.

Interview: Andrea Eppner

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